Comeback: Stoibers Auferstehung - DER SPIEGEL
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Comeback Stoibers Auferstehung

Die Gesundheitsreform wird allerorten bekrittelt, doch für Edmund Stoiber ist sie der Durchbruch: Die Rückkehr auf die Berliner Bühne. Seit seiner Flucht aus der Hauptstadt hat der CSU-Chef planvoll an seinem Comeback gebastelt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Edmund Stoiber wollte mal Schattenkanzler sein. So was wie der Strippenzieher der Großen Koalition. Im letzten Oktober war das, da bastelte Stoiber an seinem Berliner Superministerium und gab sich in den Koalitionsgesprächen mit der SPD als der Unions-Macher. Doch hinter den Kulissen zog Angela Merkel die Fäden - und bootete Stoiber aus. Der ergriff die Flucht zurück nach München.

Ein gutes halbes Jahr später müht sich die Große Koalition, den Hauptstadtjournalisten ihre kleine Gesundheitsreform zu verkaufen. "Durchbruch", sagt Kanzlerin Merkel müde, "maßgeblicher Schritt", sagt SPD-Chef Kurt Beck und Stoiber, ja der will nicht so recht mitziehen: Dies sei der Einstieg in eine große Gesundheitsreform, "allerdings rede ich auch sehr deutlich von einem Einstieg". Dann sagt der CSU-Chef noch was von einem "schwierigen Prozess", bis ihn der gemütliche Pfälzer Beck mal lachend an die Schulter fasst: Auch in den nächsten Jahren werde wohl "die charmante Begleitung von Herrn Stoiber nicht fehlen".

Genau, lacht da der Herr Stoiber laut auf. Nicht Schattenkanzler, dafür aber Schattenwächter von Merkel und Beck. Damit kann er gut leben. Edmund Stoiber ist zurück auf der Berliner Bühne. Die Gesundheitsreform mag als Mogelpackung der Regierung Merkel erscheinen - für Stoiber ist sie der Durchbruch.

Stoibers Sturm auf Berlin

Langsam näherte sich der CSU-Chef in den vergangenen Wochen wieder der Hauptstadt an, drückte bei der Föderalismusreform aufs Tempo, äußerte sich klar zum in der CDU umstrittenen Ehegattensplitting ("Abschaffung mit uns nicht zu machen"), verwies bei jeder Gelegenheit auf die guten Umfrageergebnisse der CSU (54 Prozent) und servierte dazu den immer gleichen Seitenhieb auf die Kanzlerin: "Dieses Ergebnis ist umso bemerkenswerter, als die Werte für die Union insgesamt zurückgegangen sind."

In der vergangenen Woche dann die Offensive, der Sturm auf Berlin: Am Donnerstag klingeln Stoibers Mannen aus der Münchner Staatskanzlei bei den Medien durch. Man habe da eine Positionierung des Chefs zur Gesundheitsreform. Die kostenlose Mitversicherung der Kinder über Steuern dürfe "nicht automatisch Steuererhöhungen heißen", so Stoiber.

Nahezu in einer konzertierten Aktion fuhr der bayerische Ministerpräsident gemeinsam mit seinem hessischen Kollegen Roland Koch (CDU) sowie dem Baden-Württemberger Günther Oettinger (CDU) der Kanzlerin in die Parade. Denn Angela Merkel schien gemeinsam mit der SPD auf dem Weg zu einer Steuerfinanzierung der Kindermitversicherung im Umfang von 16 Milliarden Euro. Nach Stoibers kraftvoller Intervention knickte die Kanzlerin ein, 1,5 Milliarden für 2008 sind jetzt beschlossene Sache. Merkel ist geradezu eingemauert, die SPD gibt sich bitter enttäuscht.

Grätsche der Unionsfürsten

Die Grätsche der schwarzen Länderfürsten erinnert an eine Szene aus dem Januar 2002. Damals wollte Merkel Kanzlerkandidatin werden, eine christdemokratische Ministerpräsidentenfronde um Roland Koch aber wollte lieber Stoiber. Ergebnis: Um ihre Autorität zu wahren, musste Merkel einknicken und zum Frühstück nach Wolfratshausen fahren. Stoiber wurde Kanzlerkandidat der Union.

