Baden-Württemberg: Der Kronprinz wird König - DER SPIEGEL
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Baden-Württemberg Der Kronprinz wird König

Er gilt als fleißig, schlau, machtbewusst und als Freund deutlicher Worte. Günther Oettinger wurde heute zum neuen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewählt. Er beerbt Erwin Teufel - beide Christdemokraten verband bisher herzliche Abneigung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Günther Oettinger kommt zu Fuß ins Café in der Stadtmitte, alleine, vom Haus seiner Mutter. Die Leute recken die Hälse, schauen neugierig, keiner klatscht. Frühschoppen in Ditzingen: Konrad Epple, der CDU-Chef im Ort, begrüßt seinen Duz-Freund. Er schaut in die Runde der rund 120 Gäste - mehr als der örtliche Verband Mitglieder hat - und sagt stolz: "Ich habe nicht Herr Oettinger gesagt, sondern Günther."

Nun steht einer von ihnen, der seine Kindheit in Ditzingen, im Landkreis Ludwigsburg, verbracht hat, an der Spitze des Musterländles. Denn Oettinger, 51, soll den 15 Jahre älteren Erwin Teufel als Ministerpräsident ablösen. Geboren wurde Oettinger zwar 1953 in Stuttgart, wuchs aber in Ditzingen, ein paar Kilometer nördlich der Landeshauptstadt auf. Oettinger und Ditzingen, das gehört für die baden-württembergische CDU so sehr zusammen, dass sie das 12.000-Seelen-Städtchen auf ihrer Internetseite gleich als Geburtsort angibt.

Politisch gesehen mag das sogar stimmen: Hier gründete Oettinger vor über 30 Jahren zusammen mit ein paar Freunden die lokale Junge Union, hier lernte er die Politik von der Pike auf kennen. Darauf sind die Ditzinger stolz, sie nennen ihn "unseren Günther". Keiner sagt ein schlechtes Wort über ihn. Aber nicht alle mögen ihn so sehr wie die Ditzinger.

Oettingers Betriebsunfall

Zum Beispiel Erwin Teufel. Warum das so ist, weiß niemand genau. 14 Jahre lang hat Oettinger, der seit 1984 im Landtag von Baden-Württemberg sitzt, die CDU-Fraktion geführt, hat dem Regierungschef solide Mehrheiten beschert - bis auf 1996, nach der gewonnenen Landtagswahl. Die CDU hatte kräftig zugelegt, die Große Koalition war am Ende, ab jetzt saß die FDP wieder mit am Regierungstisch. Teufels Freude erhielt dennoch einen kräftigen Dämpfer: Bei seiner Wiederwahl zum Ministerpräsidenten am 12. Juni 1996 fiel er durch. Erst im zweiten Durchgang brachte der Fraktionschef seine Mannschaft auf Linie. Wahrscheinlich war das der Bruch. Oettinger spricht bis heute von einem "Betriebsunfall".

Fleißig, schlau, machtbewusst - angeblich hat Oettinger schon als Jugendlicher sein Lebensziel vor Augen gehabt. Weggefährten erzählen, dass der junge Günther genervt war von der starren CDU unter Ministerpräsident Hans Filbinger. "'Wart's ab, deine Zeit kommt noch. Irgendwann bist du selbst Ministerpräsident und machst es anders', haben wir ihm damals gesagt", erinnert sich Karl Geibel, Journalist aus Leonberg. Oettingers im August verstorbener Vater war FDP-Mitglied und Gründer einer Wirtschaftsprüfer- und Anwaltskanzlei, an der der Sohn beteiligt ist und die jetzt von seinem Bruder geführt wird. Das liberale Umfeld prägte.

Vielleicht ist der bekennende Merkel-Anhänger, dem Freundschaften zu den CDU-Ministerpräsidenten Christian Wulff, Roland Koch und Peter Müller nachgesagt werden, manchem in der Südwest-CDU zu liberal. Vielleicht hat deshalb der Katholik Teufel versucht, den Protestanten Oettinger zu verhindern, indem er die katholische Kultusministerin Annette Schavan ins Rennen schickte. Aber was kam zuerst? Der Versuch des Mannes, den manche spöttisch "Prinz Charles vom Neckar" nennen, Teufel aus dem Amt zu drängen? Oder Teufels Absicht, den ungeduldigen Kronprinzen zu verhindern?

Nach der Ohrfeigen-Affäre gab Teufel auf

Spekulationen um die Teufel-Nachfolge wurden immer wieder angeheizt, vor allem innerhalb der CDU. Im März 2004 meldete Oettinger erstmals öffentlich sein Interesse an, obwohl Teufel noch nichts von Rücktritt gesagt hatte: "Wenn Erwin Teufel als Ministerpräsident abtritt, muss ich antreten." Zuvor war von Schavan bekannt geworden, womit alle gerechnet hatten: Sie wolle ebenfalls kandidieren.

Intrigen-Vorwürfe aus Teufels Umfeld kannten trotzdem nur eine Richtung: Oettinger. Aber der interne Druck auf den Regierungschef nahm zu. Als sein Staatsminister Christoph Palmer am 24. Oktober 2004 einen Teufel-Kritiker während einer Party beschimpfte, zweimal ohrfeigte und daraufhin zurücktrat, war auch für Teufel Schluss: Er kündigte seinen Rücktritt für den 19. April an. Für viele war die Übergangszeit viel zu lang. Wieder machte der Spruch "Unser Kohl heißt Erwin" die Runde. Aber jetzt war klar: Folgt Oettinger Teufel im Amt, wird er den Ruf des Königsmörders nicht so schnell los.

