Antisemitismus: Soli-Gebet und Kippa-Test - DER SPIEGEL
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Antisemitismus Soli-Gebet und Kippa-Test

Nach dem Brandanschlag auf einen jüdischen Kindergarten fand sich die deutsche Politik heute zum Soli-Gebet in einer Berliner Synagoge ein. Der Zentralrat der Juden forderte eine neue Sicherheitsstrategie, Innenminister Schäuble appellierte an die Bürger.
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Berlin - Innenminister Wolfgang Schäuble ist gekommen, die Staatsministerin im Kanzleramt Hildegard Müller, die Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau, der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Gert Weisskirchen, Grünen-Chefin Claudia Roth, der Berliner Innensenator Ekkehart Körting sowie etliche Fraktionsvorsitzende aus dem Berliner Abgeordnetenhaus.

Zwei Tage nach dem Brandanschlag auf einen jüdischen Kindergarten in Berlin drängelt sich viel Politikprominenz in den Räumen des jüdischen Bildungszentrums in Berlin-Charlottenburg. Die Medien sind da, auch internationale wie die BBC. Alle schauen auf die Wand, an der drei Fotos im Posterformat hängen: die Dokumentation des Anschlags vom Wochenende.

Zu sehen sind schwarze Hakenkreuze an der Fassade des Kindergartens, dazu die Slogans "Sieg Heil", "Scheiss Juden", "Auschwitz" und "Weg hier". Auf ein rotes Bobby Car haben die unbekannten Täter in schwarzen Lettern "SS" geschmiert.

"Unglaublich", sagt Claudia Roth. "Ich hoffe nur, dass die Kinder nicht so viel mitbekommen haben", sagt der Grünen-Abgeordnete Jerzy Montag zum Abgeordneten Weisskirchen. Auch einen Brandsatz hatten die Täter in der Nacht von Samstag auf Sonntag in den Kindergarten geworfen. Der war allerdings von allein erloschen, ohne größeren Schaden anzurichten. Alle Spuren des Anschlags wurden umgehend entfernt, so dass der Kindergarten am Montag seinen Betrieb ungehindert weiterführen konnte.

Zum "Solidaritäts- und Toleranzgebet" sind die Politiker heute in die Synagoge des Bildungszentrums gekommen. Rabbiner Yehuda Teichtal erzählt vom Sonntag, der als "fröhlicher Tag" begonnen habe. Die Gemeinde habe gerade die Einweihung der Thora-Rolle in Berlin gefeiert, als der Anruf von der Polizei kam.

Aus der ganzen Welt seien dann die Solidaritätsadressen eingetrudelt, sagt Teichtal. Nur in Deutschland habe es "keine großen Reaktionen" gegeben. Er dankt einigen Politikern, die sofort zur Stelle waren, darunter Körting und Weisskirchen. Aber die Zivilgesellschaft habe im Großen und Ganzen geschwiegen. Auch heute werden einige Gesichter vermisst. So ist zwar der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, da, die christlichen Kirchen aber glänzen durch Abwesenheit. Das sei "betrüblich", meint auch Weisskirchen.

Joffe: Antisemitismus lauert überall

Teichtal bekräftigt, man werde sich nicht einschüchtern lassen. "Wir werden weiter wachsen", kündigt er an. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Berlin, Gideon Joffe, sagt, es fehle in Deutschland wahrlich nicht an Gedenktagen für jüdische Opfer. Aber trotzdem laufe etwas schief: Seit 2004 sei die Zahl der antisemitischen Übergriffe um fünfzig Prozent gestiegen. Der Antisemitismus lauere "praktisch überall, wo Menschen sind". Darum erneuert Joffe seinen Aufruf an alle Deutschen, sich doch einmal mit einer Kippa auf dem Kopf auf die Straße zu begeben und die Reaktionen am eigenen Leib zu erleben.

Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, fordert eine "neue nationale Sicherheitsstrategie". Dazu zähle auch die Bildung. Die Juden wüssten, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gebe, sagt Kramer. Man habe sich an Übergriffe fast schon gewöhnt. Aber nun sei zum ersten Mal ein Kindergarten angegriffen worden, das sei "eine neue Qualität". Zwar sei der Antisemitismus in Deutschland nicht schlimmer als in anderen europäischen Ländern, aber das tröste nicht, weil Deutschland eben eine besondere Geschichte habe. Dies sei kein "Schuldvorwurf an die nachgeborene Generation", betont Kramer, sondern "ein Aufruf zur Verantwortung".

"Wichtiges Zeichen des Zusammenstehens"

Auch Schäuble appelliert anschließend an die Bürger. Die Zivilgesellschaft sei "in ihrer großen Mehrheit solidarisch", sagt er. Aber sie müsse "manchmal erinnert werden, dass diese Solidarität auch gezeigt werden muss." Schäuble betont, jüdisches Leben sei ein "Geschenk für Deutschland".

Zu einer möglichen neuen Sicherheitsstrategie sagt Schäuble, die Polizei tue bereits "das Notwendige und das Mögliche", um jüdische Einrichtungen zu schützen. Darüber hinaus müsse man den Menschen immer wieder klarmachen, dass jeder Verstoß gegen Toleranz ein Angriff auf die freiheitliche Ordnung und damit gegen alle Bürger sei. "Das ist die eigentliche Sicherheitsstrategie."

Von Kanzlerin Angela Merkel kommt eine Solidaritätsadresse per Brief. "Die Bundesregierung steht fest an Ihrer Seite", heißt es darin. "Jeder Angriff auf eine jüdische Einrichtung ist ein Angriff auf unsere Demokratie insgesamt".

Rabbiner Teichtal ist zufrieden mit der heutigen Resonanz. Das sei ein "wichtiges Zeichen des Zusammenstehens".

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