Brexit: Theresa May besucht Kanzlerin Merkel in Berlin - DER SPIEGEL
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May besucht Merkel Eisern pragmatisch

Wie umgehen mit dem Brexit? Der erste Auslandstrip der neuen britischen Premierministerin Theresa May geht nach Berlin zu Angela Merkel. Dort wird so einiges klar.
Premierministerin May, Kanzlerin Merkel
Premierministerin May, Kanzlerin Merkel

Premierministerin May, Kanzlerin Merkel

Foto: Markus Schreiber/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sorry. Wir müssen erst einmal die Klischees abräumen, um danach einen unverstellten Blick zu haben.

  • Ja, die neue britische Premierministerin Theresa May trug auch bei ihrem ersten Besuch im Kanzleramt wieder ihre leopardmäßig gemusterten Schuhe.
  • Die Frisuren von Gastgeberin und Gast ähnelten sich in der Haarlänge, nicht aber in der Farbe und auch nicht in der Form, denn May trägt die Ohren bedeckt, Merkel nicht.
  • Merkel trug ihre klassische Bunter-Blazer-schwarze-Hose-Kombination, während May auf einen Rock setzte.

So, das wars. Schuhe, Frisuren, Kostüme. Welche Krawatte trug noch mal Mays Vorgänger David Cameron bei seinem Antrittsbesuch in Berlin im Mai 2010? Tja. (Korrekte Antwort: die purpurne).

Man sollte sich also von Äußerlichkeiten nicht täuschen lassen. Denn am Mittwochabend im Berliner Kanzleramt war zu beobachten, dass das Treffen zwischen Merkel und May alles andere als leopardmäßig verlief. Und es wurde auch keine weibliche deutsch-britische Entente cordiale geschaffen.

Es ging ganz im Gegenteil ganz und gar pragmatisch vor sich.

Zu erleben waren zwei Regierungschefinnen, die ihre Lage kühl analysierten, bedacht auf den eigenen Vorteil: May will das Beste aus dem von ihr nicht sonderlich gewünschten Brexit machen; Merkel will das Beste für die Rest-EU rausholen, heißt insbesondere: sie zusammenhalten.

Schuhe der Premierministerin im Kanzleramt

Schuhe der Premierministerin im Kanzleramt

Foto: Adam Berry/ Getty Images

Man werde mit Großbritannien auch weiterhin eine "sehr enge Beziehung" pflegen, sagte die Kanzlerin, das Land bleibe "trotzdem ein Teil Europas". Klar, was auch sonst? Wegschwimmen können sie ja nicht, die Briten mit ihrer Insel.

Doch der Klang der Worte Merkels war kühl, distanziert. Später, als es um die Frage der EU-Austrittsverhandlungen mit den Briten ging, die sich wohl mindestens über die nächsten zwei Jahre hinziehen werden, sprach Merkel vom "Wettbewerb der Verhandlungsstrategien", man wolle sich da auf Augenhöhe begegnen. Wettbewerb heißt Kampf.

Es ist nun mal so: Theresa May gehört nicht mehr zur Familie. Die Briten sind jetzt ein guter Freund, ein gern gesehener Gast. Aber sie werden künftig eben auch ausschließlich in den Kategorien eines Freundes gemessen - nicht mehr in denen eines Verwandten, der einfach dazugehört, egal wie sehr er nerven mag.

Weder Merkel noch May rüttelten am Brexit. Die Deutsche verkniff es sich zwar nicht, noch einmal explizit darauf hinzuweisen, dass 48 Prozent der Briten für einen Verbleib in der EU gestimmt hätten, doch sie spricht von den Realitäten, die es anzuerkennen gelte. Und May? Sagte ihr Standardsprüchlein: "Brexit heißt Brexit."

Ein "besonderer Freund"

Die Premierministerin scheint nun eine besondere Beziehung zu Deutschland anzustreben. Es ist ja auch kein Zufall, dass ihr erste Auslandsreise sie nach Berlin führt; Cameron fuhr noch nach Paris. May will einen guten Brexit-Deal, und sie sieht in Merkel dafür die wesentliche Verhandlungspartnerin. Das ist das eine.

Zum anderen geht es ihr um die wirtschaftlichen Beziehungen: Deutschland ist für das Vereinigte Königreich nach den USA der wichtigste Handelspartner. Ein "besonderer Freund" blieben die Deutschen, sagte May. Und es klang schon ein bisschen nach special relationship. Die Premierministerin wird wohl versuchen, den durch den Brexit verursachten Verlust des britischen Einflusses mit besonderen bilateralen Beziehung zu dämpfen.

Gleichzeitig machte sie deutlich, dass sie die Einwanderung begrenzen will. Mit einem ungehinderten Zugang zum EU-Binnenmarkt nach dem Vorbild der Nicht-EU-Staaten Norwegen und Schweiz ist das aber nur schwerlich zu vereinbaren. Heißt: May sucht offenbar nach einem Mittelweg, der ihr Distanz zur EU garantiert, sie aber nicht gänzlich von der europäischen Freihandelszone abkoppelt.

Wie lange diese Suche noch dauert? Unklar. Jedenfalls sei mit dem Austrittsantrag nicht mehr vor Ende dieses Jahres zu rechnen, so May. "Absolut verständlich" sei es, sagte Merkel, dass die britische Regierung erst eine Verhandlungsposition entwickeln müsse. Natürlich wolle niemand eine Hängepartie, "aber jeder hat doch ein Interesse daran, dass die Dinge sorgfältig vorbereitet werden".

Und als eine britische Journalistin fragte, wie es denn so sei miteinander, welchen Eindruck May also von Merkel habe und umgekehrt, da sagte die Premierministerin: Sie seien zwei Frauen, die loslegen und die Probleme anpacken wollten.

Darauf Merkel: "Genau!"

Eisern pragmatisch.