Buchvorstellung Beck bleibt Beck
Berlin - Manchmal hat das heftig gescholtene, angeblich vom realen Leben völlig losgelöste Raumschiff der Hauptstadt Berlin doch seine unabweisbaren Vorteile. Da sich hier tatsächlich alles auf engstem Raum abspielt, drängen sich unmittelbare und erhellende Vergleiche geradezu auf.
So stellte am Dienstag der designierte SPD-Vorsitzende Franz Müntefering in den Räumlichkeiten der Deutschen Bank Unter den Linden das Buch eines "Bild"-Journalisten vor. Titel: "Faul, korrupt und machtbesessen? Warum Politiker besser sind als ihr Ruf" eine wunderbare Steilvorlage für das politische Comeback-Kid des Jahres. Prägnant, witzig und ernsthaft zugleich umriss Müntefering seine Vorstellungen von Politik in der parlamentarischen Demokratie und sparte nicht mit Kritik auch an jenen, die immer nur auf der Tribüne sitzen, die Arme verschränken, meckern und alles besser wissen. Wäre die Pointendichte noch ein klein wenig dichter gewesen, hätte man sich Münte auch auf einer Kabarettbühne vorstellen können. Motto: Neues aus der Anstalt.
Zwei Tage später präsentierte der frisch geschasste ehemalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck sein eigenes, hastig aktualisiertes Buch "Ein Sozialdemokrat. Die Autobiographie" in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung und die pointenhungrige Journalistenmeute murrte schon nach einer halben Stunde. Allzu langatmig schilderte ein im Übrigen gar nicht geknickt wirkender Beck noch einmal jene Umstände, die ihn beim schon legendären SPD-Treffen am Schwielowsee zum Rücktritt veranlasst hatten.
Im Gespräch mit dem Fernsehjournalisten Heiner Bremer der den ursprünglich vorgesehenen Laudator Gerhard Schröder nur unvollkommen vertrat zeigte sich noch einmal überdeutlich, warum der erfolgreiche Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz nicht mehr Vorsitzender der deutschen Sozialdemokraten ist: Weil er es nicht kann, weil es nicht seine Sache ist, weil die Aufgabe ihn von Anfang an überfordert hat.
Wo Müntefering zupackend, schnell, präzise, und ja: unterhaltsam ist, da schwadroniert Beck frei von jeder (Selbst-)Ironie und umständlich herum. Er will sich nicht verbiegen lassen und so bleiben, wie er ist. Man mag ihm diese grundanständige Haltung als Mensch gar nicht übel nehmen, aber allein die Vorstellung, anstelle der Hundertschaft Journalisten hätten hundert normale Wählerinnen und Wähler seinen Ausführungen gelauscht, veranschaulicht das Problem: Wie soll sich so Begeisterung einstellen, neuer Mut und Optimismus, Kampfeswille und die Überzeugung, die Zukunft halte noch sozialdemokratische Versprechungen bereit? Wie sollen so Wahlen gewonnen werden?
"Intrigenhafte Züge"
Nachdem in den vergangenen Tagen durch Vorveröffentlichungen und Interviews die Essenz der Beckschen Wahrheit über den Steinmeier-Müntefering-Komplex schon bekannt geworden war, hielten sich die Neuigkeiten in sehr engen Grenzen.
Während Klaus Staeck, Präsident der Akademie der Künste, mit seiner kleinen Digitalkamera Erinnerungsfotos schoss und der Komödiant Gerd Dudenhöffer alias "Heinz Becker" Anschauungsmaterial für eigene literarische Projekte sammelte, wich Beck obstinat jenen Fragen aus, die sich mit der Rolle Münteferings beschäftigten. Nein, nein, dies sei "kein Putsch" gewesen, nichts von langer Hand Geplantes. Gleichwohl habe die Sache "intrigenhafte Züge" getragen. Wer und wie genau, das verriet er wieder nicht. Weder Müntefering noch Schröder bezichtige er des Königsmords es sei "die zweite Reihe" gewesen, die ihn zu Fall bringen wollte. Die aber, das weiß jedes Berliner Kind, handelt meist im Auftrag der "ersten Reihe". Was also?
Die Müntefering-Wahl will er sich nicht antun
Auffällig war das Bemühen Becks, nach all den verletzenden Worten in den vergangenen Tagen die internen Gräben und Zwistigkeiten nicht weiter zu vertiefen, der SPD und ihrem Neuanfang nicht im Wege zu stehen. Auch das ist ehrenvoll, aber die Art und Weise, wie er das macht, verrät sehr viel darüber, warum es erst so weit kommen konnte.
