Arbeitsagentur Stralsund Resignation im Hartz-Revier
Stralsund - Langsam, aber sicher steigt die Nervosität bei Torsten Rhinow an. Ab kommendem Jahr will der gelernte Elektriker mit einer Sommer- und Winterrodelbahn auf der Insel Rügen seine Brötchen verdienen, doch noch fehlt ihm dafür die behördliche Genehmigung. Sollte das Projekt ins Wasser fallen, sieht der 42-Jährige schwere Zeiten auf sich und seine Familie zukommen. In diesem Fall müsste der Arbeitslosenhilfeempfänger ALG II beziehen, und die Familie hätte monatlich rund 900 Euro weniger in der Tasche.
In der nächsten Zeit will der zweifache Familienvater daher die Zeitung abbestellen. Das Kabelfernsehen ebenso. Letztlich hat Rhinow aber keine Ahnung, wie er das 900-Euro-Loch auch nur annährend stopfen könnte. Noch wehrt er sich vehement gegen den Gedanken, das lieb gewonnene, kleine Reihenhaus zu Barem zu machen. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Längst hat der Stralsunder errechnet, dass der Familie nach der Tilgung für das Haus monatlich nur noch 100 Euro zum Leben bleiben würden.
Hartz IV weckt keine Hoffungen
Mit Hartz IV verbindet Rhinow daher: weniger Geld, größere Armut und eine tiefe Frustration. "Hartz IV bringt keine neuen Arbeitsplätze, die Leute werden lediglich bestraft." Mit dieser Ansicht steht er nicht alleine da, wie die Mitarbeiterinnen in der Stralsunder Agentur für Arbeit täglich aufs Neue feststellen. "Die Betroffenen rechnen nicht mehr damit, dass Hartz IV etwas Positives bringt", sagt Renate Meyer. Schon gar nicht in Stralsund, wo die Arbeitslosenquote im Juli auf 24,1 Prozent geklettert ist. Mit diesem Wert liegt die Hansestadt in der unrühmlichen Rangfolge noch vor Nordpommern (23,3 Prozent), Greifswald (22,1), Ostvorpommern (21,1) und Rügen (17,6). Im Landesvergleich gibt es keine Stadt, die noch schlechter dasteht. Entsprechend gedrückt ist die Stimmung in den Gängen der Agentur. Von Unruhe fehlt jede Spur; Resignation hat sich ausgebreitet.
Mit Handgreiflichkeiten und Ausschreitungen, wie sie Paul Saathoff aus dem Bundesvorstand der Arbeiterwohlfahrt schon vor Wochen prognostiziert hat, rechnet in der Stralsunder Behörde niemand ernsthaft. "Bei mir ist es bisher relativ ruhig gewesen", versichert Meyer. Dabei steht sie in direktem Kontakt zu den ALG-II-Empfängern, weil bei ihr die heftig umstrittenen Anträge eingehen.
Mit einer Hand voll Kollegen führt sie seit einer Woche außerdem Informationsveranstaltungen über das Reformpaket durch. Rund 25 Männer und Frauen sind dieses Mal der Einladung der Arbeitsagentur gefolgt. Auf dem einstündigen Treffen erklärt Meyer die bis zu 16 Seiten starken ALG-II-Vordrucke, die vor drei Wochen an die Empfänger von Arbeitslosenhilfe verschickt worden sind. Mehr oder weniger aufmerksam lauschen die Anwesenden der Expertin, die Begriffe wie Bedarfsgemeinschaft, Haushaltsgemeinschaft und Angemessenheit vom Beamtendeutsch in nachvollziehbares Vokabular übersetzt. Mit jeder Minute werden die Gesichter einiger ALG-II-Empfänger länger, die Blicke teilnahmsloser. Emotionen sind Fehlanzeige.
Etwa zehn Klarsichtfolien später ist der Meyersche Monolog beendet, dem sich nur vereinzelte Fragen anschließen. Ob die Eigenheimzulage dem Einkommen zugerechnet wird, will einer der Anwesenden wissen. Als Meyer mit Bedauern bejaht, lässt sich der Fragesteller zu einem ausdruckslosen "ah ja" hinreißen. "Muss ich das Sparbuch meines Sohnes aufbrauchen?", sorgt sich ein anderer und lehnt sich erleichtert zurück, als die Agenturbedienstete von einer eigenen Bedarfsgemeinschaft redet und verneint.
Angst vor dem Umzug
"Die Leute interessiert in erster Linie, wie viel Geld sie in der Tasche haben werden", weiß die Sachbearbeiterin aus den Einzelgesprächen mit den Erwerbslosen. Dazu muss der Datenwust erst einmal ausgewertet werden, was sich voraussichtlich bis in den Spätherbst ziehen wird. In der Zwischenzeit bemühen sich Meyer und ihre Kollegen, bei den verunsicherten Antragsstellern zahlreiche Missverständnisse und Halbwahrheiten rund um das Reformpaket auszuräumen. "Es glaubt keiner, dass die Miete nicht von der Grundsicherung bezahlt werden muss", sagt Meyer. Viele Betroffene befürchteten obendrein, dass sie ab kommendem Jahr in eine kleinere Wohnung ziehen müssten. "Das ist noch in keinem Fall vorgekommen", versichert die Sachbearbeiterin.
