Grünen-Spitze Özdemir kandidiert nicht für Fraktionsvorsitz
Cem Özdemir
Foto: Sebastian Gollnow/ dpaGrünen-Chef Cem Özdemir will nicht für den Vorsitz der Bundestagsfraktion kandidieren. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" sagte er: "Ich habe erkennbar keine Mehrheit. Das muss ich akzeptieren."
Lange war spekuliert worden, ob Özdemir am Donnerstag gegen Anton Hofreiter kandidieren wird, der den linken Parteiflügel vertritt. Eine erneute Kandidatur für den Parteivorsitz schloss Özdemir ebenfalls aus. Hofreiter führt die Fraktion zusammen mit Katrin Göring-Eckardt seit 2013.
Ein Meinungsbild in der Fraktion ergab Parteikreisen zufolge, dass Özdemir allenfalls auf 40 Prozent der Stimmen gekommen wäre, berichtet die Zeitung. Die Mehrheit geht demnach an Hofreiter. "Ich verheimliche keineswegs, dass ich gerne Fraktionsvorsitzender geworden wäre", sagte Özdemir, dessen Amtszeit noch bis Ende Januar läuft.
Der Blick der Bundestagsfraktion richte sich jedoch "derzeit eher nach innen als nach außen", sagte er. "Da zählt nicht primär politische Leistung oder ein erfolgreicher Bundestagswahlkampf."
In Zukunft ein einfacher Abgeordneter
Künftig wolle sich Özdemir als einfacher Abgeordneter Gehör verschaffen. "Dazu zählt auch mutig zu sein und nicht jedes Papier in fünfzehn bis achtzehn Fassungen zum langweiligen Konsens weichzuspülen", sagte er.
Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt sagte dem Berliner "Tagesspiegel" (Sonntagsausgabe), Özdemir werde "eine herausragende Rolle" bekommen, in der er für die Grünen als "gewichtige Stimme" agieren könne. "Es wäre dumm, wenn wir sein Talent nicht nutzen", so Göring-Eckardt. "Er ist in der Lage, weit über die grüne Klientel hinaus Menschen anzusprechen."
Drei Wochen vor der Neuwahl der Grünen-Spitze auf dem Parteitag in Hannover sagte Özdemir, er unterstütze die Kandidatur von Robert Habeck und Annalena Baerbock. Beide werden eher dem Realo-Flügel der Partei zugerechnet. Ihre Wahl wäre ein Novum, weil bei dem Duo an der Parteispitze bislang immer der Flügelproporz eingehalten wurde. Mit Blick auf seine Ko-Vorsitzende Simone Peter, die zur Wiederwahl antreten will, sagte Özdemir, es sei Zeit "für neue Ideen an der Parteispitze".
Auch Göring-Eckardt sprach sich erneut für Baerbock und Habeck aus. Sie halte die Brandenburger Bundestagsabgeordnete und den Kieler Umweltminister für ein "sehr gutes Angebot". "Wir sollten nicht immer in Proporzen denken", sagte Göring-Eckardt.
Für den Fall, dass die Sondierungen für eine große Koalition scheitern und Neuwahlen kommen, geht Özdemir davon aus, dass er wieder als Spitzenkandidat ins Rennen gehen werde. Die Basis habe ihn neben Göring-Eckardt zum Spitzenkandidaten gekürt, sagte er. "Das gilt unverändert."