Allen Ernstes glaubte Kurt Beck angeblich noch drei Tage vor dem Big Bang am Schwielowsee, nun werde alles gut mit der neuen "Troika" mit ihm als SPD-Chef, Steinmeier als Kanzlerkandidaten und Müntefering als eine Art Senior Adviser und guter Onkel der Sozialdemokraten mit dem sauerländischen "Bellheim"-Faktor. O-Ton Beck: "Die Rationalität sprach dafür, dass dies eine tragfähige Lösung ist." Leider sollte sich herausstellen, dass es nur die Becksche Rationalität war. Ein politisch-philosophisches Missverständnis. Und ein psychologisches dazu.
Seine Kommunikation heißt schlicht: You get what you see
Auch auf mehrfache Nachfragen beharrt der als "Provinzler" und "Pfälzer Waldschrat" Geschmähte darauf, das ganze "Geflüster", das übliche "Hintergrundgequake", zu dem er auch die Erleichterung großer Teile der Partei nach seinem Rücktritt zählt, nicht ernst genommen zu haben. Alles "absurder Unsinn". Hier aber offenbart sich doch ein gutes Stück Realitätsverlust, eine spezifische Wahrnehmungsstörung. Dass große Teile der Partei, nicht zuletzt angesichts der rasant fallenden Umfragewerte, mit Becks Führung unzufrieden waren, dürfte ihm eigentlich nicht verborgen geblieben sein.
Ähnliches gilt für sein Verhältnis zu den Medien. Es ist sicher richtig, dass manche Journalisten voreilige Urteile fällen und dabei auch zur Rudelbildung neigen, aber sie sind auch Spiegel und Resonanzboden der Wirklichkeit. Wer also nur die Übertreibungen und Verzerrungen der Medien zur Kenntnis nimmt, täuscht sich selbst und macht sich blind für lauernde Gefahren.
Immer wieder läge dem Beobachter dabei der Begriff von der politischen Naivität auf der Zunge, wenn er nicht wüsste, dass Beck seit vielen Jahren ein erfahrener Polit-Profi ist. Aber schon die Hilflosigkeit, sich gegen bestimmte Etikettierungen zu wehren, zum Beispiel jene, er habe die SPD nach links geführt, offenbart doch eine erschreckende Naivität: "Was soll man da machen?" entfährt es ihm, und man könnte fast Mitleid haben. Gleiches gilt für die "monatelangen Negativbotschaften" in der Öffentlichkeit und jenes fatale "Glaubwürdigkeitsproblem", das ihn nach seiner zustimmenden Äußerung über Andrea Ypsilantis Zusammengehen mit der Linkspartei in Hessen ereilte.
Man wagt kaum daran zu erinnern: Politik ist eben auch Marketing und Timing, Werben und Verkaufen, Strategie und Taktik, das Besetzen von Begriffen und die kluge Formulierung von Schlagwörtern, die Schneisen ins Dickicht des grauen Allerlei schlagen und Perspektiven eröffnen.
"Nahe bei den Menschen"
Willy Brandt, der von allen verehrte Patriarch der Partei, hat das ganz genau gewusst. "Mehr Demokratie wagen", sein berühmter Appell während der Regierungserklärung von 1969: Was war das sonst als eine Idee aus drei Worten, ein politischer Slogan, der in die Zukunft wies?
Doch Beck bleibt dabei: Er will nichts wissen von "Spin-Doktoren" und sonstigem Intellektuellen-Geschwerl, das im Hintergrund die Fäden zieht. Er will auch nicht, "dass über andere negativ gespinned wird". Seine Kommunikation heißt schlicht: You get what you see. Beck bleibt Beck, und Mainz bleibt Mainz.
Die äußerste Formulierung nachträglicher Selbst- und Welterkenntnis klingt dann so: "Die Erfahrung bringt einem manchmal Erkenntnisse, die man gar nicht so einschätzen konnte." Ansonsten aber, "rational" betrachtet, ist der Mann "völlig" mit sich "im Reinen". Der emotionale Rest wird im andalusischen Urlaub erledigt. Nur den Sonderparteitag der SPD, bei dem Franz Müntefering zu seinem Nachfolger gewählt werden soll, will er sich nicht antun.
Danach aber gilt gleich wieder sein Leit- und Lehrsatz am Ende der Einleitung seiner Autobiographie: "Nahe bei den Menschen so werde ich auch in Zukunft handeln." Irgendeiner aus der zweiten Reihe murmelte: "Beck weg, Partei gut. Glück auf!"