In der Bundesagentur für Arbeit hat man mehrere Erklärungen dafür, dass andernorts Tausende Empörter bei den so genannten Montagsdemonstrationen auf die Barrikaden gehen und die Stralsunder ALG-II-Empfänger auf der anderen Seite stillhalten. Neben der Resignation spielt für Christian Glaser, tätig im Projektbüro SGB II der Behörde, die nordische Mentalität eine große Rolle: "Dem Norddeutschen sagt man generell nach, etwas ruhiger zu sein."
Der Tübinger Psychologieprofessor Michael Diehl geht davon aus, dass sich die Stimmung in vielen Arbeitsagenturen derzeit gleicht. "Die unmittelbar Betroffenen reagieren in der Regel auf Hartz IV gelassen, da sie ähnlich unerfreuliche Situationen bereits gewohnt sind", so der Fachmann für Sozial- und Persönlichkeitspsychologie. Hinzu komme, dass Langzeitarbeitslose in der Regel kein großes Selbstbewusstsein besäßen, was zu einer "eher passiven und depressiven Haltung" führe. Der Professor spricht in diesem Zusammenhang von einer "gelernten Hilflosigkeit". Bei diesem Phänomen handelt es sich um die Einsicht, dass eigene Handlungen nicht zum gewünschten Ziel führen. Daher hält Diehl Unruhen und Ausschreitungen in den Agenturen auch in den kommenden Monaten für sehr unwahrscheinlich.
Selbstbewusstsein - das war gestern
Was Diehl mit der gelernten Hilflosigkeit meint, verdeutlichen zahlreiche Einzelschicksale in der Arbeitsagentur. Noch vor einigen Jahren führte Elke H. mit ihrem bescheidenen Gehalt als Krankenschwester ein weitgehend sorgenfreies Leben. Eine Wirbelsäulenversteifung vor vier Jahren riss die einst so lebenslustige Frau jäh aus dem Trott. Anstatt sich um kleine Patienten zu kümmern, sitzt sie heute zusammengekauert im Warteraum der Agentur für Arbeit. Selbstbewusstsein - das war gestern.
"Ich habe für den Rest des Monats noch zwei Euro auf dem Konto", erzählt die Mittvierzigerin frustriert. Sie weiß beim besten Willen nicht, wie sie damit über die Runden kommen soll. Den Besuch bei der Arbeitsagentur und damit die Rolle als Bittstellerin empfindet sie ein ums andere Mal als tiefe Demütigung. Mit der Umsetzung von Hartz IV befürchtet die Erwerbslose, dass alles noch schlechter wird. "Die Armen werden noch ärmer", ist sie überzeugt.
Der soziale Abstieg belastet auch Werner K.. Wehmütig denkt er an sein altes Leben zurück. An eine Zeit mit regelmäßigen Konzertbesuchen, Theaterveranstaltungen, jährlichen Hüttenurlauben in Norwegen und etwas Luxus, den er sich als Bauingenieur ohne Probleme leisten konnte. "Das war eine völlig andere Welt", seufzt der 53-Jährige. Vor fünf Jahren rutsche K. in die Erwerbslosigkeit. Dennoch lebt er derzeit von rund 1200 Euro Arbeitslosengeld im Monat. Seine Frau erhält außerdem eine zeitweilige Erwerbsunfähigkeitsrente von 600 Euro monatlich. Damit bleibt der Familie immerhin mehr Geld, als ein durchschnittlicher Facharbeiter verdient.
Großer Schnitt im nächsten Jahr
Der große Schnitt kommt für Kirchberg ab dem 1. Januar 2005: "Mit der Einführung von Hartz IV und ALG II werden mir und meiner Ehefrau dann noch 650 Euro zum Leben bleiben." Notgedrungen hat sich der Stralsunder nun mit dem Gedanken abgefunden, sein 15 Jahre altes Auto und den Kleingarten zu Barem zu machen - "auch wenn das nicht viel Geld bringt". Kirchberg überlegt außerdem, Telefon und Zeitung abzubestellen.
Trotzdem will er auch künftig in Stralsund und Umgebung auf Jobsuche gehen. Einen Umzug zieht der 53-Jährige nur dann in Betracht, wenn sich ein Arbeitsangebot "rechnet" und er neben der Stralsunder Wohnung ein Zimmer an einem neuen Arbeitsort bezahlen kann.
"Vielleicht sollten die Leute auch in Stralsund auf die Straße gehen und gegen Hartz IV demonstrieren", denkt Olaf B., ebenfalls auf Jobsuche. Für den gelernten Elektriker versteht es sich von selbst, dass er an einem Protestzug teilnehmen würde.
Nach Einschätzung der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di wäre der 49-Jährige in diesem Fall einer von wenigen mutigen Erwerbslosen. "Mit einer Demonstration würden wir in Stralsund momentan baden gehen", befürchtet Simone Wolf, Fachbereichsleiterin bei Ver.di. Sollte die Gewerkschaft derzeit zum Protest aufrufen, rechnet sie mit 50 Personen, die dem Ruf folgen würden. Die große Masse könne man keinesfalls erreichen: "Die Stralsunder sind eben ein wenig phlegmatisch."