CSU Kronprinz im Minenfeld
München Karrieren in der Politik beginnen oft im Windschatten eines bereits etablierten Förderers. Insbesondere in der CSU läuft das so. Franz-Josef Strauß holte sich einst den ehrgeizigen Juristen Edmund Stoiber an seine Seite. Im Schatten des mächtigen CSU-Patriarchen stieg Stoibers Stern stetig bis er ganz oben stand am Bayern-Firmament. Und Stoiber wiederum zog schon frühzeitig Talente in seinem immer größer werdenden Windschatten hinter sich her. Eines davon: Der Jungjurist Joachim Herrmann aus dem fränkischen Erlangen. Stoiber holte ihn 1984 vom Studium direkt in die Staatskanzlei. Und 2003, als mit Zwei-Drittel-Mehrheit bestätigter Ministerpräsident, installierte er den damals 47-jährigen Herrmann als Vorsitzenden der mächtigen CSU-Landtagsfraktion.
Seitdem nun stieg Herrmanns Stern. Er ist kein Ehrgeizling, er wirkt ruhig, manchmal vielleicht sogar ein bisschen behäbig. Beim Pressestammtisch kaut er meist lange und genüsslich an den von ihm geliebten Butterbrezen bevor er eine Frage beantwortet. Kollegen nennen ihn auch mal den "Panzerkreuzer" weil er sich von nichts aus der Ruhe bringen lässt, im Zweifel dann aber scharf schießt.
Herrmann: "Hoppla-Hopp-Politik" Stoibers
Spätestens im November 2005 muss Edmund Stoiber bemerkt haben, dass sich da jemand an ihn herangearbeitet hat. Entnervt von Stoibers Schaukelpolitik zwischen Berlin und München, nahm Herrmann seinen Förderer unter Beschuss: "Hoppla-Hopp-Politik" betreibe der Ministerpräsident, er entscheide "einsam und nicht nachvollziehbar". Und wenn "Bayern Bayern bleiben soll, dann muss sich was ändern". Kurz darauf machte Herrmanns Fraktion Stoiber "zur Sau", wie Teilnehmer schilderten.
Durch seinen ruhig-moderierenden Ton gegenüber der Fraktion sowie mit Polit-Radau zur rechten Zeit hat sich Joachim Herrmann zum christsozialen Kronprinzen gemausert. Nachdem es sicher scheint, dass der dann 67-jährige Stoiber bei den Landtagswahlen 2008 noch einmal antritt, haben die früheren Kronprinzen Günther Beckstein und Erwin Huber danach kaum noch eine Chance: Innenminister Beckstein ist nur zwei, Wirtschaftsminister Huber nur fünf Jahre jünger als Stoiber.
Übrig bleibt Herrmann. So scheint es zumindest. Nur zu offensichtlich suchte er sich in den vergangenen Monaten zu profilieren gegen Stoiber und gegen die Große Koalition in Berlin. Den von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), SPD-Chef Beck und Stoiber ausgehandelten Gesundheitsfonds bezeichnete er als "völlige Fehlkonstruktion" und sprach von "Schnitzern, die man sich nicht wiederholt leisten darf". Der CDU riet er, nicht "ständig neue Themen aufzureißen, die die Menschen nur verunsichern". Und kaum aus dem Griechenland-Urlaub zurückgekehrt, kündigte er eine Woche vor Beginn der Haushaltsberatungen in Bayern schon mal an, die "Zeit der harten Einschnitte" sei vorüber.
In dieser Woche befeuerten einige Medien die Stoiber-Nachfolgedebatte. Das Politmagazin "Cicero" meldete ein in der CSU "kursierendes Planspiel": Nach einem Wahlsieg 2008 soll Stoiber die Ministerpräsidentenmacht an Herrmann weiterreichen und den CSU-Vorsitz an Bundesagrarminister Horst Seehofer. Die "Leipziger Volkszeitung" hatte gar das Übergabeszenario parat: Edmund Stoiber könne ja 2009 für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren.
Freies Feld für Herrmann? Das scheint nur so. Eher laviert der Fraktionschef durch ein Minenfeld, das sich proportional zu seinem Machtzuwachs erweitert hat. Nicht nur Stoibers Leute haben jetzt ein besonders waches Auge auf den Emporkömmling, auch Mitglieder der Herrmann eigentlich treu ergebenen Fraktion setzen auf Attacke: "Ich weiß nicht, ob der wirklich das Profil der CSU schärfen will oder nicht doch eher sein eigenes", so der CSU-Abgeordnete Ernst Weidenbusch. Herrmann werde "hoffentlich Ruhe geben." Weidenbusch ist wie Stoiber Oberbayer, Herrmann Franke. Und genau da verläuft die Konfliktlinie. Die Oberbayern mühen sich, Stoiber zu schützen und einen eigenen Mann als Nachfolger aufzubauen: Den 50-jährigen Kultusminister Siegfried Schneider, der bisher nur in kleineren Zirkeln als Kronprinz gehandelt wird. Und Herrmanns Franken-Connection in der CSU hat einen besonderen Nachteil: Generalsekretär Markus Söder ist Franke.
Seehofer der lachende Dritte?
Was eigentlich zum landsmannschaftlichen Vorteil gereichen sollte, könnte für Joachim Herrmann nach hinten losgehen. Der gerade 39-jährige Söder nämlich sei vor allem auf seinen eigenen Vorteil bedacht und schlage sich auf die Seite der Oberbayern, heißt es in der CSU. Denn unter einem fränkischen Ministerpräsidenten wird der Nürnberger Söder schon allein aus Gründen des Regionalproporzes kein höheres Amt erreichen können. Zudem gelten Herrmann und Söder nicht als die besten Freunde.
Den lachenden Dritten im christsozialen Ringelreih könnte Horst Seehofer geben. Der Herz-Jesu-Sozialist ist zwar in der Landtagsfraktion so unbeliebt wie kaum ein anderer Parteifreund ein CSU-Abgeordneter: "Der hat null Rückhalt bei uns" doch an der Basis und in der Bevölkerung hingegen kommt Seehofer ungemein gut an. Für einen Ministerpräsidenten Herrmann oder Schneider wäre das nicht ganz ungefährlich, denn den bayerischen Grüß-August wird der Seehofer Horst nicht geben: "Der ist doch ein so unglaublicher Freigeist", sagen sie in der Partei, "da könnten wir uns auf was gefasst machen."