Das Heimspiel: Kohl in Dresden - DER SPIEGEL
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Das Heimspiel Kohl in Dresden

Bei seinem ersten offiziellen DDR-Besuch im Dezember 1989 in Dresden brach Helmut Kohl mit einer als historisch geltenden Rede die Herzen der Ostdeutschen. Elf Jahre kehrte der Altkanzler nach Dresden zurück, um sich noch einmal feiern zu lassen.
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Dresden - "Hier ist kein Eingang mehr", sagt der Ordner in Richtung des Menschenpulks vor der Absperrung. Beim Kohl-Besuch in Dresden sind die Sicherheitsvorkehrungen auf dem Platz vor der Frauenkirche streng: In den abgesperrten Innenraum, der an normalen Tagen der Parkplatz eines großen Hotels ist, dürfen nur Personen mit Einlasskarte, die einen Sicherheitscheck über sich ergehen lassen müssen.

Der örtliche CDU-Kreisverband hatte eingeladen, und etwa 10.000 Menschen sind gekommen, um den Altkanzler elf Jahre nach seiner historischen Rede ("Mein Ziel bleibt - wenn es die geschichtliche Stunde zulässt - die Einheit unserer Nation") zu sehen. Die Veranstaltung ist auch eine Art Wiedergutmachung für Kohl, den Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf bei der offiziellen Feier zum Tag der deutschen Einheit, am 3. Oktober in Dresden, nicht auf die Rednerliste gesetzt hatte.

Doch nun bereitet die Masse Kohl einen begeisterten Empfang. Bei frostigen Temperaturen sind Störenfriede rar. Wie am 19.12.1989 steht auch dieser Abend ganz im Zeichen des dicken Mannes aus Oggersheim. Vier oder fünf Deutschlandfahnen werden in der Menge geschwenkt, ein paar Pro-Kohl-Spruchbänder sind zu sehen. Auf einem steht "Danke aus Erfurt". Die Männer die es tragen, haben extra einen Tag Urlaub genommen, um den Ex-Kanzler zu grüßen. "Das musste ich einfach machen", lässt einer der beiden wissen.

Nur ein paar Mitglieder der Jusos versuchen die Kohl-selige Stimmung zu stören. Sie haben sich bis dicht an die Absperrung gedrängelt. "Helmut, wir lieben Dich. Ehrenwort.", steht auf einem Plakat, das sie tragen. Doch die Nachwuchs-Sozis haben mitten unter Kohl-Fans einen denkbar schlechten Stand. Ihr Spruchband wird von Besuchern heruntergerissen: "Verschwindet hier!"

Vereinzelte Bravo-Rufe sind aus der Menge zu hören. Auffällig an den Besuchern ist ihre Altersstruktur, viele Rentner sind zu sehen, und viele Kinder und Jugendliche. Die Generation der Dreißig- bis Vierzigjährigen, die Jugendgeneration der Wende, fehlt weitgehend.

"Helmut, Helmut"-Rufe vom Band

Auftritt Kohl: Der Altkanzler betritt die Bühne. Minutenlanger Beifall empfängt ihn. Kohl nickt huldvoll und winkt dann und wann. Die Menge ist über Großbildleinwand mit dabei. "Helmut, Helmut!"-Rufe werden vom Band eingespielt, viele Zuschauer machen mit. "Liebe Landsleute", beginnt Kohl seine Rede wie 1989, ein Satz mit dem er damals wie heute die Herzen der Dresdener gewinnt. Bedenken und enorme Emotionen habe er vor seiner Rede damals gehabt, sagt Kohl gleich zu Beginn. "Bei meiner Rede in..." - und hier unterläuft dem Altkanzler ein Fehler, der wohl einzige des Abends - "...bei meiner Rede in Bremen. Ähm. Bei meiner Rede in Dresden, natürlich..." Die Besucher lächeln nett und sehen Kohl den Lapsus nach.

Nach diesem Fauxpas zeigt sich der Architekt der deutschen Einheit allerdings wie zu seinen besten Zeiten. In seiner Rede lobt er den Mut der Ostdeutschen im Wendeherbst ("Ihr Mittun hat Geschichte bewegt), dankt den Alliierten im Osten ("wahre Freunde") und im Westen ("großes amerikanisches Volk"), ja sogar dem Papst. Neben der Erinnerung an die Errungenschaften der Wende und der Wiedervereinigung ist wie 1989 die Europapolitik zentraler Punkt in der Kohl-Rede. Die EU-Osterweiterung sei eine gemeinsame europäische Verantwortung, in Nizza sei aber das Wir zu kurz gekommen.

"Ich war immer dagegen, in historischen Stunden parteiisch zu sein," konstatiert Kohl mit der ihm eigenen Selbstgefälligkeit. Doch an diesem Abend hat er recht, denn weitere Seitenhiebe auf die aktuelle Tagespolitik oder seine Parteigenossen spart der Altkanzler weitgehend und gefällt sich in der Rolle des umjubelten Staatsmannes.

Deutschlandlied: "Auch das noch"

Kohls Frauenkirchen-Rede vom Dezember 1989 dauerte knapp über zehn Minuten. Doch so schnell lässt der passionierte Tagebuchschreiber seine Zuhörer, unter ihnen auch Kohls Intimfeind, Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, an diesem Abend nicht gehen. Gut 50 Minuten redet der frühere Kanzler bei der eisigen Kälte. Und die Dresdner sind trotz kalter Hände und Füße begeistert, auch als Kohl am Ende seines Monologs dieselbe schicksalsschwere Bitte anfügt, wie zu den Tagen der ausgehenden DDR: "Gott schütze unser deutsches Vaterland". Rhythmischer Beifall. Dann das Deutschlandlied. Etwa die Hälfte der Zuhörer singt mit, die andere Hälfte würde lieber nach Hause gehen. "Auch das noch", sagt eine ältere Frau als sie die ersten Takte hört. Dann singt sie schließlich doch noch mit, wie die Familie neben ihr.

Anschließend zerstreut sich die Menschenmenge auffallend schnell, bis auf einen Haufen Kohl-Verehrer, die ihrem Idol ins Hotel folgen, zieht es die Menschen ins Warme. "War doch ganz nett", sagt ein Mittzwanziger zu seiner Freundin, und beide machen sich auf den Heimweg. "Nett" könnte auch ein Resümee des Kohl-Besuchs lauten. Mit ungewöhnlich viel Einfühlungsvermögen hat es der Altkanzler verstanden den historischen Gestus der Frauenkirche zu bewahren und in Dresden nicht noch ein Kohl-Denkmal zu beschädigen oder gar zu zerstören.