Chile Es flossen Tränen und Champagner
Buenos Aires/Santiago de Chile - Die einen hatten die Nachricht sehnlichst erwartet, die anderen seit Monaten befürchtet. Als chilenische Fernsehkorrespondenten am Donnerstagmorgen mit sich überschlagender Stimme die Neuigkeit von der Freilassung des früheren Diktators in die Heimat übermittelten, gab es für die Anhänger Augusto Pinochets kein Halten mehr. In einer Explosion der Freude und Genugtuung fielen sich die Menschen in der Stiftung Pinochet in die Arme und küssten und liebkosten Fotos des früheren Gewaltherrschers. Dass Pinochet zwar als freier Mann, aber ohne Freispruch zurückkehrt, ging im Jubel unter. Der Champagner floss in Strömen.
Viele Angehörige der tausenden von Opfern der Diktatur brachen hingegen in Tränen aus. Die monatelange Hoffnung auf einen Prozess gegen Pinochet außerhalb des chilenischen Machtbereichs schlug in bittere Verzweiflung um. Dann aber gaben sich die Vertreter der Vereinigung der Angehörigen der Verschwundenen offenbar einen Ruck und richteten den Blick nach vorn. Die stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung, Mireya Garcia, kündigte an, noch vor der Ankunft Pinochets solle die Aufhebung seiner Immunität als Senator auf Lebenszeit beantragt werden.
Sie erinnerte den im Januar gewählten sozialistischen Präsidenten Ricardo Lagos und die Justiz an das "der Welt gegebene Versprechen, dass sich Pinochet der Justiz in unserem Lande stellen" müsse. "Jetzt ist der Augenblick gekommen, dies unter Beweis zu stellen", sagte Garcia. Gegen den früheren Diktator sind bei dem Untersuchungsrichter Juan Guzman insgesamt 59 Strafanzeigen wegen Verbrechen unter der Militärherrschaft von 1973 bis 1990 anhängig. Ob der zuständige Appellationsgerichtshof in Santiago die Immunität aufheben würde, war jedoch völlig ungewiss.
Wenn das bisherige Lippenbekenntnis von Regierung und Opposition für ein Verfahren gegen den Putschisten von 1973 wahr gemacht werden soll, könnte das südamerikanische Land in eine Zerreißprobe geraten. Sowohl Lagos als auch der ihm am 12. Januar nur knapp unterlegene Pinochet-Zögling Joaquín Lavín hatten sich für eine Verfahren gegen den Ex-Diktatur ausgesprochen.
Allerdings ist die Rückkehr Pinochets auch eine Chance für Chile. Die rechtsstaatliche Behandlung der insgesamt 58 Strafanzeigen gegen Pinochet würde die Verdrängung der schmerzlichen Vergangenheit beenden und zu einer - wenn auch späten - Klärung der Schuld für die grausamen Verbrechen der Diktaturjahre führen.
An diesem Punkt aber ist die chilenische Gesellschaft unter der Oberfläche tief gespalten. Seine Anhänger sehen in ihm den Retter des Vaterlandes vor den "Marxisten" und den Vater der wirtschaftlichen Erfolge des Landes. Ihm gebühre Ehre und dürfe kein Haar gekrümmt werden. Für die anderen ist der Greis verantwortlich für die schwersten Verbrechen an unschuldigen Opfern und gehört nicht auf einen Ehrenplatz, sondern vor Gericht.