Demografie Das Leiden der jungen Mitte
Junge Männer mit Abitur wirken derzeit reichlich verstört. Während die gleichaltrigen jungen Frauen des Jahres 2007 vor Selbstbewusstsein und Optimismus nur so strotzen, sind die Herren in der Lebenslage zwischen Abitur und Studium ganz überwiegend verunsichert, voller Selbstzweifel, beladen und belastet durch die Furcht, in Zukunft scheitern zu können beruflich wie privat.
Diesen bemerkenswerten Einblick in die Gefühlswelt junger Menschen mit Hochschulreife haben wir einer Studie des Heidelberger Sinus-Instituts über Lebensentwürfe, Rollenbilder und Haltungen zur Gleichstellung 20-jähriger Frauen und Männer zu verdanken vom Bundesministerium der Ursula von der Leyen in Auftrag gegeben. Doch beschränkt sich die Untersuchung nicht allein auf Einstellungen und Zukunftsprojektionen junger Menschen mit gehobenen Schulabschlüssen, sondern behandelt ebenso die Denkmuster und Lebensentwürfe der gleichaltrigen Pendants ohne Abitur.
Junges Paar: Gerade Männer sehnen sich nach lebenslanger Bindung
Foto: DPAUnd hier ist vieles anders. Man muss sich eben hüten, Kultur, Normen und Leitideen auch der Jüngeren allein durch die Deutungsfilter ihrer akademischen, daher artikulationsfreudigen Repräsentanten zu betrachten. Die Vorstellungen für ein befriedigendes Leben nach Schule und Ausbildung sehen in den Lebenskreisen der "Mitte" also bei denjenigen mit mittleren schulischen Zertifikaten und mittleren beruflichen Entwicklungsperspektiven zuweilen recht konträr dazu aus, oft bemerkenswert traditionalistisch.
Junge Männer der Mitte stoßen bei ihren (künftigen) Partnerinnen auf nicht ganz so weit- und hochgesteckte Erwartungen wie im akademischen Sektor. Schließlich streben die Frauen der mittleren sozialen Lage auch nicht in die obersten Etagen der Berufswelt. Sie wollen eine vernünftige Ausbildung, legen Wert auf einen sozial anerkannten Beruf, hätten auch gerne realistische Aufstiegsmöglichkeiten fürchten aber, ebenso realistisch, dass die Leitern nach oben für Menschen ohne Abitur weniger zahlreich verfügbar sind als noch, sagen wir, in den sechziger bis achtziger Jahren.
Sparen, absichern, erst dann setzt man Kinder in die Welt
Gerade diese Blockade der Aufstiegswünsche nachgerade konstanter Kern der elementaren Hoffnungen und Anstrengungen in der gesellschaftlichen Mitte während der industriegesellschaftlichen Zeit hat zu einer emotionalen Zuflucht in klassische Familienbilder und Sehnsüchte geführt.
Familie, Haus und Garten diese Trias bildet den Fluchtpunkt der Lebensplanung 20-jähriger Frauen und Männer aus der deutschen "Mitte". Der Weg dorthin ist akkurat vorgezeichnet: erst die gediegene Ausbildung, darauf eine möglichst unbefristete berufliche Anstellung, Partnerschaft und Ehe, dann Wohnung mit Ziel eben auf das eigene Haus, schließlich Kinder.
Man vertraut, dass bei dieser durchaus harten und langen Strecke die Eltern, Schwiegereltern, Großeltern behilflich sind, dass also das Modell Familie ihre Lebens- und Solidaritätskraft unter Beweis stellt. In den Jahren der Krise seit 2001 hat die Sekuritätsorientierung der Mitte noch erheblich zugenommen, die spielerische Experimentierlust der neunziger Jahre in diesem Milieu sowieso nicht übermäßig entfaltet scheint gänzlich verschwunden.
Erst muss ordentlich gespart werden, die eigene Position gesichert sein, dann darf man Kinder in die Welt setzen, denen schließlich etwas geboten werden muss, wollen sie sich hernach in der harten Konkurrenz der modernen Gesellschaft behaupten können. So denkt, so sorgt sich die Mitte.
Schon mit zwanzig Horror vor einer gescheiterten Ehe
Auch in dieser Lebenswelt sind die Ängste der jungen Männer ein Stückchen größer als die der Frauen. Gerade die Männer sehnen sich nach Stabilität, partnerschaftlich: nach einer sicheren, lebenslang andauernden Bindung in einer intakten Familie. Die Aussicht, dass ihre Ehe, ihr Lebensmodell scheitern könnte, ist ihnen mit ihren zwanzig Jahren bereits ein Horror.
Dabei entsprechen sich die jungen Frauen und Männer der Mitte in ihren Lebensträumen und Lebensängsten mehr als die Gleichaltrigen mit akademischen Aspirationen. Die Frauen der Mitte setzen den Primat nicht im Beruf. Ganz überwiegend ist es ihnen wichtig, nach der Geburt der Kinder für Jahre mit ihrem Job auszusetzen, zu Hause zu bleiben, die Kinder intim zu betreuen, zu fördern, sie anzuregen um den weiteren Lebensweg der Töchter und Söhne energisch zu bahnen. Erst dann wollen sie wieder durch Rückkehr in den Job verstärkt zum Familieneinkommen beitragen.
Den jungen Männern ist das recht. Sie verstehen sich im überlieferten Sinn als Haupternährer der Familien und "Kämpfer draußen".
