Bundesparteitag Monty Python bei den Grünen
Erfurt - Volksfront von Judäa oder Judäische Volksfront. So lautet im "Leben des Brian", dem populärsten Film der britischen Komikertruppe Monty Phyton, eine zentrale Auseinandersetzung. In der Sache einig, zerstreitet sich wegen dieser abstrusen Namensfrage eine gegen die herrschenden Römer kämpfende Gruppe.
Parallelen zu den Grünen sind nicht bösartig - sondern Zitat eines prominenten Politikers der Partei: Genau so bringt es Reinhard Loske, Bremer Umweltsenator und einer der profiliertesten grünen Klimaexperten, auf dem Bundesparteitag in Erfurt auf den Punkt.
Die energiepolitische Debatte seiner Partei komme ihm vor wie eine ökologische Adaption der Python'schen Volksfront-Satire, sagt Loske am Rednerpult. Andere würden entscheidende Klima-Weichen stellen - und was tun die Grünen? "Wir rangeln um die bessere Position vor dem Spiegel."
Atom- und Kohlekraftwerke haben keine Zukunft - die liegt in den regenerativen Energien. Darin sind sich die Grünen einig. "Wir wissen doch, wer unsere Römer sind", sagt Loske: "Die Energiekonzerne, deren Lobby." Bis sich seine Parteifreunde daran zu erinnern scheinen, dauert es in Erfurt gut drei Stunden. So lange streitet man sich, während es in der Messehalle heißer und die Delegierten müder werden.
"Wir müssen mutiger sein", sagen also die einen. 2030 solle man als Datum für den vollständigen Verzicht auf nicht regenerative Energien festschreiben, fordert der energiepolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Hans-Josef Fell. Ein zweiter Antrag will dafür sogar das Jahr 2020 festschreiben. "Wir müssen realistisch sein", sagen die anderen. Mit entsprechenden Festlegungen machten sich die Grünen unglaubwürdig und in der Sache angreifbarer. So geht das hin und her.
Allerdings wird zunehmend unklarer, wer eigentlich wofür steht. "Hat der jetzt für oder gegen die radikalen Daten geredet?", fragt ein Kollege. Denn die Argumente sind die gleichen, die Überzeugungen auch.
"Ich glaube, wir müssen weitermachen"
Manche Delegierte klatschen bei jedem Redner gleich laut. Dabei sollte doch eigentlich Reinhard Bütikofer im Mittelpunkt des Parteitag-Auftakts stehen: Bütikofer, dem vielgescholtenen Parteivordermann, wollte man einen würdigen Abgang vom Chefposten bereiten. Also bekam Bütikofer nach seiner Grundsatzrede minutenlangen Beifall, musste sich sogar ein paar Tränchen aus dem Gesicht und von der Brille wischen, selbst die Umarmung seiner Ko-Vorsitzenden Claudia Roth ließ er über sich ergehen. Schließlich würgte Bütikofer, der am Samstag von Cem Özdemir beerbt werden soll, den Applaus ab: "Ich danke Euch sehr, aber ich glaube, wir müssen weitermachen."
Bütikofer ahnte wohl, welche Debatte die Delegierten in den kommenden Stunden erleben würden - so gut hat er die Grünen in den sechs Jahren seines Vorsitzes kennen gelernt.
Am Ende ist es Jürgen Trittin, der seiner Partei in dieser Debatte nochmals ins Gewissen redet. "Handele lieber, als zu viel zu versprechen", donnert der Ex-Bundesumweltminister durchs Mikrofon. Auch er habe manches Datum versprochen, um dann daneben zu liegen. "Ich kann aus meinen Fehlern lernen", sagt er.
Die skurrile Auseinandersetzung kann er in diesem Moment nicht mehr aufrollen. Aber nun will Trittin wenigstens vermeiden, dass seine Partei nach außen ein Signal setzt, auf das die Energiefeinde nur warten. Sie sollen nicht die Gelegenheit haben, wieder ihr "Die spinnen, die Grünen" anzustimmen.
So bindend wie eine leere Klebstoffflasche
Trittin, der neue starke Mann der Grünen, kann das am allerwenigsten gebrauchen. Er soll die Partei 2009 gemeinsam mit Bundestags-Fraktionschefin Renate Künast zu einem guten Ergebnis in Berlin führen, vielleicht sogar zurück in die Regierung. Auch in den Ländern regiert sie nur noch in zwei Kabinetten.
Also sagt Trittin "lieber Hans-Josef" und schmeichelt seinem Widersacher noch ein wenig mehr - und es funktioniert. Am Ende stimmt Fell dem Kompromiss zu.
Der Antrag, für den die Delegierten schließlich mit überwältigender Mehrheit votieren, sieht folgendes vor: Man wolle sich "anstrengen", bis 2030 die Komplett-Umstellung der Stromversorgung in Deutschland auf Ökostrom zu erreichen. Spätestens bis 2050 solle die gesamte Energie, auch zum Heizen, aus erneuerbaren Quellen bereitgestellt werden. Nach Möglichkeit wollen man das aber bereits 2040 erreicht sehen.
Das ist ungefähr so bindend, wie eine leere Klebstoffflasche. Aber wenigstens können beide Seiten damit leben.
Bütikofer bekommt anschließend, manche Delegierten sind schon gegangen, doch noch einen schönen Abschied - und ein bisschen Scheinwerferlicht. Roth redet in ihrer Eloge nicht zu lang und nicht zu peinlich, in einer filmischen Büti-Revue werden die Verdienste des scheidenden Grünenchefs sogar von BASF-Chef Klaus Hambrecht und SPD-Mann Frank-Walter Steinmeier gelobt, dazu passt auch ein Strauß roter Rosen für Bütikofer.
Dann geht er ans Pult und dankt der Partei in bewegenden Worten. Vielleicht ist Bütikofer gar nicht so traurig darüber, dass er demnächst im Europaparlament weiter von ihr entfernt sein wird.