Aufregung über Wowereit-Dienstreise: Das PR-Desaster von Sombrero-Klaus - DER SPIEGEL
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Aufregung über Wowereit-Dienstreise Das PR-Desaster von Sombrero-Klaus

In Berlin erregen sich Opposition und Lokalpresse heftig über die Mexiko-Dienstreise ihres Bürgermeisters. Er soll sich rechtfertigen, einige fordern die Offenlegung der Reisekasse. Der Partymeister und Medienexperte Klaus Wowereit muss einsehen, dass er seinen Trip vollkommen falsch verkauft hat.
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Berlin - Klaus Wowereit hätte sich den Empfang in seiner Stadt sicherlich anders vorgestellt. Als der Regierende Bürgermeister Berlins am Samstagnachmittag um 17.05 Uhr nach einem 14stündigen Flug aus dem fernen Mexiko auf dem Airport in Berlin-Tegel landete, erwartete ihn in der Hauptstadt wenig Wärme. Statt wie in Mexiko freudig und staatsmännisch aufgenommen zu werden, hatte Berlin für seinen Bürgermeister nur unfreundliche Geschichten über seine Dienstreise parat.

"Opposition stinkt Wowereits Fiesta", titelte die "tageszeitung". Der "Tagesspiegel" sieht den Stern Wowereits mit der schlichten Zeile "Fiesta Sunset" schon im steilen Sinkflug. Etwas populistischer formulierte es die "Bild", setzte aber hinter die Großbuchstaben "Fiesta, Fiesta Mexicana" zumindest noch ein Fragezeichen.

Die Berichte des Wochenendes waren der Höhepunkt der Berliner Presseaufregung über Wowereits Dienstausflug. Schon Mitte der Woche fragten die Blätter, ob die einwöchige Reise mit Kultursenator Thomas Flierl sinnvoll oder sinnlos gewesen und ob Berlin mit solchen Auslandsreisen denn gedient sei. Von Urlaub auf Staatskosten sprach die CDU-Opposition und die FDP lästerte, die Reise stinke "zum Himmel".

Wowereit soll Rechenschaft ablegen

Hochoffiziell soll nun am 30. Oktober in einer aktuellen Stunde im Berliner Parlament Sinn und Unsinn der Dienstreise in Berlins Partnerstadt besprochen werden. FDP-Fraktionschef Martin Lindner verlangt gar einen Rechenschaftsbericht des Regierungschefs über die konkreten Ergebnisse. Aus Wowereits Umgebung war am Montag zu hören, dass er dem Kreuzverhör "gelassen" entgegen sehe.

Angesichts des Programms Wowereits in Mexiko ist der Vorwurf einer reinen Vergnügungsreise freilich kaum zu halten. Selbst die mitgereisten Journalisten stöhnten ab und an über den vollen Terminkalender und die fehlende Freizeit. Im Stundentakt hetzte Wowereit von Vorträgen mit Umweltexperten, Studenten und Wirtschaftsbossen. Er eröffnete das größte lateinamerikanische Kultur-Festival und traf hochrangig Politiker wie den Chef der Stadtverwaltung in Mexiko. Die Termine fanden in der mexikanischen Presse große Resonanz, die Pressekonferenzen waren brechend voll. Doch die Berliner Presse beschäftige sich weiter mit der Sinndiskussion über die Reise, da mochte der Regierende den mitgereisten Journalisten noch so oft erklären, dass es hier die "Repräsentation Berlins im Ausland" und natürlich um Kontakte zu den lokalen Politikern gehe.

Der Wert von Repräsentation jedoch ist schwer messbar - ganz im Gegensatz zu der Schuldenlast der Hauptstadt. Der Bürgermeister hätte es wissen müssen. Nicht erst seit den Mallorca-Trips in Militärmaschinen seines Genossen Rudolf Scharping sind Politiker-Dienstreisen in beliebte Urlaubsländer ein gefundenes Fressen für öffentliche Anprangerungen.

