CDU Kohl ist wieder da
Berlin - Es war ein Tag, wie ihn Helmut Kohl schätzt. Im vornehmen Hotel Adlon am Pariser Platz wurde der Altkanzler am Dienstag dieser Woche mit gebührender Höflichkeit empfangen. Sein Gastgeber, der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao, hatte ihn zum Frühstück eingeladen: Eine besondere Ehrung, denn der Pfälzer war der erste Gast am dritten Tag von Jiabaos Deutschlandbesuch. Fast eine Stunde lang, von acht bis neun Uhr, sprachen Kohl und der 61-jährige Macher aus der Kommunistischen Partei miteinander. Es war, als würde Kohl noch immer Kanzler und Parteichef in einem sein. Erst danach folgte der Empfang Wen Jiabaos für die CDU-Vorsitzende Angela Merkel.
Für die Chinesen ist Kohl ein alter Bekannter. Nach seiner Wahlniederlage 1998 besuchte er zwei Mal das Riesenreich - 1999 und 2001 - und wurde beide Male jeweils vom Staats- und Ministerpräsidenten empfangen. Im Juni wird er wieder dort sein - und möglicherweise erneut auf höchster Ebene empfangen. Kohl, der Kanzler der deutschen Einheit und der CDU-Spendenaffäre, ist aktiv wie eh und je. Munter besucht der 74-Jährige im politischen Betrieb Berlins Hintergrundkreise, genießt es, sich dort von jungen Journalisten, die in seiner 16-jährigen Ära groß wurden, über seine Vergangenheit und die Zukunftsaussichten der jetzigen Regierung auszulassen.
Erfolg mit seinen Erinnerungen
Die Deutschen und Helmut Kohl: Das ist eine ganz besondere Beziehung. Wann immer Artikel über Kohl erscheinen, landen Briefe und Mails voller Bewunderung oder Verachtung in den Redaktionen. Sendungen mit oder über ihn erzielen hohe Einschaltquoten. Der Mann spaltet, wie er es schon zu seiner Amtszeit tat. Sein erster Memoiren-Band liegt seit Wochen an der Spitze der Bestsellerlisten. An seinem zweiten Band arbeitet er, das Erscheinen ist im kommenden Jahr zu seinem 75-jährigen Geburtstag vorgesehen.
Die Spendenaffäre, die seine Partei in die schwerste Krise ihrer Geschichte brachte, ist fast vergessen. Sie spielt in der Öffentlichkeit keine dominierende Rolle mehr, wie noch vor drei Jahren, als Kohl im Untersuchungsausschuss des Bundestags Rede und Antwort stehen musste. Schon gar nicht in der Partei. Die Versöhnung der CDU mit ihm fand still, aber nicht einmal heimlich statt. Seitdem er im Juni 2002 zum ersten Mal wieder auf einem CDU-Bundesparteitag reden durfte, ist das Thema durch. Damals spendierten die Delegierten laut und anhaltend Beifall, als wäre ihnen eine Last vom Herzen gefallen. Im Bundestagswahlkampf war er aktiv, zwar nicht an herausragender Stelle, aber er nahm an rund 30 Veranstaltungen teil und wo er auftrat, in Berlin etwa, wurde er umjubelt.
Kohls politische Heimat ist und bleibt die CDU. Die Abgabe des Ehrenvorsitzes, mitten in der Spendenaffäre, habe ihn besonders geschmerzt, heißt es noch heute in den Reihen der Union. Immer wieder wurde deshalb darüber spekuliert, ob er von seiner Partei eines Tages den Ehrenvorsitz wieder angetragen bekommt. Forderungen danach, vor zwei Jahren auf dem Frankfurter Parteitag von alten Weggefährten erhoben, hat Kohl schon damals zurückgewiesen. Er bitte jeden, von einer solchen Überlegung Abstand zu nehmen, sagte er 2002 in einem Illustrierten-Interview: "Das ist ein abgeschlossener Vorgang."
Wer Kohls Wirken seitdem in der Partei beobachtet, fragt sich: Warum sollte es auch geschehen? Ihm den Ehrenvorsitz anzutragen, würde die CDU in Schlagzeilen bringen, möglicherweise alte Feinde in der Union aufbringen und hämische Kommentare in der Presse nach sich ziehen. So, wie es jetzt läuft, läuft es ohnehin besser, für ihn und die Partei. Kohl ist da, ein Ehrenvorsitzender ohne Ehrenvorsitz. Jüngst lud ihn Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt auf die offizielle sächsische Festveranstaltung in Zittau zur EU-Osterweiterung. Seine Anhänger kamen und applaudierten dem Kanzler der Einheit.
An diesem Samstag wird er am anderen Ende der Republik sein, tief im Westen, an der Grenze zu Frankreich. In den Messehallen von Saarbrücken wird seine Partei ihren Europa-Wahlkampf eröffnen. "Die Vision eines geeinten Europa hat die Politik der CDU von Konrad Adenauer über Helmut Kohl bis heute geleitet", heißt es dazu unter anderem auf der Homepage der Partei. Nach CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer und Europaspitzenkandidat Hans-Gert Pöttering wird Helmut Kohl als dritter Redner sprechen. Und auch diesmal ist es wie zu Beginn der Woche beim Empfang durch Chinas Premier in Berlin. Erst danach spricht Angela Merkel.