Deutsche Einheit Kohl wirft SPD Verrat vor
Berlin - Die SPD habe "bis zuletzt die Einheit nicht gewollt", schimpft Kohl in Richtung Sozialdemokratie. Einzige Ausnahme sei Altbundeskanzler Willy Brandt gewesen.Er habe geholfen, Michail Gorbatschow in der kritischen Phase nach dem Mauerfall davon zu überzeugen, dass "es in Berlin friedlich zugeht und niemand daran denkt, den Aufstand gegen die Sowjetmacht zu proben", sagte Kohl der "Welt am Sontag".
Der Ex-Kanzler kritisierte erneut, dass die SPD damals in der Frage der Staatsbürgerschaft den SED-Vorstellungen gefolgt sei. "Als Verstoß gegen das Gebot der Menschlichkeit habe ich es allerdings angesehen, dass man für eine Abschaffung der zentralen Erfassungsstelle für DDR-Verbrechen in Salzgitter eingetreten war", sagte Kohl. "Das war ein übler Verrat - ich sage bewusst Verrat - an der Menschlichkeit, den die Sozialdemokraten da begangen haben."
Kritik an einer zu schnellen Einführung der D-Mark in der DDR wies Kohl in dem Interview zurück. Was den Umtauschkurs betreffe, so habe seine Regierung "natürlich eine politische Entscheidung getroffen, die nach streng volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten eigentlich so nicht vertretbar war", räumte Kohl ein. "Aber wir dachten vor allem an die Menschen und ihre Hoffnungen."
Altbundespräsident Walter Scheel (FDP) sagte der "Welt am Sonntag" zur Rolle Kohls bei der Vereinigung, eine monatelange Kampagne in den Medien habe den Begriff "Kanzler der Einheit" geschaffen. "Das ist mehr falsch als richtig." Scheel appellierte: "Wir sollten im Jubiläumsjahr die polemische Auseinandersetzung darüber endgültig beenden." Vor allem dürfe man nicht die großen Leistungen der Bürgerrechtler und Bürger in der damaligen DDR vergessen.