Castor-Transport Polizei lobt Demonstranten
Lüchow - Es war vielleicht der friedlichste und ruhigste Castor-Transport: Die Polizei hat weniger Demonstranten in Gewahrsam genommen und weniger Beamte eingesetzt als im vergangenen Jahr, obwohl mehr Menschen entlang der Strecke gegen den Transport protestierten. Sowohl Polizei als auch die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg führten das auf die größere Zurückhaltung aller Beteiligten nach dem Tod des französischen Demonstranten Sébastian zurück. Der 21-Jährige ist das erste Todesopfer bei den Castor-Transporten. Er war am Samstag im lothringischen Avricourt von dem Zug überfahren worden.
Die Bürgerinitiative in Lüchow-Dannenberg kritisierte, dass der Atom-Transport nach dem Unglück nicht abgebrochen worden sei. Das wäre die "folgerichtige Entscheidung" gewesen, erklärte Sprecher Dieter Metk. Die Initiative selbst habe das Unglück "bis ins Mark" getroffen und auch eine neue Ernsthaftigkeit ausgelöst.
"Wir sind dankbar, dass die Demonstranten so besonnen reagierten", sagte der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann. Die Proteste seien insgesamt "sehr still" verlaufen. Rund 10.000 Polizisten sicherten den Transport entlang der Strecke, ein Fünftel weniger als beim letzten Castor-Transport im November 2003. Sie nahmen rund 800 Demonstraten in Gewahrsam - etwa ein Drittel weniger als im Vorjahr. Fünf Demonstranten wurden festgenommen. "Wir haben den Castor ohne große Probleme nach Gorleben gebracht", sagte Schünemann.
Der Transport erreichte am Dienstagmorgen das Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben - allerdings später als erwartet. Schuld war nach Angaben der Polizei ein Defekt bei drei der zwölf Tieflader, die für die 20 Kilometer lange Schlussetappe eingesetzt wurden. Bei zweien lösten sich die Bremse nicht, einer hatte einen Motorschaden. Es gebe keine Anzeichen auf Sabotage, sagte der Einsatzleiter der Polizei, Friedrich Niehörster. Dieter Metk von der Bürgerinitiative reagierte empört: "Da frage ich mich: Wie weit kann man sich da noch auf die Sicherheit verlassen?"
Der insgesamt achte Castor-Transport nach Gorleben war am Freitag in der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague gestartet. Die zwölf Container enthalten hochradioaktive Glaskokillen, die bei der Verarbeitung abgebrannter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken entstanden. Am Montag kam der Zug im Verladebahnhof Dannenberg an. Dort wurden die Castor-Behälter auf Tieflader umgesetzt für den letzten Teilabschnitt nach Gorleben. Auf diese Strecke konzentrierten sich die Proteste von Anwohnern und Umweltschutzorganisationen.
In Gusborn und Langendorf organisierten die Gruppen "WiderSetzen" und "X-tausendmal quer" Sitzblockaden mit nach eigenen Angaben bis zu 1000, beziehungsweise 500 Teilnehmern. Außerdem hatte die Aktionsgruppe "Bäuerliche Notgemeinschaft" mit dutzenden Traktoren die Straßen blockiert.
In Laasen versperrten nach Angaben der Atomkraftgegner rund 200 Menschen den Weg nach Gorleben. Die Polizei räumte alle Blockaden in der Nacht zum Dienstag.Die Bürgerinitiative lobte die Einsatzkräfte für ihr ruhiges Vorgehen.
"Die Polizei hat verstanden, dass friedliche Sitzblockaden, friedlich zu räumen sind", sagte die Sprecherin Ulrike Donat. Das sei eine "Rückkehr zu rechtsstaatlichen Verhältnissen". Andere Sprecher der Bürgerinitiative kritisierten dagegen den Einsatz von Schlagstöcken und das "ruppige Vorgehen" in Einzelfällen. Polizisten hätten 16 Demonstranten bei den Räumungen verletzt. Bei der Polizei gab es wenige leicht Verletzte.
In Quickborn überraschten fünf Bauern der "Notgemeinschaft" die Polizei. Sie fuhren am Dienstag gegen vier Uhr früh mit einem alten Traktor aus einem Waldgebiet auf die Straße nach Gorleben. Die Bauern ketteten sich in einem Betonklotz, den der Traktor geladen hatte, fest. Sie blockierten so die nördliche der beiden Routen. Polizisten versuchten, die Männer vom Traktor zu lösen - ohne Erfolg. Nachdem die Tieflader mit den Castor-Behältern die südliche Trasse über einen anderen Ort passierten und das Endlager erreichten, befreiten sich die Bauern selbst. Ein Polizeisprecher sprach von einer "fantasievollen Aktion" der Bauern.
Das sei ein "Lehrstück in Demokratie", sagte Christoph Schäfer, einer der beteiligten Bauern. "Wir müssen uns doch gegen das zur Wehr setzen, was uns und unseren Kindern schadet", sagte er. Die Aktion sei wohl durchdacht gewesen - mit allen Risiken. "An eine Schiene hätte ich mich nie gekettet", sagte der 40-Jährige.
Das hatten am Sonntag andere versucht, einen Tag nach Sébastians Tod. Im niedersächsischen Bad Bevensen kletterten drei Demonstraten auf die Gleise, um sich dort anzuketten - an der ICE-Stammstrecke zwischen Hamburg und Hannover. Polizisten hätten die Männer in der letzten Sekunde wieder von den Gleisen gedrängt, vor einem heranrasenden ICE, berichtete die Polizei.
Auch in Harlingen gab es nach Einschätzung der Beamten einen sehr gefährlichen Zwischenfall: Demonstranten schweißten Hemmschuhe auf die Bahngleise. "Wir müssen und werden Aktionsformen und Risiken angesichts des Todes von Sébastian neu überdenken", sagte Dieter Metk von der Bürgerinitiative.
Auch wenn sich die Protestierenden nicht kontrollieren ließen, will er das Gespräch mit ihnen suchen. "Kein Atomtransport kann nach diesem Castor so sein wie zuvor", sagte Metk.