Angela Merkel: Der Kampf an der Basis - DER SPIEGEL
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Angela Merkel Der Kampf an der Basis

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wolfenbüttel - Angela Merkel wird mit stehendem Beifall gefeiert, nachdem sie sich am Freitagabend vorbei an unzähligen Kameras ihren Weg zur Parteibasis gebahnt hat. Knapp 900 CDU-Mitglieder sind nach Wolfenbüttel gekommen, um von ihrer Generalsekretärin zu erfahren, wie es in der Finanzaffäre der Partei weitergehen soll. Viele Besucher haben bereits eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung in der schmucklosen Mehrzweckhalle Platz genommen. Dort findet die erste von insgesamt sieben Regionalkonferenzen statt, mit denen die Union noch vor dem Essener Parteitag vom 9. bis 11. April die Meinungsbildung an der Basis fördern will. Aus den Lautsprechern tönt Peter Alexander: "Ich zähle täglich meine Sorgen."

Als Merkel ans Mikrofon tritt, wandelt sich die Stimmung spürbar. Ruhig und sachlich schildert die Generalsekretärin die verfahrene Situation der Partei, wirbt nachdrücklich um Vertrauen. "Sie haben in den letzten Monaten vieles hören und sehen müssen, was sie zutiefst aufgewühlt hat. Sie haben schwierige Diskussionen zu bestehen. Wir müssen uns jetzt darüber verständigen, was war, aber auch, wohin es gehen soll", sagt Merkel.

Auf den scheidenden CDU-Chef Wolfgang Schäuble muss die Basis an diesem Abend verzichten, obwohl er bis Mittwoch fest als Hauptredner eingeplant war. "Bewährungsprobe nutzen - Vertrauen gewinnen", darüber wollte Schäuble reden - doch nach seinem Rückzug muss Merkel die Diskussion mit der Basis alleine meistern.

Unterstützt wird die 45-Jährige, in der viele im Saal schon die neue Parteivorsitzende sehen, an diesem Abend von Niedersachsens CDU-Chef und Bundesvize Christian Wulff. Der hatte sich in der Parteispendenaffäre schon früh mit scharfen Statements gegen Kohl auf die Seite der Aufklärer geschlagen und Schäuble bis zuletzt den Rücken gestärkt. Auch auf Merkel hält Wulff große Stücke. "Sie ist eine Frau, die die Union in eine neue Zeit führen kann", glaubt der Niedersachse.

Auch die Basis setzt in die Generalsekretärin an diesem Abend große Erwartungen: "Ich will deutliche Worte zur Aufklärung der Spendenaffäre von ihr hören, aber auch zur Zukunft der Partei", fordert Frank Oesterhelweg, Bürgermeister eines kleinen Dorfes nahe Goslar.

Der 39-Jährige würde die promovierte Physikerin gerne als Parteichefin sehen. Auch die meisten anderen Unionsmitglieder sehen in Merkel die Idealbesetzung für die Nachfolge von Wolfgang Schäuble: "Wir haben zwar eine Männerwelt, aber wenn die Oberen schlau sind, dann stimmen sie für Frau Merkel. Sie hat Kompetenz und Intellekt", sagt Ute-Margit Weisse. Nur wenige CDU-Mitglieder trauen Merkel den Parteivorsitz nicht zu. "Sie hat nicht die Kraft zu integrieren. Und ich glaube auch nicht, dass sie die Volksmassen bewegen kann", meint Burkhard Büsing.

Doch die größten Sorgen scheint den meisten Christdemokraten nach wie vor die Haltung von Altkanzler Helmut Kohl zu bereiten. Die Enttäuschung über den halsstarrigen Patron ist allgegenwärtig. Niedersachsens CDU-Ehrenvorsitzender Wilfried Hasselmann bringt die Haltung vieler auf den Punkt: "Was hätte Schäuble denn tun sollen - hätte er Kohl ans Kreuz nageln sollen?"

Sigrun Stock, Anita Pöhlig