Bonn-Berlin-Pendler: Die Wochenend-Heimkehrer - DER SPIEGEL
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Bonn-Berlin-Pendler Die Wochenend-Heimkehrer

Jede Woche pendeln 5000 Regierungsmitarbeiter zwischen Bonn und Berlin, weil ihre Ministerien einen Dienstsitz in beiden Städten haben. Das kostet Zeit und Geld. Vor allem aber Nerven.
Von Sonja Pohlmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Sonja Klasen versteht nicht, wie ihr Chef das macht. Leben, an drei verschiedenen Orten – für die Sekretärin wäre das nichts. Aber Erich Stather will es nicht anders. Jede Woche pendelt er zwischen drei Städten: Bonn, Berlin und Mainz. Stather ist Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das sowohl in Bonn als auch in Berlin seinen Dienstsitz hat.

Zwei Tage arbeitet der 58-Jährige deshalb am Rhein, drei Tage an der Spree, und wenn er Glück hat, verbringt er zwei Tage in Mainz. Hier besitzt der Staatssekretär ein Haus, hier wohnt seine Frau. Die beiden sehen sich nur am Wochenende. Eine Fernbeziehung. Stather gefällt es so. "Ich brauche das, diese absolut räumliche Trennung von politischem und privatem Leben", sagt er.

Montags taucht er ab in seine Arbeitswelt. Mit seinem Mercedes fährt er früh morgens nach Bonn, bespricht hier im Ministerium Pläne und Probleme. Alle 20 Minuten ein neuer Termin. Mittags steigt er dann ins Flugzeug nach Schönefeld. "Beamten-Shuttle" werden die Maschinen genannt, in denen Regierungsmitarbeiter wie Stather zwischen Haupt- und Bundesstadt hin- und herfliegen.

5000 pendeln auf dieser Strecke. Denn sieben Jahre nach dem Regierungsumzug sind noch immer sechs Ministerien geteilt: 10. 200 Mitarbeiter sitzen am Rhein, 8800 an der Spree. Zehn Millionen Euro kostet den Bund das jährlich. Geld, das ausgegeben wird, damit die Pendler reisen und in zwei Städten leben können. Und dafür, dass sie miteinander kommunizieren. Denn viele Gesetze werden in Bonn vor- und nachbereitet. Entschieden werden sie aber in Berlin. Und das funktioniert nur, wenn beide Welten wissen, was sie gerade tun.

"Man gewöhnt sich dran"

Stather hat deshalb nicht nur Telefon und E-Mail, sondern auch einen Bildschirm im Büro. Mehrmals pro Woche schaltet er ihn ein. Zu sehen gibt es keine Superstars, sondern seine Kollegen. Entweder aus Bonn oder aus Berlin – je nachdem, wo Stather gerade ist und von einer Kamera gefilmt wird. Solche Videokonferenzen sollen die geteilten Ministerien einen, Nähe zwischen den Kollegen herstellen. Aber Kantine, Kaffeeautomaten und Raucherecke kann ein Bildschirm nicht ersetzen. "Wenn es etwas Wichtiges gibt, will ich den Leuten in die Augen schauen. Und sie mir", sagt Stather. Deshalb ist er montags und freitags in Bonn. Anschließend steigt er wieder in seinen Mercedes, um nach Mainz zu fahren. Stather findet das anstregend. "Aber man gewöhnt sich dran", sagt er. Seine Ehe habe darunter nicht gelitten. Allerdings verzieht er sich Freitagabends erstmal mit einem Stapel Zeitungen, bis er komplett in Mainz angekommen ist.

Der Staatsekretär müsste weniger pendeln, wenn seine Familie mit nach Berlin gekommen wäre. Der Bund hätte seine Frau dabei unterstützt, eine neue Stelle als Lehrerin zu finden. So sieht es das Bonn-Berlin-Gesetz vor, mit dem die Regierung 1994 ihren eigenen Umzug organisierte. Aber Freunde, Bekannte und nette Kollegen lassen sich nicht wie ein Umzugskarton verschieben. Stathers Frau blieb deshalb in Mainz – auch als Bindeglied für seinen Freundeskreis. Er selbst findet in Berlin keinen Neuen. "Auch wenn zurzeit 2000 Leute behaupten, dass sie mit mir befreundet sind. So bald meine Stelle weg ist, sind es nur noch 20", sagt er.

Die Liste derer, die nach Berlin wechseln wollen, ist lang

Deshalb sind es vor allem seine jüngeren Mitarbeiter, die nach Berlin drängen. Sie sind flexibel, ihr soziales Gefüge umzubauen. Außerdem hoffen sie, auf der Karriereleiter voranzukommen. Nicht unbegründet, wie Stather sagt: "Sicher werde ich hier schneller auf die Leute aufmerksam als in Bonn". Die Liste der Mitarbeiter, die nach Bonn wechseln wollen, ist lang, sagt er.

Neulich ist ihm eine Mitarbeiterin aus dem Grundsatzreferat fast um den Hals gefallen als er ihre Versetzung ermöglichte. Sie arbeitet in Bonn, ihr Freund in Berlin. Stather befreite sie vom Leben als Pendlerin, ermöglichte ihr den Komplettumzug. Und machte damit das, was die Regierung bisher ablehnt. Sie will die Zweiteilung beibehalten. Abgeordnete, wie der SPD-Politiker Johannes Kahrs zweifeln an, ob sich das rentiert. Im Zuge der aktuellen Haushaltsberatungen plädierte Kahrs fraktionsübergreifend mit weiteren Parlamentariern für einen Totalumzug. Auch Friedbert Pflüger, Spitzenkandidat der Berliner CDU, will diesen "schrittweise vorantreiben".

Ein solcher Beschluss würde Staatssekretär Stather allerdings nicht davon abhalten, wöchentlich zu pendeln. Ohne Mainz kann er nicht abschalten. "Wenn Menschen politisch arbeiten, werden sie deformiert. Und ich muss einfach mal normale Leute sehen", sagt Stather.

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