CDU "Jetzt erst recht"
Seit der Barschel-Affäre war die CDU weit von den Chefsesseln im Landeshaus an der Kieler Förde entfernt. Zwar konnte sich die Partei bei den Wahlen 1996 mit ihrem Spitzenkandidaten Ottfried Hennig dank der Nachwehen der "Schubladen-Affäre" in der SPD aus dem Jahr 1993 verbessern. Die Konservativen legten von 33,8 auf 37,2 Prozent zu, doch die SPD war immer eine Nasenlänge voraus (1996: 39,8 Prozent). Heide Simonis - erste Ministerpräsidentin Deutschlands - verlor jedoch vor vier Jahren die absolute Mehrheit und schloss mit den Grünen die Regierungskoalition. Für ein bürgerliches Bündnis zwischen CDU und FDP reichte es nicht.
Eine Zäsur brachte für die CDU im Frühjahr 1997 der Abschied Hennigs, der Generalsekretär der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung wurde. Seinen Posten als Oppositionsführer im Landtag übernahm der Wirtschaftsexperte Martin Kayenburg, der die Fraktion seitdem sachlich und unspektakulär führt. Krasser war der Wechsel an der Spitze der Landespartei, zu deren Vorsitzenden nach internem Machtkampf zwischen konservativem und liberalerem Flügel der Bundestagsabgeordnete Peter Kurt Würzbach gewählt wurde.
Der kantige Würzbach präsentierte sich als Law-and-order-Mann, löste zuweilen selbst in eigenen Reihen Kopfschütteln aus und erleichterte es Rot/Grün, vor einem konservativen Schwenk zu warnen. Parteiintern blieb Würzbach aber unangefochten - bis zur Niederlage der Union bei der Bundestagswahl am 27. September 1998. Schnell wurde der Ruf nach Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe laut. Mit ihm erhofften sich Unionsstrategen und die FDP-Spitze um Fraktionsführer Wolfgang Kubicki und Landesparteichef Jürgen Koppelin weit bessere Chancen für die anstehende Wahl als mit Würzbach.
Rühe gab Ende 1998 sein Ja-Wort, gegen Simonis anzutreten. Am 8. Januar 1999 präsentierte er sich in Kiel als Spitzenkandidat - und sofort übernahm er das Ruder bei der Nord-Union. Würzbach wurde zwar erneut zum Landesvorsitzenden gewählt, aber politisch von Rühe de facto kaltgestellt. Vergeblich bemühte sich Würzbach, ohne Wahlkreiskandidatur auf Platz zwei der Landesliste zu kommen - ohne Chance.
Rühe prägt seitdem eindeutig das Bild der Nord-CDU. Das von Würzbach auf den Weg gebrachte Landtagswahlprogramm ließ er kurzerhand einstampfen, in der Bildungs- und Drogenpolitik rückte er von altkonservativen Positionen ab. Sein Spitzenteam für die Wahl hat Rühe handverlesen: Der Hamburger Bundestagsabgeordnete Gunnar Uldall ist für Finanzen zuständig, Fraktionschef Kayenburg für Wirtschaft, die Rühe-Vertraute und Hamburger Bundestagsabgeordnete Birgit Schnieber-Jastram soll Sozial- und Frauenministerin werden, der Agrarpolitiker Peter Harry Carstensen Landwirtschafts- und Umweltminister. Auch CDU-Generalsekretär Johann Wadephul, der Innenminister werden möchte, Finanzexperte Stritzl, Innenpolitiker Heinz Maurus und die Hamburger Richterin Karin Wiedemann gehören zu Rühes Auslese für Spitzenposten in Regierung und Parlament.
Das "Rühe"-Jahr im Norden erlebten die Christdemokraten auf einer "Stimmungsachterbahn": Rasch überholten sie die SPD in den Umfragen; auf dem Höhepunkt im November sah sich die Union mit 47 Prozent zehn Prozentpunkte vor Simonis und somit als sichere Wahlsiegerin. Die Spendenaffäre kehrte alles wieder um. Ratlosigkeit machte sich breit. In den letzten Umfragen sind die Christdemokraten zwischen Nord- und Ostsee auf 33 Prozent abgestürzt, während die SPD auf 45 Prozent zulegen konnte. Vor diesem Hintergrund versucht die Nord-CDU alles, eine "Jetzt-erst-recht"-Stimmung zu vermitteln. Die Basis sei kämpferisch wie kaum zuvor, und immer wieder war zuletzt von Neueintritten die Rede. Mit der Botschaft, wenn man wieder über Sachthemen rede, könne man auch die Wahl gewinnen, machten die Parteifunktionäre allerorten den eigenen Reihen Mut.