Baden-Württemberg Ute Vogts schwerste Stunde
Stuttgart - Es ist ein Debakel, das selbst die stets optimistische Ute Vogt nicht überspielen kann. Ihre Augen sind gerötet, als sie gegen viertel vor sieben in den Landtag in Stuttgart kommt. Die Luft dampft vor Hitze, Journalisten drängeln sich um die Absperrungen - alle wollen einen Blick auf das Gesicht der Verliererin erhaschen.
Die SPD-Kandidatin hat ihren ersten Auftritt im ARD-Studio: Verloren steht sie neben dem Moderator am Pult, muss warten, bis sie was sagen darf, denn die Fernsehleute wollen doch erst den Sieger Kurt Beck aus Rheinland-Pfalz interviewen. Es herrscht fast peinliche Stille im Stuttgarter Studio. Immer wieder versucht Vogt ein tapferes Lächeln, guckt hoch, aber immer wieder rutschen ihr die Mundwinkel ab. Sie wirkt in sich gekehrt, fast als vergesse sie zwischendurch, dass hier gerade alle auf sie schauen.
Dann ist sie dran: "Eine schmerzhafte Niederlage", sei das, sagt sie. Und dass man nun keine einsamen Entscheidungen treffen werde, darüber, wie es auch mit ihr in Zukunft weitergehen wird. Anscheinend habe die Arbeit der Großen Koalition in Berlin einen stärkenden Einfluss auf die amtierenden Landesregierungen. Dann muss Vogt weiter, ein anderes Studio, die gleichen Fragen, die gleichen Antworten.
Viertel vor sechs: Warten auf die ersten Hochrechnungen in der SPD-Ecke im Landtag. Der stellvertretende Pressesprecher der Landtagsfraktion, Martin Mendler, will den Anschein verhindern, man habe hier bei der SPD schon aufgegeben: "Leute, kommt nach vorne. Wie sieht denn das im Fernsehen aus, wenn wir uns hier an die hintersten Tische verkrümeln", ruft er. Er und seine Parteigenossen ahnen schon, dass es schlecht aussieht für seine Partei, machen sich aber noch Hoffnung: "In 17 Minuten kann noch viel passieren", sagt einer.
Als um sechs dann die ersten Hochrechnungen über die Fernsehschirme laufen, herrscht Schockstarre. Niemand spricht, jeder versucht den Blicken der anderen auszuweichen. "Katastrophe", murmelt einer in die Stille. Ratlosigkeit macht sich breit: "Ich weiß nicht mehr, was man noch machen kann!", sagt ein Mitglied des Wahlkampfteams von Ute Vogt. Es sehe jetzt einfach so aus, als habe die CDU ein "100-Jahre-Vertrag mit den Baden-Württembergern" abgeschlossen.
Niemand hatte sich bei der SPD in Baden-Württemberg darauf eingestellt, heute jubeln zu können - die letzten Umfragewerte verhießen der SPD 26 Prozent - dass es aber noch schlimmer kommen sollte, damit hatte keiner gerechnet. Und gerade die Kandidatin Vogt war dabei wie ein Strohhalm für die Genossen, an den sie sich noch klammern konnten. Schließlich waren ihre persönlichen Werte gut, ein Fernsehduell zwischen ihr und Ministerpräsident Oettinger war nach Meinung der Zuschauer unentschieden ausgegangen. Gegen den oft so steif wirkenden Oettinger konnte Vogt mit Natürlichkeit punkten.
SPD hadert mit den Nichtwählern
Sich inhaltlich von der Union abzusetzen war da schon viel schwieriger. Eine Landesregierung, die bundesweit die niedrigste Arbeitslosenquote aufweisen kann, deren Land die besten Universitäten zu bieten hat - der ist nicht leicht beizukommen.
Dass die Niederlage an der Person Vogt liegt, will bei der SPD in Stuttgart deshalb niemand sagen. Rücktrittsgerüchte werden zurückgewiesen. Vielmehr wird die Schuld bei der Großen Koalition in Berlin gesucht. "Es scheint eine Grundzufriedenheit da zu sein, davon profitieren die regierenden Parteien", sagt Mendler. Auch die niedrige Wahlbeteiligung habe die SPD besonders hart getroffen: "Besonders in unseren Hochburgen sind viele nicht wählen gegangen", sagt der Fraktionsvorsitzender Wolfgang Drexler. Ein schreckliches Mobilisierungsproblem sei das.
Der Sieger des Abends kommt spät, mehr als eine halbe Stunde, nachdem Ute Vogt ihre Wahlniederlage eingestanden hat. Aus der Eingangshalle des Landtags schallen "Oettinger, Oettinger" - Rufe, dann bahnt sich der Tross des Stuttgarter CDU-Politikers seinen Weg. Hinauf in den ersten Stock, zu den Studios der großen Fernsehsender. Er lässt sich treiben, wird geschoben und schiebt selbst. Fotografen drängen sich in seine Bahn, rufen den Namen des Ministerpräsidenten, wollen ein Siegerfoto. Doch das ist so eine Sache. Viele sagen, Günther Oettinger sei ein "Manager" im Amt des Ministerpräsidenten. Ein Schauspieler ist er jedenfalls nicht. Sieht er eine Kameralinse, zieht er seine Mundwinkel wie mechanisch zur Seite und bleckt die Zähne. Es ist mehr ein Fletschen als ein Lachen.
Natürlich freut er sich. Der Wahlsieg sei eindeutig. Der ARD sagt er, dass seine Partei "einen klaren Auftrag" bekommen habe. Dann reiht er sich in die Ahnengalerie der baden-württembergischen Christdemokratie ein. "Ich habe auf dem Fundament von Erwin Teufel aufgebaut", stellt Oettinger fest. Spätestens jetzt ist auch dem letzten Zuhörer klar, dass mit diesem Wahlsieg ein neuer Abschnitt in seiner politischen Karriere begonnen hat. Jetzt ist er wirklich im Staatsministerium angekommen. Vom Volke gewählt, mit einem mehr als respektablen Ergebnis.
Ein CDUler jubelt schon vor 18 Uhr
"Denken sie 14 Jahre zurück, als Erwin Teufel in seiner ersten Wahl 39 Prozent geholt hat", sagt Friedhelm Repnik, ehemaliger CDU-Landesminister. "Günther Oettinger hat seine erste Wahl jetzt mit 44 Prozent gewonnen. Das ist ein toller Erfolg."
Als die ersten Prognosen bekannt gegeben werden, steht eine kleine Gruppe von Christdemokraten um den Landtagsabgeordneten Klaus Hermann an einem Bistrotisch, von Fernsehkameras umringt. "Geht's jetzt los?", freuen sich die Politiker. Bevor dann die Balken in die Höhe schnellen, jubelt Hermann einige Sekunden zu früh. Während auf den Bildschirmen noch nichts vom CDU-Ergebnis zu sehen ist, hat der Politiker die Fäuste schon gen Saaldecke gereckt. Ein symptomatisches Bild für den ganzen Wahlkampf.
Bei so viel vorhersehbarem Siegestaumel hat ein Mann die Lacher auf seiner Seite. ARD-Moderator Jörg Schönenborn will auf das komplizierte Wahlsystem in Baden-Württemberg anspielen, bei dem es nur eine Stimme statt zwei gibt. "Die Wähler konnten sich nicht entscheiden", sagte er. Genau das stimmte heute Abend nicht.