Bundespräsident: Köhlers Charmeoffensive - DER SPIEGEL
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Bundespräsident Köhlers Charmeoffensive

Horst Köhler ist Bundespräsident. In seiner ersten Rede im neuen Amt umwarb er vor allem jene, die ihn nicht gewählt haben. Er forderte Mut zu Reformen, mahnte aber auch mehr Entwicklungshilfe an. Die Vertreter von Rot-Grün sind äußerst angetan vom Aufritt des Mannes, den CDU-Chefin Merkel ins Amt hievte.
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Berlin - Die Grüne Claudia Roth lächelt, als hätte gerade einer der Ihren gesprochen. Das sei "eine gute Rede" gewesen, sagt sie, während sie mit Journalisten eine Treppe im Reichstagsgebäude hinab geht. Vor allem hat der Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung eine sehr persönliche Passage gefallen. Jener Teil, in dem Horst Köhler von der Gleichberechtigung sprach. "Wir Männer", hat der neue Bundespräsident da gesagt, müssten "uns klar machen", dass es dabei nicht nur um die Themen Kinder und Familie gehe, sondern um die Kreativität und Kompetenz der Frauen. An dieser Stelle haben die Vertreter von Rot-Grün besonders lange geklatscht. Vor allem aber die Frauen.

Wie die Rot-Grünen überhaupt ihre Freude an dem Mann hatten, dem viele von ihnen zunächst mit Misstrauen begegnet sind. Köhler, der Kandidat von Union und FDP, hat an diesem Tag nach seiner Vereidigung im Berliner Reichstagsgebäude seinen Einstand gegeben. Er schafft dabei etwas, was in Deutschland eher selten anzutreffen ist: Er hält eine Rede, die in ihrer Mischung aus ernsten und heiteren Passagen und in ihrem Optimismus fast angelsächsisch wirkt. Vielleicht liegt das auch daran, dass Köhler lange im Ausland gelebt hat, als Direktor des Internationalen Währungsfonds in Washington, und er so vom deutschen Tiefsinn mit seinen Grübelfallen lange verschont blieb.

Um kurz vor zehn Uhr wurde Köhler vereidigt. Keine drei Minuten später ist die schlichte Zeremonie zu Ende, Köhler der neue Bundespräsident, der neunte in den 55 Jahren seit Gründung der Bundesrepublik.

Für transatlantische Beziehungen

Im außenpolitischen Teil seiner Rede erwähnt er die USA gleich an erster Stelle. Das ist eine programmatische Aussage in Zeiten, da die Verstimmung zwischen Berlin und Washington noch nicht gänzlich überwunden ist. "Die Amerikaner haben ihre Fehler gemacht, wir Europäer die unseren", sagt Köhler und wirbt für eine gute Partnerschaft sowie "einen neuen Dialog mit Amerika", selbstbewusst und auch fähig zur Kritik unter Freunden. Niemand könne an einem Zerrbild Amerikas in der Welt gelegen sein.

Köhler erinnert an die Befreiung Europas vor 60 Jahren, auch und vor allem durch die Amerikaner: "Für mich ist Freiheit der wichtigste Wert, der Europa und Amerika dauerhaft verbindet."

In Europa will Köhler außenpolitisch Signale mit seiner ersten Reise setzen: Sie wird ihn nach Polen und nach Frankreich führen. An das Land östlich von Oder und Neiße hat Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in seiner Abschiedsrede an Johannes Rau erinnert, das dem scheidenden Präsidenten besonders am Herzen gelegen habe. Dass an diesem Tag auch ein Generationenwechsel stattfindet, das macht Rau in seiner Ansprache indirekt deutlich. Er ist einer der letzten Repräsentanten aus der Generation, die den Krieg erlebt hat, dessen Ende sich im kommenden Jahr zu 60. Mal jährt. Rau erinnert auch daran, dass Deutschland seine zweite Chance nach 1945 erhalten und genutzt habe. Das Land lebe in Frieden mit seinen Nachbarn, sagt er, und daran möge man "gelegentlich" denken. Es klingt wie sein Vermächtnis.

Schröder findet Gefallen am Auftritt des neuen Mannes

Köhler wird den Hinweis aufgreifen, bezeichnet sich selbst als Kind einer Nachkriegsgeneration, die das "Erfolgsmodell" Deutschland miterlebt hat. Für den Mann, der sich selbst einen Optimisten nennt, geht es vor allem um eines: Mut zu machen. So hebt er denn auch die Fähigkeit des Landes hervor, sich immer wieder neuen Herausforderungen und Fragen zu stellen. Bei aller Kritik an Versäumnissen, selbst die Europameisterschaft wird da zu einem Ausweis deutscher Fertigkeiten: Köhler erwähnt, dass der Ball zwar in Asien produziert werde, das Know-how aber aus Deutschland stammt und so auch hier zu Lande Arbeitsplätze sichere.