Die jungen Männer der Mitte ticken wie ihre Väter
Zwar ist den jungen Männern wichtig, ein wenig mehr Zeit für die Kinder aufzubringen, als es noch die eigenen Väter taten. Als Bild hat man dabei im Kopf, am Sonntag mit dem Nachwuchs, wenn er denn da ist, in den Zoo, ins Kino oder ins Schwimmbad zu gehen.
Im übrigen aber, ganz für sich, hofft man, dass es auch in der eigenen künftigen Partnerschaft so weitergehen mag, wie viele es aus dem Elternhaus kennen: Für Wäsche, Raumpflege, tägliche Mahlzeiten sind primär die Frauen zuständig.
Doch wissen die jungen Männer der Mitte, dass man dergleichen unterschwellige Erwartungen zwar den nachfragenden Sozialforschern in diskreten qualitativen Interviews augenzwinkernd preisgeben darf, aber dies besser nicht lauthals in der Öffentlichkeit herausposaunt. Insofern richten sich die jungen Mitte-Männer darauf ein, den Dispens von lästigen Haushaltsangelegenheiten dereinst ihren Partnerinnen tagtäglich zäh abringen zu müssen. Eine gleichgewichtige Aufgabenverteilung jedenfalls möchten sie partout nicht akzeptieren.
Die jungen Frauen der Mitte haben Verständnis
Die Aussicht, damit durchzukommen, sind erkennbar günstiger als bei ihren gleichaltrigen Geschlechtsgenossen mit Abitur. Die jungen Frauen in den deutschen Mitte-Milieus sind (so dokumentieren es zumindest die Ergebnisse der hier zu Grunde gelegten Untersuchung) eher geneigt, den Rechtfertigungen ihrer potentiellen männlichen Partner für die höchst zurückhaltende Bereitschaft zu Erziehungs- und Haushaltsaufgaben mit Verständnis zu begegnen.
Denn das Männer-Bild der jungen Mitte-Frauen trägt noch allerlei traditionelle Züge: Der Mann firmiert darin nach wie vor als Hauptversorger, dem in der Tat die Bürde zufällt, durch beruflichen Erfolg für ein stabiles Auskommen seiner im lokalen Mikrokosmos nur so angemessen reputierlichen Familie zu sorgen. Und da es in der Berufswelt heute denkbar rau und rüde zugeht, da dort mit bösartigen Rivalen und üblen Intrigen jederzeit zu rechnen ist, kann der Ehemann und Vater der Kinder der Mitte-Frauen nicht in gutmenschelnder Partnerschaftskorrektheit unbekümmert zu Hause hocken, Säuglingen fröhlich die Pampers anlegen oder beflissen den Flur schrubben.
Ein solcher Mann wäre zwar auch in den Augen der 20-jährigen Frauen aus den mittleren sozialen Lagen eine erfreuliche Figur - aber als dann denkbarer Berufsversager doch ein keinesfalls erträgliches Risiko für das genuine Lebensziel: Haus, Garten und Kinder, die es einmal weit bringen sollen.
Die jungen Mitte-Frauen schimpfen über oben und unten
Insofern befinden sich Frauen dieser Lebenswelt in einer Position, die oft genug in den Kommentaren der Deutungsavantgarde zur Grammatik eines vorbildlichen modernen Lebens keine sonderlich gute Presse findet. Also müssen die jungen Mitte-Frauen ihre Position subjektiv aufwerten.
Dies geschieht in historisch vielfach erprobter Manier der Mitte durch Abwertung der Lebensmuster ober- wie unterhalb des eigenen sozialen Orts. Mitte-Menschen wähnen sich gern als Fels in der Brandung moralischen Zerfalls. Und die jungen Mitte-Frauen des Jahres 2007 schimpfen über die verantwortungslosen Mütter unten, die ihre Kinder durch Fast-Food und unbegrenzten Fernsehkonsum verwahrlosen lassen. Sie ereifern sich mindestens ebenso heftig über die "karrieregeilen Frauen" oben, denen pure Egozentrik unterstellt wird, da sie, um beruflich zu reüssieren, ihre Kinder bedenkenlos in Horte und andere Ganztagseinrichtungen "abgeben".
In dieser Interpretation sorgt allein die Mitte für Wohl, Wärme und Werte in Aufzucht und Erziehung des nationalen Nachwuchses.
Und dann immer das Gefühl, nicht gewürdigt zu werden
Dabei hat die Mitte auch das ist historisch nicht neu den Eindruck, dass ihr Einsatz weitaus zu wenig gewürdigt wird, dass allein die Leitvorstellungen der Frauen mit Abitur und Studium als Maßstab einer modernen Lebensweise gelten. Der Groll darüber erfolgt nicht laut und elaboriert. Aber er existiert ganz unverkennbar.
In der Mitte ist der Traum vom Aufstieg regelmäßig präsent. Doch sind die Aufstiegskanäle durch den Vorsprung der gleichaltrigen Abiturienten/Universitätsabsolventen in den Zeiten der Wissensgesellschaft weitgehend verstopft. Der Rutsch nach unten ist realistischer als der Sprung nach oben.
Mitte-Menschen haben das in den vergangenen Jahren hochsensibel wahrgenommen, fürchten um den Erhalt dessen, was im Mittelpunkt ihres Lebensplans steht: eben Ansehen im Beruf und in Freundeskreisen, eine stabile Familie, ein gutes und sicheres Einkommen, ein eigenes Haus, schließlich Kinder, die es einmal noch ein Stückchen besser als man selbst haben sollen.
Die Sorge darum treibt schon die 20-Jährigen der gesellschaftlichen Mitte um. Ignorieren sollte man diese prekäre Befindlichkeit im sozialgeographischen Zentrum der Gesellschaft nicht.