Aserbeidschan: Kommunist mit Königsallüren - DER SPIEGEL
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Aserbeidschan Kommunist mit Königsallüren

Der gebrechliche Staatschef der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbeidschan, Geidar Alijew, inthronisiert seinen Sohn als Amtsnachfolger - ganz so, als herrsche Monarchie. Gelernt hat er das im Moskauer Politbüro. Schon Lenin pflegte den Brauch, Verwandte mit Leitungsfunktionen zu betrauen.
Von Fritjof Meyer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Zweimal brach er während einer vom Fernsehen übertragenen Ansprache zusammen und brach sich dabei sieben Rippen, zweimal rappelte er sich wieder auf und redete weiter. Momentan aber dämmert der Achtzigjährige in einem amerikanischen Krankenhaus in Cleveland, Ohio dahin - zeitweilig ohne Bewusstsein, künstlich beatmet. Der alte Herr ist Staatschef von Aserbeidschan im Kaukasus: Geidar Alijew.

In Baku, der Hauptstadt seiner Heimat, meinen manche, er sei schon tot, was geheim gehalten werde, weil der Malade für die Präsidentschaftswahl am 15.Oktober für weitere fünf Jahre an der Staatsspitze kandidiert. Doch der autokratisch herrschende Präsident hat vorgesorgt: Auch sein Sohn Ilcham, 41, tritt zur Wahl an. Am Montag wurde der Sprössling außerdem zum Premierminister erhoben. Kraft einer vom Vater voriges Jahr klug verordneten Verfassungsänderung führt der Ministerpräsident die Geschäfte des Staatspräsidenten, wenn der arbeitsunfähig ist.

Null Chancen für die Opposition

Erst einmal hat aber auch Ilcham Alijew seine Regierungsgeschäfte an seinen Vizepremier abgetreten, ganz gesetzestreu, weil das während des Wahlkampfes so sein muss. Stirbt der Vater in den nächsten zwei Monaten, wird der Sohn Präsident, ohne je zuvor regiert zu haben. Den Bewerbern der Opposition gibt Alijew Junior ohnehin "null" Chancen. Er weiß es.

Lange Zeit hat er als Geschäftsmann in Istanbul gelebt, wo er ein Vermögen machte und im Spielkasino wieder ausgab. Als sein Vater daheim 1994 die Präsidentschaft übernahm, kehrte Ilcham nach Baku zurück und wurde Vizepräsident der staatlichen Ölgesellschaft Socar: Aserbeidschans Zukunft wie seine Vergangenheit gründet sich auf den Erdölreichtum.

Schon Lenin machte seine Frau zur Ministerin

Vater Alijew war schon einmal an der Macht gewesen. Als das Land noch eine Sowjetrepublik innerhalb der UdSSR war, fungierte er als Parteichef von Aserbeidschan mit Sitz im Moskauer Politbüro. Dort erlernte er den Brauch, nur Verwandten zu vertrauen und sie mit Leitungspositionen auszustatten. Schon Lenin machte - wie Erich Honecker - seine Frau zur Volksbildungsministerin. Elena Ceausescu, verheiratet mit dem rumänischen Diktator, brachte es zur Ersten stellvertretenden Ministerpräsidentin. Jiang Jing, der Ehefrau Mao Tse-tungs, gelang mit der chinesischen Kulturrevolution 1966 der Sprung vom einfachen Genossen zum Politbüro-Mitglied. Als Mao starb, griff sie nach dessen Nachfolge, wofür sie im Gefängnis landete.

Unter Kommunisten hatten die Frauen oftmals eigenständig politische Aktivitäten entwickelt, zeigten sich zudem kommunikativer, gebildeter und lebensnäher als der Mann neben ihnen - wie beispielsweise auch die Frau des Serbenführers Milosevic. Nordkoreas Staatschef Kim Il Sung aber vermochte seinen minderbemittelten Sohn Kim Jong Il als direkten Machterben zu inthronisieren.

Modell für andere ehemalige Sowjetrepubliken

Gelingt die Erbmonarchie auch in Baku, mag das den Beherrschern anderer ehemaliger Sowjetrepubliken zum Muster dienen, vor allem in Mittelasien: Die Tochter des Präsidenten von Kasachstan, Danja Nasabarjewa, 40, ist Doktor der Politologie und leitet einen staatlichen Medienkonzern. Die nächste Präsidentenwahl steht im Jahre 2006 an. Dann ist Vater Nursultan Nasabarjew, auch er der frühere Parteichef am Ort, im Rentenalter.

Kyrgistans Präsident Akajew hat eine Professorin zur Frau, die einer einflussreichen Stiftung vorsteht und im Herbst voraussichtlich zur Parlamentspräsidentin aufsteigt. Turkmenistans Staatschef Nijasow hat auch einen hoffnungsträchtigen Sohn Murad, 36, der in Wien mit Gas, Öl und Tabak handelt und als der einzige Kandidat für das Amt des Vaters gilt.

So vererben die Herrscher der früheren Sowjetrepubliken nun die Macht an Ihresgleichen wie einst in Königreichen üblich. Denn der Arbeiterschaft trauen die neuen Herren nicht mehr viel zu: "Niemals werden wir kulturlosen Gemüsehändlern gestatten, an die Macht zu kommen." So spricht der zukünftige Herrscher Aserbeidschans, Ilcham Alijew.