Bisher galt der CDU-Fraktionsvorsitz in Baden-Württemberg als Sprungbrett in die Villa Reitzenstein, dem Stuttgarter Sitz des Ministerpräsidenten. Fast wäre es diesmal anders gekommen. Geschickt setzte Teufel eine Mitgliederbefragung innerhalb der Landespartei durch, weil er wusste: Die Fraktion steht hinter Oettinger, Schavan hat nur eine Chance, wenn die Mitglieder zum Zuge kommen. Selten hat sich Teufel so verkalkuliert.

Oettinger kennt die Landespartei bis in den kleinsten Ortsverband hinein, hat jahrelang Vereine, Firmen, Polizeistationen und Krankenhäuser besucht und jedem das Gefühl gegeben, er interessiere sich für ihn. Schavan kam zu akademisch, zu wenig parteiverbunden daher - und das als gebürtige Rheinländerin. Anfang Dezember setzte sich der schwäbische Netzwerker mit 60,6 Prozent durch. Die Parteibasis sprach Oettinger damit ganz offiziell vom Vorwurf des Königsmords frei. Ein Parteitag nominierte ihn zum Nachfolger Teufels und zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2006.

Die Konservativen sind skeptisch

Seither ist der Noch-CDU-Bezirksvorsitzende Nordwürttemberg und Bald-CDU-Landeschef ein Publikumsmagnet. Oettinger, der Jurist und Volkswirt, ist zwar bodenständig und der Heimat verbunden geblieben. Wie ein Volkstribun sieht der Mann im perfekt geschnittenen Anzug und mit der akkuraten Fönfrisur gleichwohl nicht aus. Er schätzt deutliche Worte, auch wenn sie unpopulär sind. Gegner nennen ihn einen Technokraten, einen Politiker ohne Prinzipien. Mochte man den bisweilen unterschätzten Teufel hin und wieder umarmen, bleibt zwischen Oettinger und seinem Publikum eine Distanz - selbst wenn es seine Parteifreunde sind. Eineinhalb Stunden redet Oettinger beim Ditzinger Frühschoppen. Applaus gibt es nur ein einziges Mal: am Ende.

Oettingers Ansichten werden im christlich-konservativ geprägten Baden-Württemberg zuweilen skeptisch aufgenommen. "Ich kenne in meiner Partei viele Leute, aber keinen Mann, der seinen Beruf für die Familie aufgegeben hat. Nicht einen einzigen", sagt er seit Wochen immer wieder, und seinen Zuhörern wird klar, dass für Oettinger die traditionelle Rollenverteilung zwischen Mann und Frau nicht mustergültig ist. Seine Frau Inken ist Modedesignerin, und wenn möglich, verschafft er ihr zeitlich Freiraum und kümmert sich um den gemeinsamen siebenjährigen Sohn Alexander. Gelegentlich nimmt er ihn zu Terminen mit. Wer Oettinger kennt, legt ihm das nicht als Werbeaktion aus. Dennoch kommen viele nicht damit klar, dass er sich so entschieden für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und für Ganztagsschulen - und damit für die Abkehr vom traditionellen Familienbild - einsetzt.

Oettinger redet mit Gewerkschaftern genauso unverkrampft wie mit Unternehmervertretern. Und in den Grünen sieht er, im Gegensatz zu vielen Granden in der Union, einen potenziellen Koalitionspartner. Das war 1992 so, als die CDU nach dem Verlust der absoluten Mehrheit einen Partner benötigte - es kam dann aber doch zur Koalition von CDU und SPD. Und das ist auch heute noch der Fall. Erst am Wochenende sagte er, ein schwarz-grünes Bündnis sei nach der Landtagswahl 2006 möglich. Dass das zurzeit keine Option ist, sondern ein Warnschuss in Richtung FDP, die im Land seit dem Ende der Walter-Döring-One-Man-Show immer noch an ihrem Profil arbeitet, weiß jeder. Trotzdem betont Oettinger, für ihn gelte "generell das demokratische Prinzip, dass man Koalitionen zwischen demokratischen Parteien nicht generell ausschließt".

Bei der "Affäre Mario" strauchelte Oettinger

Über den Südwesten hinaus hat Oettinger selten Schlagzeilen gemacht. 1988, als Landeschef der Jungen Union, forderte er werbewirksam den Rücktritt von Bundeskanzler Helmut Kohl wegen "Führungsschwäche". In Bedrängnis geriet er 1993 in der "Affäre Mario": Oettinger hatte private Kontakte zu einem Stuttgarter Pizzabäcker und Promi-Gastwirt, der wegen Verdachts der Geldwäsche und Kontakte mit der Mafia ins Visier der Ermittler geriet. Ansonsten hat er routiniert seine Arbeit gemacht, ohne viel Wirbel.

Personalfragen weicht er noch aus. Nach dem Rücktritt von Wirtschaftsminister Döring im vergangenen Juli hatte Teufel sein Kabinett umgebildet. Jede Veränderung käme jetzt einer nachträglichen Kritik gleich. "Ich will nicht alles anders machen als Erwin Teufel", sagt Oettinger. Aber auch: "Ich werde auf neue Fragen neue Antworten finden müssen." Eine Sorge trieb den sonst gerne unbequemen Routinier um: dass nicht alle Abgeordneten von CDU und FDP für ihn stimmen, dass ihm womöglich bei seiner Wahl das gleiche passiert wie Erwin Teufel 1996.

Die Sorge war unbegründet: Der Stuttgarter Landtag bestimmte den bisherigen CDU-Fraktionschef mit einer überraschend deutlichen Mehrheit zum Nachfolger von Teufel. Oettinger erhielt dabei unerwartet auch einzelne Stimmen aus der Opposition.

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