Atomtransport: Castor rollt gen Gorleben - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Atomtransport Castor rollt gen Gorleben

In der Nacht wurden die sechs Atombehälter in Dannenberg verladen. Seit dem frühen Morgen sind die Castoren wieder unterwegs - Richtung Gorleben. Atomkraftgegner kündigten auf der letzten Etappe massive Störaktionen an.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dannenberg - Bewacht von einem großen Polizeiaufgebot hatte ein Kran alle sechs Atommüll-Behälter in der Umladestation in Dannenberg vom Zug auf Sattelschlepper geladen. Nach umfangreichen Messungen begann am frühen Morgen der Weitertransport ins 20 Kilometer entfernte Zwischenlager Gorleben. Von Seiten der Atomkraftgegner habe es bisher keinen Widerstand geben, erklärte ein Polizeisprecher kurz nach dem Start. "Es ist völlig ruhig."

Heikle Strecke

Die Etappe auf der Straße nach Gorleben gilt als schwierigstes Teilstück des Castor-Transports, da sich dort traditionell die Proteste konzentrieren. Entlang dieser Strecke hatte es beim letzten Transport 1997 die schwersten Ausschreitungen gegeben. Auch dieses Mal rechnet die Polizei mit massiven Behinderungen. Castor-Gegner kündigten weitere Protestaktionen an. "Noch ist der Castor nicht in Gorleben. Auch heute werden sich wieder Tausende Atomkraftgegner entschlossen dem Castor entgegenstellen", sagte ein Sprecher der Initiative "X-tausendmal quer" am Donnerstagmorgen.

Entlang der Landstraße nach Gorleben bezogen Polizei und Bundesgrenzschutz bereits in der Nacht mit mehreren tausend Beamten Stellung. In Abständen von wenigen hundert Metern parkten Polizeifahrzeuge, alle paar Kilometer waren Kontrollstellen für den Durchgangsverkehr eingerichtet. Hubschrauber leuchteten die Strecke mit starken Scheinwerfern aus, während Patrouillen am Boden nach versteckten Atomkraftgegnern Ausschau hielten. Am Zwischenlager selbst fuhren Wasserwerfer und Räumfahrzeuge auf.

Randale vor dem Ziel

Bei der Ankunft des Transports am Verladebahnhof in Dannenberg gegen 20 Uhr spitzte sich die Situation zu: Polizei ging mit Wasserwerfern gegen Menschen vor, die sich auf einer Wiese versammelt hatten. Der Platz wurde umstellt. Es gab Rangeleien zwischen Beamten und einzelnen Demonstranten. Atomkraftgegner begrüßten die Castoren mit Pfiffen und Buh-Rufen.

Der Zug mit den Atombehältern hatte bis etwa 17 Uhr im 25 Kilometer von Dannenberg entfernten Dahlenburg gestanden, bis eine von der Umweltorganisation Robin Wood organisierte spektakuläre Blockadeaktion beendet war. Erst am frühen Nachmittag wurde die letzte der vier Aktivisten von den Gleisen gelöst. Die Blockierer waren angekettet und hatten ihre Arme in Röhren gesteckt, die unter dem Gleisbett einbetoniert waren. Robin-Wood-Sprecher Jürgen Sattari erklärte, der Beton sei schon da gewesen. Man habe einen entsprechenden Tipp für die Aktion genutzt.

Die Polizei musste Spezialwerkzeug einsetzen, um die vier, darunter ein 16-jähriges Mädchen, freizukriegen. Nach einer kalten Nacht im Freien wurden sie zur Beobachtung ins Krankenhaus gebracht. Vor der Weiterfahrt des Castor-Zuges mussten dann noch die Schäden am Gleiskörper beseitigt werden. Auf die Blockierer könnten hohe Kosten zukommen: Ein Bahnsprecher erklärte, das Unternehmen werde zivilrechtliche Schritte prüfen.

Polizei entsetzt

Die Sicherheitskräfte äußerten sich entsetzt über die Angriffe gewalttätiger Demonstranten am Dienstagabend. Im Umkreis Dannenberg hatten Autonome nach Polizeiangaben mit Leuchtmunition und Stahlkugeln Beamte und Polizeihubschrauber attackiert. Mindestens ein Streifenwagen wurde in Brand gesetzt, vier weitere wurden beschädigt. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Schlagstöcke ein und rief die im Laufe des Abends bis zu 10.000 Demonstranten auf, sich von Gewalttätern zu distanzieren. Nach Angaben einer Polizeisprecherin wurde ein Beamter schwer, vier weitere wurden leicht verletzt. Umweltschützer sprachen von Dutzenden verletzten Demonstranten.

Angesichts der Eskalation sprach das niedersächsische Innenministerium von einer starken Belastung für die Einsatzkräfte und forderte Nachschub an. Die Einsatzleitung kündigte außerdem an, nun doch mobile Gewahrsamszellen benutzen zu wollen. Bereits montierte Zellen waren erst kurz vor Beginn des Atomtransports aus Gründen der Deeskalation abgebaut worden.