Antisemitismus in Berlin: »Nie wieder« ist nirgendwann – Kolumne - DER SPIEGEL
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Nikolaus Blome

meinung •Antisemitismus in Berlin »Nie wieder« ist nirgendwann

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Irrwitz, Ideologie und dysfunktionaler Dilettantismus verbinden in Berlin Universitäten, Politik und Kultur. Bleibt wohl nur: Defund them!
Propalästinensische Kundgebung an der FU Berlin (am 8. Februar)
Propalästinensische Kundgebung an der FU Berlin (am 8. Februar)

Propalästinensische Kundgebung an der FU Berlin (am 8. Februar)

Foto: Monika Skolimowska / dpa

»Entmündigt diese Stadt«, schrieb ich hier vor einem Jahr und dachte, dass man das so bald nicht toppen werde. Berlin nicht und ich auch nicht. Aber immer, wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo die Hauptstadt her. Es ist wie ein langer, böser Traum.

Anfang 2023 stand die Wiederholung der schuldhaft versemmelten Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus an. An diesem Wochenende folgte die Teilwiederholung der ebenso verstümperten Bundestagswahl . Am 26. September 2021 fanden nämlich Abgeordnetenhaus- und Bundestagswahl gleichzeitig statt. Und eine Bezirkswahl. Und ein Volksentscheid. Und ein Marathonlauf. Alles zusammen ging dann in die Hose.

Aber: Damals machte sich Berlin lediglich zum Gespött der Republik. Jetzt hingegen wird es ernst. Jetzt verbreitet sich eine absolute, nicht mehr zu steigernde (wobei: wer weiß?) Fassungslosigkeit, wie viele Schattierungen von Irrsinn und Indolenz in Berlin nahtlos aneinander passen. Die Stadt macht sich nicht mehr lächerlich. Sie macht sich schuldig.

Ein jüdischer Student an der West-Berliner Freien Universität wird von einem mitstudierenden Palästina-Fanboy ins Krankenhaus geprügelt, aber die Uni-Leitung und die zuständige Senatorin finden, dass man gewalttätigen Judenhass erst einmal in Ruhe von allen Seiten betrachten muss. Weil: kühler Kopf und so. Es gehe ja immer auch um die Meinungsfreiheit.

An der Ost-Berliner Humboldt-Uni (HU) pöbelt ein Gaza-Fanmob so lange, bis eine oberste Richterin des Staates Israel aus dem Saal gebracht wird. Sie soll dort nicht reden, sie wird zum Schweigen gebracht, sie ist Jüdin. Die Senatorin faselt derweil weiter von der Freiheit der Lehre, die überall und für jeden gelte. Aber nicht für die Juden, meinen die Gaza-Groupies mit den neonbunten Haaren und den multiplen Organpiercings. Keine 200 Meter weit weg, über die Straße vor dem Hauptgebäude der Uni, wurden 1933 übrigens die Bücher verbrannt. Aber was rede ich: post colonial studies haben mit Geschichtswissenschaft so viel zu tun wie Nabelpulen mit Gentherapie.

Die Senatorin erklärt wacker weiter, warum das mit Hausverbot und Exmatrikulation der Prügel-Palis eigentlich nicht geht: Dem stehe unter anderem das Recht auf freie Berufswahl entgegen. Dass ich nicht lache: Welcher Beruf? Wenn die jungen Leute auf den Videos nur halb so verstrahlt bleiben, wie sie derzeit sind – von wem und wofür sollen sie jemals ein Gehalt bekommen? Außer, vielleicht in den überwiegend links gewickelten Programmen für »Demokratieförderung«, die aufgestockt werden sollen, weil: »Nie wieder ist jetzt!« Viel Geld anderer Leute darf dies stolze Motto kosten. Aber auch den Mut eines Regierungsmitglieds? Nicht doch. Nicht in Berlin.

Der Regierende Bürgermeister war unmittelbar zuvor nach Israel verreist. In Yad Vashem schrieb er in das Kondolenzbuch für die Millionen ermordeter Juden: Es brauche »dringend Worte und vor allem Taten, um sich gegen Antisemitismus, Hass und Gewalt zu stellen. Nur dann haben wir diesen berührenden und bedeutsamen Ort richtig verstanden«. Entlarvender könnte es der Zufall nicht fügen: Der »Regierende« schreibt von »Taten« – aber einen antisemitischen Prügel-Bengel von der Uni kegeln, so viel Tat(kraft) ist dann doch nicht? Für ein bisschen Hausverbot reicht es nun doch, aber zu spät, zu wenig, der Schaden ist angerichtet. In Berlin ist selbst »Nie wieder« nur irgendwann. Bitte ziehen Sie eine Wartenummer.

Oder wollen wir uns an die Anti-Extremismusklausel erinnern, die der Kultursenator nach dem 7. Oktober kurz entschlossen allen Förderverträgen voranstellen wollte? Die Vergabe von Steuergeld sollte u. a. an ein Bekenntnis gegen Antisemitismus gebunden werden, aber dieser Senat und seine Verwaltungsjuristen waren zu blöd, das halbwegs rechtsfest zu formulieren. Die Sache ist kassiert. Im Grunde geht es mit dieser Klausel seit 2019 so, habe ich gelesen, der »Tagesspiegel« nennt es »verstörende Stuhlkreis-Akrobatik« . Heißt in Berlin: »Nie wieder« ist nirgendwann.

Und bevor Sie denken, nun sei auch mal gut für heute, dieses noch: Eine mittelgroße Gruppe moralingespritzter Filmschaffender forderte vor einiger Zeit von der Festspielleitung der Berlinale, einige wie üblich eingeladene Berliner AfD-Politiker wieder auszuladen. Anstatt der Moral-Schickeria freundlich zu bedeuten, dass sie sich gehackt legen soll, distanzierten sich die Berlinale-Chefs promptissime ein weiteres Mal vom Rechtsextremismus und verwiesen feigheitshalber auf andere politisch verankerte Einladungen, etwa die für Kulturstaatsministerin Roth. Diese kritisierte das Anti-AfD-Ansinnen immerhin, doch die Berlinale-Leitung lud die AfDler schlussendlich trotzdem aus. Weil: »Nie wieder« ist … Sie ahnen es. So wichtig.

Ich bin wirklich kein Freund der AfD, das kann man hier oft genug nachlesen: Aber keine Kinokarten im Kampf gegen Rechtsextremismus, wie klein soll das Karo denn werden? Welche Erbse drückt als Nächstes? Von den betroffenen AfD-Politikern kenne ich nicht einmal die Namen, sie interessieren mich null, aber frei gewählt sind sie halt. Übrigens auch von Leuten, die mit ihren Steuern die Zuschüsse für nahezu jeden deutschen Film bezahlen, für das eine oder andere Glas Brause auf den Berlinale-Partys, für die beiden Unis in Berlin selbstredend auch und gegebenenfalls sogar fürs Bafög oder das Studentenwohnheim der Free-Gaza-Fighters. Und wenn ich noch ein wenig länger darauf herumkauen müsste, würde mir nur mehr eines einfallen: Defund them all.