Der Kanzler nimmt es mit Gefallen auf. Ja, Köhler scheint ihn an diesem Donnerstag auf seiner Seite zu haben. Es wirkt, als würde Gerhard Schröder, je länger die Rede dauert, je mehr Köhler durch ironische Spitzen spürt, dass ihm das Publikum wohl gesonnen ist, selbst überrascht sein über den Auftritt des neuen ersten Mannes im Staate.

Immer wieder applaudiert Schröder und hebt, als wolle er Anerkennung ausdrücken, beim Klatschen die Hände. Vor allem, als Köhler die Agenda 2010 lobt, für die der Kanzler in den eigenen Reihen so häufig gescholten worden ist. Sie weise in die richtige Richtung, sagt er, und mahnt "Konsequenz und Stetigkeit" bei der Fortsetzung dieses Weges an. Deutschland, so Köhlers Tenor, dürfe sich kein "einziges verlorenes Jahr für die Erneuerung" mehr leisten.

Mahnung an Merkel

Köhler nimmt sich an diesem Tag auch die Freiheit, einige Spitzen zu verteilen an jene, die ihn aufs Schild gehoben haben. Er tut das nie direkt. Oder fast nie. Nur einmal guckt er Angela Merkel, die CDU-Chefin, fast entschuldigend an, als er sagt: "Und wir brauchen den Mut der Opposition, ihre Alternativen umfassend und vollständig klarzumachen." Da brandet der Applaus der Rot-Grünen auf.

So wirkt denn Köhlers Rede in weiten Teilen wie der Versuch, jene zu umwerben, die nicht für ihn waren, sondern für Gesine Schwan, der Kandidatin des Kanzlers, die am 23. Mai bei der Wahl in der Bundesversammlung am selben Ort unterlag. Köhlers Antrittsrede ist denn auch nicht das, was mancher wohl erwartete: keine rein wirtschaftsliberale Betrachtung der Globalisierung und ihrer Folgen, der Themen also, die ihm besonders am Herzen liegen.

Der neue Bundespräsident und seine Mitstreiter wissen, dass die Reduktion auf Wirtschaftsthemen sein bislang größtes Handicap war. Am Donnerstag hat er sich davon gelöst. Das Thema Globalisierung kommt zwar vor, aber es bestimmt seine Ansprache nicht.

Dafür rückt die Erneuerung des Landes in den Mittelpunkt. Köhler lobt den Sozialstaat als zivilisatorische Leistung, spricht aber zugleich davon, dass er sich in seiner jetzigen Ausprägung übernommen habe. Nicht um den Abriss gehe es ihm, sondern um dessen Umbau. Und er stellt jene Seite heraus, die ihm eben auch am Herzen liegt, schon in seiner Zeit in Washington, die aber im Bild, das die Öffentlichkeit sich über Köhler gemacht hat, fast unterging. Er fordert mehr Entwicklungshilfe, eine Öffnung der Industriestaaten gegenüber den Märkten der Ärmeren und spricht davon, dass sich für ihn die Menschlichkeit der Welt am Schicksal Afrikas entscheide. Gehöre es nicht, fragt er, zur Selbstachtung Europas, sich "mit Blick auf unsere eigenen Fundamente, unsere Werte und Geschichte in Afrika ehrlich und großzügig zu engagieren?"

Köhler hat an diesem Tag viel gesagt, um seinen Kritiker das andere Bild des Horst Köhler zu zeigen. Er ist dabei ein Mann liberaler Werte, lobt, was in Deutschland oft vergessen wird, die Kraft der "streitigen Debatte, die Kraft zur Überwindung von Gegensätzen und die Kraft zur Freiheit", die zu Gutem geführt habe: zum Wirtschaftswunder, zur Westbindung, zur Deutschen und Europäischen Einigung.

Und er irritiert die Unionsanhänger, indem er die "Impulse" und auch "Auswüchse" der 68er Generation erwähnt. Das freut den Kanzler, und der neben ihm sitzende Joschka Fischer, der Straßenkämpfer aus den Siebzigern, müht sich auch ein Lächeln ab.