Strafverschärfend unterliefen dem Medienprofi Wowereit grausame PR-Fehler. So hatte er beispielsweise mit einer alt gedienten "Bild"-Korrespondentin aus dem Parlament vereinbart, jeden Tag ein Reisebericht zu schreiben. Die Idee war, den Jubiläumsbesuch zur 10jährigen Partnerschaft der Städte auch für die daheim gebliebenen Bürger miterlebbar zu machen und sich gleich gegen Vorwürfe des Nichtstuns zu wehren.

Doch das Reisetagebuch ging nach hinten los. Wowereit segnete Sätze ab, deren Gefährlichkeit er hätte erkennen müssen. Ganz schlicht Belangloses stand dann letztlich in der Zeitung: wie Wowereit seinem Freund Jörn SMS-Nachrichten sendet, wie gut ihm das "Corona"-Bier schmeckt oder wie wichtig ihm ein Hotelfenster mit einer Aussicht ist. Ganz nebenbei bezeichnete er die Dienstreise stets als "Urlaub" und gestand knirschend ein, dass er leider auch hier telefonisch erreichbar sein muss. Mehr als einen Anruf mache er allerdings nicht im Roten Rathaus, schließlich habe er ja einen Stellvertreter.

Überraschende Erkenntnisse zur Drogenpolitik

Für die Kritiker nicht nur aus der Opposition war die Geduld spätestens nach dem zweiten Teil des Tagebuchs ("So erklärte ich den Mexikanern, was Ostalgie ist") vorbei. Selbst die sonst eher gelassene grüne Politikerin Sibyll Klotz erregte sich, die Ergüsse des Bürgermeisters seien "völlig überzogen und peinlich". CDU-Mann Frank Henkel meinte, dass die Wohlfühl-Botschaften aus der Ferne "jeden Arbeitnehmer die Hand in der Tasche zur Faust ballen lassen" würden. In der "Berliner Morgenpost" unkten leserbriefschreibende Berliner dann sogleich, dass sie auf die "Grüße aus Mexiko" gut und gern verzichten könnten.

Neben dem Tagebuch unterliefen Wowereit noch weitere Missgeschicke. Entgegen der Haltung des rot-roten Berliner Senats plädierte er in einer bekannten TV-Show für die Strafbarkeit von Haschisch zum Eigengebrauch. Nur Stunden nach der Show kochten die Koalitionspartner vor Wut, während die CDU die Einsichten unter Einfluss der Süd-Sonne lobten. Hinzu kam freilich, dass Wowereit in Berlin bei wichtigen Terminen fehlte.

Spätestens gegen Mitte des Mexiko-Trips muss dem Bürgermeister und seinen PR-Helfern klar geworden sein, dass irgendwas mächtig schief läuft ist mit ihrer Kommunikationsstrategie. Gerade ein Mann wie Wowereit, der in Berlin keinen Fototermin mit Prominenten auslässt und zu seinem 50. Geburtstag eine höhere VIP-Dichte organisierte als bei jeder Filmpremiere, muss und ist sich der Angreifbarkeit seiner Person normalerweise mehr als bewusst.

In Mexiko allerdings gingen alle Sicherungen durch. Selber die Journalisten wunderten sich, dass sich der Bürgermeister "für jedes Foto" hergab. Wowi mit Sombrero, vor Kaktus, mit Esel, neben Clown, mit Bier in Kneipe. Darf's noch ein bisschen mehr sein? Selbst als gegen Mitte der Woche die ersten Negativ-Meldungen erschienen, posierte er fröhlich weiter. Bei solchen Fotos kann Wowereit noch so lang berichten, wie viele Termine er hatte - die Macht der Bilder ist einfach stärker.

Nun kann er nur noch hoffen, dass sich der Entrüstungssturm wie gewohnt schnell wieder abflaut. Wowereit wird mit seiner gewohnt gelassenen Art das seine dazu tun. Am Montag schon wollte er über die Mexiko-Reise nicht mehr reden, er habe jetzt in Berlin Wichtigeres zu tun.

Spätestens die aktuelle Stunde im Parlament wird die Aufregung beenden. Die PR-Mannschaft Wowereits jedoch wird aus dem Desaster einiges lernen. "Urlaubsgrüße aus Mexiko" soll es jedenfalls in Zukunft nicht mehr geben, hieß es am Montag im Rathaus.

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