Buchvorstellung: Das Ursula-Prinzip - DER SPIEGEL
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Buchvorstellung Das Ursula-Prinzip

Kita-Plätze, Geburtsmaschinen, Betriebskindergärten - Familienpolitik im Kurzwaschgang mit viel Weichspüler: So präsentierten Ursula von der Leyen und TV-Moderatorin Maria von Welser ihr Buch "Wir müssen unser Land für die Frauen verändern" - ein Gegenpol zum Eva-Prinzip.
Von Franziska Badenschier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Wenn sich ihr Buch so gut verkauft, wie sie sich selbst verkaufen, dürfte das gemeinsame Werk von Maria von Welser und Ursula von der Leyen schnell zum Bestseller werden. "Wir müssen unser Land für die Frauen verändern" lautet der Titel. Auf dem Cover strahlen sich die beiden Frauen an - so wie bei der heutigen Präsentation dieses Gesprächsbandes.

Für die Fotografen haben von Welser, fast zehn Jahre lang Moderatorin des ZDF-Frauenmagazins "Mona Lisa" und jetzt Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg, sowie von der Leyen, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, den Saal, ihr schönstes Lächeln aufgesetzt. Mehr als eine Minute dauert das Blitzlichtgewitter, dann fragt die Ministerin: "Hammers?" Nein, die Fotografen knipsen weiter.

Irgendwann kommen die beiden Damen doch zu Wort. Erst stellt von Welser der Ministerin fragen, dann die Journalisten - eine Stunde Familienpolitik im Kurzüberblick, charmantes Lächeln inklusive.

Stichwort Krippenschlacht: Nein, sagt die Ministerin, als sie sich im letzten Sommer dreimal zwei Stunden mit der Journalistin von Welser zum Interview zusammengesetzt hatte, habe sie noch nicht geahnt, dass ihre Familienpolitik solche Wellen schlagen und bald heiß über Babys in Krippen, mehr Kita-Plätze und Vaterrollen diskutiert würde. "Da war aber schon klar, dass Deutschland Nachholbedarf hat." Es breche sich nun eine Diskussion Bahn, "die überfällig ist in diesem Land und die ich begleiten darf". War die Zeit reif, nur weil Deutschland eine Kanzlerin hat? "Es ist eine unglaubliche Hilfe, eine Frau an der Spitze zu haben, die das Gespür hat, dass die Diskussion nötig ist, und die zulässt, dass diese Debatte geführt wird", so von der Leyen.

Stichwort Ehegattensplitting: Nein, nicht abschaffen, meint die Ministerin. Auch wenn heute nicht wie zur Zeit der Einführung im Jahre 1958 gut 80 Prozent der Kinder in einer Ehe geboren werden. Lieber sollte das Ehegattensplitting erweitert werden.

Stichwort "Gebärmaschine", mit dem der katholische Bischof Walter Mixa gegen von der Leyen wetterte: "Es ist ein schreckliches Wort", so von der Leyen. Und es mache eine Tür zu - dabei hieße Diskussion "offen sein".

Stichwort Finanzierung von 750.000 neuen Kita-Plätzen: Woher die 9,5 Milliarden Euro kommen soll, sagt sie diesmal nicht - die Politik-Kollegen diskutieren selbst.

Stichwort Betriebskindergärten: Es sei Zeit für die "Veränderung der Unternehmenskultur". Zurzeit böten nur 3,5 Prozent aller Unternehmen in Deutschland betriebliche Kinderbetreuung an - viel zu wenig, findet die Ministerin und will die Firmen, die Betriebskindergärten einrichten, finanziell fördern. "Die Frauen können in Zukunft nicht beide Päckchen - Fürsorge und Einkommen - alleine schultern."

Stichwort 1958, das Geburtsjahr der Familienministerin und das Jahr, in dem das Gesetz zur Gleichberechtigung von Mann und Frau in Kraft trat. Vorbei die Zeit, in der Frauen ihr eigenes Vermögen in einer Ehe nicht selbst verwalten durften und der Gatte den Job seiner Ehefrau kündigen konnte, wenn er der Meinung war, sie vernachlässige Kinder und Haushalt. "Eine meiner Töchter war erschüttert, das so etwas möglich war", erzählt Ursula von der Leyen. Das sei ja wie im Mittelalter, habe das Mädchen gesagt.

Weitere Anekdoten aus dem Hause von der Leyen - etwa über ihren ältesten Sohn, der freiwillig auf die sechs Geschwister aufpasste, als das Kindermädchen im Urlaub war - finden sich in dem Buch ebenso wie das familienpolitische Konzept der Ministerin und Mutter.

In "Wir müssen unser Land verändern" kommt auch die erste deutsche Frauenministerin, Rita Süssmuth, zu Wort. Zudem liefert Maria von Welser eine Chronik der Frauenrechte mit, zitiert zahlreiche Studien und beschreibt die Frauen- und Familienpolitik in Schweden, Großbritannien, Frankreich und Island. "Das Buch ersetzt ein ganzes Regal an Ratgeberliteratur und Erfahrungsberichten", fasste der Zeitgeschichtsforscher und Publizist Paul Nolte zusammen.

Die Krux mit dem Begriff "konservativer Feminismus"

Ein Begriff fällt während der Buchpräsentation jedoch nicht: "konservativer Feminismus". "Der wurde mir in den Mund gelegt", sagte von der Leyen SPIEGEL ONLINE. Die "Welt" berichtete Anfang März unter dieser Überschrift über den 20. Geburtstag des Bundesfrauenministerium. Als "spannenden Begriff" bezeichnete die siebenfache Mutter, promovierte Ärztin und Politikerin den konservativen Feminismus in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

"Konservativ" gefällt ihr, stehe es doch für "bewahren". Man dürfe sich nicht scheuen, Werte wie Bereitschaft, Verlässlichsein und Einsatz für andere zu behalten - "Werte, die uns wichtig sind". Das Wörtchen "konservativ" dürfe unter keinen Umständen als "strukturkonservativ" verstanden werden, also konservativ, was die Familienkonstellation anbelangt: "Wir dürfen nicht in alten Klischees, Rollenstereotypen verharren."

"Feminismus" scheint die Ministerin jedoch ein wenig zu stören. Zwar schätzt sie Alice Schwarzer und fordert eine Gleichstellungspolitik gerade "für Frauen in prekären Lebenssituationen, für Frauen am unteren Rand der Einkommensskala, für Alleinerziehende und Frauen aus bildungsarmen Niveaus", wie es in dem Buch heißt. Als Feministin würde sich von der Leyen trotzdem nicht bezeichnen.

Und dann ist da noch die Rückseite des Buches: "Modernes Frauenleben statt Eva-Prinzip" steht dort - in Anspielung auf die Ex-Tagesschau-Moderatorin Eva Herman, die Frauen auffordert, zu Hause zu bleiben, sich um den Haushalt zu kümmern und nur für die Kinder da zu sein. Maria von Welser: "Für den Klappentext ist der Verlag verantwortlich." Ursula von der Leyen schweigt und lächelt.