Atomdebatte in Deutschland: Gute Kernkraft, böse Kernkraft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Atomdebatte in Deutschland Gute Kernkraft, böse Kernkraft

Eine "ehrliche Energiedebatte" fordert Kanzlerin Merkel in Deutschland - doch wie soll das gehen? Seit Jahren stehen sich Verfechter und Gegner der Atomkraft unversöhnlich gegenüber, die Argumente der anderen Seite wollen sie nicht gelten lassen. Ein Frontbericht.
Atomgegnerin vor Atomkraftwerk: Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg
Atomgegnerin vor Atomkraftwerk: Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg

Atomgegnerin vor Atomkraftwerk: Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg

Foto: Armin Weigel/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Jochen Stay sieht zerzaust aus, aber glücklich. Der Gründer der Anti-Atom-Initiative "Ausgestrahlt" organisiert rund um die Uhr Proteste in allen deutschen Großstädten. Demos, die so gut besucht sind wie lange nicht mehr. "Ich hab überhaupt keine Zeit", sagt Stay und tigert durch sein Kampagnenbüro - ein paar vollgestellte Räume im alten Backsteinturm eines Hamburger Hinterhofs, eine Handvoll Mitarbeiter. Seit Tagen schiebt er 20-Stunden-Schichten. Es läuft super.

Barbara Meyer-Bukows Telefonanschluss ist besetzt. Als Sprecherin der Atomkraft-Sparte von Vattenfall fängt sie unangenehme Fragen der Presse an die Konzernleitung ab. Seit der Reaktor-Katastrophe von Japan (hier die Nachrichtenlage aus Fukushima in der Übersicht) gibt es davon eine Menge. Der Stromriese betreibt zwei Kernkraftwerke in Deutschland, Brunsbüttel und Krümmel. "Wie Sie sich vorstellen können, ist der Andrang groß", entschuldigt ihr Mitarbeiter. Meyer-Bukow ruft schnell zurück. In diesen Zeiten heißt es: wachsam sein. Schlechtes Krisenmanagement will sie sich nicht vorwerfen lassen. Das hätte gerade noch gefehlt.

So geht es zu im Atomstreit-Land Deutschland: Nach der Nuklear-Katastrophe in Japan sind Gegner und Befürworter der Nuklearenergie in Alarmstimmung - wieder einmal. Seit Jahrzehnten stehen sich die Lager unversöhnlich gegenüber, mit dem Moratorium der Kanzlerin für die Laufzeitverlängerungen beginnt eine neue Debatte über Sinn und Unsinn der Kernkraft. Wie wird sie diesmal enden?

Angela Merkel hat eine ehrliche Debatte gefordert. Doch die ist in Deutschland schwer zu führen: Die verfeindeten Lager erschweren mit einseitiger Argumentation einen unaufgeregten Energiediskurs. Gegner und Befürworter spielen selten mit offenen Karten, meistens beharren sie auf ihren Positionen, ignorieren selbst diskussionswürdige Gegenargumente und machen es dem verwirrten Bürger schwer, zwischen Meinungsmache und Tatsachen zu unterscheiden.

Leute, die sagen: "Wir bräuchten mal einen GAU"

Für den Furor der Atomgegner steht exemplarisch der Hamburger Aktivist Stay. Erst vor ein paar Wochen habe man größere Räume angemietet, sagt er stolz. Kurz nach dem Umzug kam Japan - und mit der Katastrophe ein gewaltiges Interesse an der NGO. Im Büro stapeln sich Kisten mit Bannern, Flipcharts koordinieren die nächsten Demos. Es gebe Leute in der Protestbewegung, erzählt Stay, die sagen: Wir bräuchten mal einen GAU, dann würden wir auch den Letzten überzeugen. "Aber wer ernsthaft eine Kampagne betreibt, der distanziert sich von solch zynischem Unsinn." Seine Gegner nennt Stay nur "die Atomlobby".

Stay kennt jede Menge Argumente gegen die Atomkraft, viele klingen plausibel, andere hören sich nach düsteren Verschwörungstheorien an. Was ihn aufrege, sei die Behauptung der Atomlobby und Atomindustrie, Fukushima sei nicht auf Deutschland übertragbar, sagt er. "Dabei reicht doch schon ein einfaches Gewitter, um einen Meiler lahmzulegen!"

