Schulz und Merkel nach TV-Duell Bierzelt oder Bundestag
Martin Schulz beim Gillamoos
Foto: CHRISTOF STACHE/ AFPAuf Angela Merkel wartete der nächste Gipfel, auf Martin Schulz ein bayerisches Bierzelt. Am Tag nach dem Duell sind die Rollen zwischen Kanzlerin und Herausforderer wieder klar verteilt.
Merkel spricht im Kanzleramt mit Vertretern von Ländern und Kommunen über die Auswirkungen der manipulierten Abgaswerte bei Dieselautos, über die schmutzige Luft in den Städten. Der Dieselskandal ist inzwischen Chefsache, "stocksauer" sei sie auf die Autobauer, hatte die CDU-Chefin am Sonntagabend in einer ungewohnt emotional zur Schau getragenen Aufwallung betont.
Schließlich geht es um Millionen Autofahrer - und damit um potenzielle Wähler der Union. Das Treffen in der Regierungszentrale ist gewissermaßen Wahlkampf auf großer Bühne.
Es ist eine Bühne, die Schulz fehlt. Zur gleichen Zeit am Montagvormittag versucht Schulz auf dem Abensberger Volksfest Gillamoos aus dem Duell zumindest ein bisschen Schwung für die letzten Wochen bis zur Wahl mitzunehmen. Er attackiert die "noch amtierende Kanzlerin", die nur die Vergangenheit verwalten wolle. "Kann einer mit Bart und Glatze und Kassengestell Kanzler werden?", ruft Schulz ins Zelt. "Ja, er kann!"
Kann er wirklich? Die Umfragen nach dem Duell ergeben für Schulz ein zwiespältiges Bild. Den Meinungsforschern von Infratest dimap zufolge fanden 55 Prozent der Zuschauer Merkel überzeugender - 35 Prozent sahen Schulz vorne. Bei der Forschungsgruppe Wahlen war der Abstand knapper: 32 Prozent für Merkel, 29 für Schulz.
Immerhin, eines dürfte das Schulz-Lager trösten: Unter den Befragten mit einer noch unsicheren Wahlabsicht hinterließ für 25 Prozent Merkel und für 29 Prozent Schulz den besseren Gesamteindruck - für 46 Prozent lagen beide auf einem Niveau. In einer SPON-Umfrage des Instituts Civey erklärten allerdings mehr als drei Viertel der Befragten, sie würden ihre Wahlabsicht wegen des Duells nicht ändern. Rund 10 Prozent erklärten, sie hätten ihre Meinung zugunsten der SPD geändert.
Die kleineren Parteien könnten profitieren
Und so muss die SPD bis zum Wahltag am 24. September weiter auf die immer noch hohe Zahl von Unentschlossenen setzen. Doch wer sagt, dass diese nicht auch zu den kleineren Parteien abwandern, nach einem Duell, das in den Augen vieler Beobachter keines war?
Grüne, FDP, Linke und AfD versuchen - in unterschiedlicher Nuancierung - genau an diesem Punkt anzusetzen. "Ich finde, es hat sich angefühlt wie die Wartezeit beim Einwohnermeldeamt", lästerte FDP-Chef Christian Lindner via Twitter. Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt schrieb, "das war kein Duell, sondern ein Duett". Linken-Kollege Dietmar Bartsch nannte es "90 quälende Minuten großkoalitionäres Therapiegespräch". Und die AfD-Vorsitzende Frauke Petry twitterte: "Große Pläne und Ambitionen von zwei Parteien, die in der Regierung sitzen."
Dort die beiden kuschelnden Großkoalitionäre, hier die echten Alternativen - das ist die Linie, die die kleineren Parteien in den kommenden drei Wochen im Kampf um Platz drei hinter Union und SPD weiter verfolgen werden. Am Montagabend, für den in der ARD der TV-"Fünfkampf" (die CSU ist auch dabei) ausgerufen ist, wollen sie beweisen, dass sie anders als die Großen wirklich unterscheidbar sind.
Für FDP und Grüne geht es dabei auch um eine reale Machtperspektive, schließlich sind sie potenzielle Koalitionspartner für beide Volksparteien - in einer Zweier- oder Dreier-Konstellation.
Für Schulz gibt es keine große Bühne mehr
SPD-Kandidat Schulz wird sich auch nach dem TV-Duell mit dem Grundproblem seines bisherigen Wahlkampfes herumschlagen müssen: Wie verschaffe ich mir Aufmerksamkeit? Da ist nicht nur der Außenminister Sigmar Gabriel, der in den vergangenen Wochen medial präsenter wirkte als der Kanzlerkandidat. Schulz wird keine Gelegenheit mehr haben, sich mit der Kanzlerin direkt zu messen. Ein zweites TV-Aufeinandertreffen vor Millionenpublikum hatte Merkel verweigert.
Angela Merkel, Horst Seehofer beim Diesel-Treffen im Kanzleramt
Foto: Sean Gallup/ Getty ImagesAm Dienstag wird das Schulz-Problem einmal mehr augenfällig sein: Im Bundestag gibt es eine "Debatte zur Situation in Deutschland" - wie vor vier Jahren kurz vor der Bundestagswahl. Während sich aber damals Kanzlerin Merkel und ihr SPD-Herausforderer Peer Steinbrück im Plenum immerhin an einem Schlagabtausch versuchen konnten, wird diesmal der SPD-Kanzlerkandidat fehlen - weil der frühere Präsident des Europaparlaments kein Bundestagmandat hat.
Nun sollen, wie zu hören ist, für die SPD Außenminister Sigmar Gabriel und Fraktionschef Thomas Oppermann das Kunststück vollbringen, Koalitionäre und Merkel-Kritiker in einem zu spielen. Ein schmaler Grat - zu harsche Kritik an der immer noch gemeinsamen Kanzlerin würde unglaubwürdig wirken.
Für Schulz hingegen bleibt bis zur Wahl kaum mehr als das, was er ohnehin bislang tut: Er versucht, sich von außen Gehör zu verschaffen. Das wird schwer genug, so wie sinnbildlich an diesem Montag. In Berlin regiert die Kanzlerin, der Herausforderer müht sich in der bayerischen Provinz. Es ist und bleibt ein Wahlkampf der Ungleichgewichte.
Beim Gillamoos-Volksfest tritt am Montag auch Karl-Theodor zu Guttenberg auf, der nach seinem Minister-Sturz die vergangenen sechs Jahre überwiegend in den USA gelebt hat. Der CSU-Mann kämpft wie Schulz um Aufmerksamkeit, seit Wochen wird über seine Rückkehr in die große Politik spekuliert.
Guttenberg wiederholt im CSU-Zelt einen giftigen Satz, den er schon am Sonntagabend in einer Talkrunde gebracht hatte. Während der ersten Stunde des TV-Duells habe er gedacht, "wir müssen aufpassen, dass sich die beiden nicht plötzlich umarmen" und die Fusion der beiden großen Volksparteien verkünden.