Werden jetzt alte Netzwerke neu geknüpft? Schon möglich, nur darf es auf keinen Fall danach aussehen. Denn die eigene Kanzlerin soll nicht demontiert werden. So wollen Unionskreise das Stoiber-Solo als Regierungsstrategie verkaufen, sie streuen, der Ministerpräsident habe Merkel eigentlich nur einen Gefallen getan, die Verhinderung einer Steuererhöhung sei ganz in ihrem Sinne gewesen.

Die CSU-Landesgruppe im Bundestag derweil freut sich mit ihrem wieder erstarkten Ober-Bayern, denn die kleinste Koalitionsfraktion schien zeitweise im Konzert der Großen kaum noch wahrnehmbar. Stoiber habe jetzt "CSU-Positionen hervorgehoben", sagt ein christsozialer Abgeordneter. Vor allem tue er das in ganz anderer Manier als früher: "Er zelebriert das nicht mehr gegenüber unserer Unionsschwester." Soll heißen: Stoiber werkelt im Stillen. Merkel war ihm eine Lehrmeisterin.

In der Unionsfraktion selbst, so der Abgeordnete, werde "sehr wohlwollend wahrgenommen, dass Stoiber den bevormundenden Tonfall abgelegt hat". Er vertrete jetzt "keine apodiktische Linie" mehr, sondern wolle diskutieren: "Der Wind hat sich gedreht." Stoiber suche nun fortwährend "das Kommunikativ-Konsultarische".

Der neue Stoiber-Style kommt an bei der Fraktion. Zwar habe sich Stoiber gestern "heftig verspätet", doch habe das "keinen Anlass zu Unmutsäußerungen" gegeben, erinnert sich ein anderer. Stoiber sei "ein bisschen durch den Wind gewesen", weil er bei den Verhandlungen zur Gesundheitsreform eben "zehnmal genauer ist als andere".

Stoiber könnte das politische Comeback des Jahres abgeben. Seine Auferstehung scheint gut vorbereitet, im Nachhinein lassen sich fünf Phasen erkennen.

Fünf Phasen der Auferstehung

Demutsphase: Nach Stoibers Berlin-Flucht macht ihn die bayerische CSU-Fraktion "zur Sau" (Abgeordneter Alfred Sauter), darauf leidet der Ministerpräsident "wie ein Hund" (Stoiber) und gesteht Fehler ein.

Kuschelphase: Rund um Weihnachten 2005 spricht Stoiber über "die Liebe zur Heimat" und lässt das "Wohlfühlland Bayern" proklamieren. Seine Konzentration gilt jetzt allein der Rückeroberung des Freistaats, Bundespolitik ist tabu.

Kärrnerphase: Stoiber gibt sich als sehr preußischer Bayer, als sehr protestantischer Katholik. Im Winter reist er von einer Parteiversammlung zur anderen, er besucht alle zehn CSU-Bezirke. Der neue Stil: Zentralismus ade, alle sollen eingebunden werden. Kommunalpolitik rückt in den Vordergrund.

Offensivphase: Um Ostern 2006 verkündet Stoiber, er fühle sich "fit" und "gut beieinander". CSU-Generalsekretär Markus Söder assistiert mit dem Wort vom "geborenen Spitzenkandidaten". Stoiber will es auch bei der Landtagswahl 2008 noch einmal wissen. Die möglichen Gegenkandidaten, Wirtschaftsminister Erwin Huber und Innenminister Günther Beckstein geloben Loyalität.

Mit der Rückkehr nach Berlin befindet sich Stoiber derzeit in der fünften Phase. Kaum jemand hat ihm das zugetraut. Vor einem halben Jahr berichteten enge Parteifreunde von einem zerknirschten CSU-Chef, der sich von der kalten Machtpolitikerin Merkel ausgetrickst sah. Jetzt kann Stoiber entspannt aufspielen. Er will nichts mehr werden, nur noch das bleiben, was er ist: Ministerpräsident in München und Schattenwächter in Berlin.

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