Über diese Behauptung muss Barbara Meyer-Bukow erst einmal lachen. "Das wäre mir neu, dass ein Unwetter unseren Kraftwerken irgendetwas anhaben könnte", sagt die Sprecherin von Vattenfall Nuclear Energy. Sie zählt auf, wogegen die von Vattenfall betriebenen Meiler in Deutschland alles geschützt sind. Erdbeben, Deichbrüche, Stromausfälle und so weiter. Sie hat all das schon sehr oft erklärt. "Sicherheit hat größte Priorität", heißt es immer wieder seitens der Konzerne - heftiger Kritik von Experten an porösen Altmeilern und Hunderter gemeldeter Störfälle zum Trotz.

Frau Meyer-Bukow ist Teil eines bestens organisierten Informationsnetzes, mit dem die Atomindustrie für ihre Sache wirbt. Dazu gehört zum Beispiel der Lobbyverband Deutsches Atomforum - wer auf der Suche nach Orientierung im Faktendschungel ist, sollte sich besser nicht an diesen Verein wenden. Die Frage, ob Kernkraftwerke hierzulande sicher seien, beantwortet der Verein auf eine Weise , die man als verwirrend bezeichnen könnte. Dass die dünne Hülle vieler Meiler renovierungsbedürftig ist, die Reaktoren nicht gegen einen Terroranschlag aus der Luft gewappnet sind, wird ganz weggelassen. Auch die Warnung, dass eine komplette Evakuierung ganzer Bundesländer im Ernstfall nur schwer durchführbar wäre, fehlt.

Das Vattenfall-Kundencenter in Hamburg-City erweckt den Eindruck, das Unternehmen sei ein Naturschutzverein. Fotos von Storchennestern und Windrädern schmücken die Infostände, anhand einer gigantischen Müll-Plastik wird Energiegewinnung aus Abfall erklärt. In Broschüren finden sich Geschichten über Wanderfalken, die im AKW-Schornstein nisten ("Unter dem fürsorglichen Blick des gesamten Kraftwerkteams"). Dass Brunsbüttel erst nach einer Pannenserie zwangsabgeschaltet wurde, wird in der Weichzeichner-PR freilich nicht erwähnt.

Fronten verhärteter denn je

Die Atomkraftgegner machen keinen ehrlicheren Job. Viele Aktivisten werden unkonkret, wenn sie ein alternatives, realistisches Energiekonzept skizzieren sollen. Oder verschweigen die unbequemen Nebenwirkungen, die die Energiewende - bis zur Jahrhundertmitte sollen 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen gewonnen werden - mit sich bringt, etwa die von einigen Experten prognostizierte Stromlücke oder die gigantischen Kosten, die bei einem Turbo-Ausstieg drohen.

Andere führen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko in der Nähe von Nuklearanlagen als wissenschaftlichen Fakt an, ohne zahlreiche Gegenstudien mit einzubeziehen. Selbst die Anti-Atom-Partei, die Grünen, macht ungeniert Politik gegen sich selbst (siehe SPIEGEL-Titel 46/2010): Einerseits drängt sie auf den Ausbau von Windkraft, Solarenergie und Biomasse, andererseits stemmen sich Grünen-Anhänger auf dem Land gegen die dafür notwendigen aber hässlichen Pumpspeicher- und Umspannwerke, Windparks, Solarfelder und Mega-Masten.

Die Fronten im Atomstreit sind verhärteter denn je: Die Atomindustrie erwägt, wegen des Moratoriums jetzt die Bundesregierung zu verklagen, Umweltverbände fordern den sofortigen Tod der Kernkraft.

Die Attacken der Lager werden dabei immer weniger glaubwürdig. Vattenfall-Sprecherin Meyer-Bukow sagt, Demonstranten könnten "tun und lassen, was sie wollen, wir hindern ja niemanden am Protest". Das ist ungefähr gleichbedeutend mit: Ihr könnt so laut vor unserer Filiale brüllen, wie ihr wollt, wir hören euch doch nicht zu.

"Ausgestrahlt"-Aktivist Stay bemüht in seinen Vorträgen gern platte Vergleiche. "Ich steige jeden Tag in mein Auto, obwohl ich ein Kind überfahren könnte." Insofern sei es "nur menschlich", dass AKW-Betreiber böse Realitäten ausblendeten. Stay grinst zufrieden: "Aber dafür sind wir ja da, um die Atomlobby daran zu erinnern."