Bundestag: Deutschland, einig Streiterland - DER SPIEGEL
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Bundestag Deutschland, einig Streiterland

Im parteipolitischen Egoismus zerpflückten die Volksvertreter im Bundestag das Jubiläum der deutschen Einheit. Helmut Kohl genoss und schwieg.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Das Hohe Haus wühlte in den Niederungen der Parteipolitik. Statt gemeinsam Freude über den zehnten Jahrestag der Wiedervereinigung zu zeigen stritt der Bundestag am Freitag über die seltsame Frage: Wem gehört die Einheit? Die Union witterte die Chance, bei dem Thema den Imagewandel für die innenpolitische Debatte zu schaffen: weg von der Partei der schwarzen Kassen hin zur Partei der Einheit. Entsprechend scharf griff die CDU-Chefin Angela Merkel Bundeskanzler Gerhard Schröder an. Für den SPD-Mann sei die Einheit allenfalls eine Kostenfrage gewesen, nie aber Herzensangelegenheit.

Beklatscht von ihrem Ziehvater, der zum Problemkind wurde, Helmut Kohl, und Fraktionschef Friedrich Merz forderte sie den SPD-Chef auf, zuzugeben, dass er während der Phase der Wiedervereinigung Fehler gemacht habe. Kohl hingegen habe beherzt die Chance ergriffen: "Denn es ist in der Geschichte nicht egal, wer gerade Kanzler ist", sagte Merkel in ihrer kämpferischen Rede.

Der so Geadelte saß schweigend auf hinterem Rang und genoss den Applaus seiner Fraktion. Nur Wolfgang Schäuble hielt sich vornehm zurück beim Klatschen für den Ex-Kanzler. Und CSU-Chef Edmund Stoiber rutschte etwas nervös auf der Bundestagsbank hin und her. Auch er spürte, wie Merkel die Unionsfraktion begeisterte mit ihrer offensiven Rede und damit ihren Führungsanspruch untermauerte. Er hatte als späterer Redner Mühe, nachzulegen. Wie jeder an diesem Tag, streichelte auch er den jeweiligen Parteihelden der deutsch-deutschen Geschichte. Stoiber lobte Strauß, Merkel zog den Bogen von Adenauer bis Kohl, Ex-Außenminister Klaus Kinkel lobte erst sich und dann Genscher und Walter Scheel, die SPD-Redner verwiesen auf ihren Willy Brandt.

Nur Grüne und PDS hatten keine Lichtgestalt im Repertoire. Aber gerade deshalb waren die Reden von Werner Schulz (Grüne) und Gregor Gysi (PDS) die besten, die an diesem Tag zum Thema zu hören waren. Gysi, der kommende Woche als Fraktionschef aufhört, zog eine emotionale Bilanz. Der sonst spitzzüngige Redner bedankte sich für "zehn Jahre, in denen ich freier war und mehr lernen konnte als in vielen Jahrzehnten zuvor". Da waren sogar die Unionsabgeordneten überrascht.

Und Werner Schulz aus Leipzig war sich nicht zu schade, Kohl zu loben für seine Rolle 1989 und 1990. Gleichzeitig forderte er von ihm, "heute die gleiche Souveränität im Umgang mit der Wahrheit zu zeigen". Das traf die Union ins Mark, denn die gibt sich gerade große Mühe, zu unterscheiden zwischen dem Kanzler der Einheit und dem Vorsitzenden der schwarzen Kassen. Der nahm es mit selbstgefälligem Lächeln zur Kenntnis und genoss die Sonne, die durch die Reichstagskuppel seinen Platz illuminierte. Der Sonnenkönig hielt Hof auf der Hinterbank, während vorne am Rednerpult die Volksvertreter alle möglichen Ansichten vertraten, aber nicht das vereinte Volk.