Deutsche Kirchen Zweifel am Krieg
Berlin/Amberg - Eigentlich sollte das Thema Globalisierung im Mittelpunkt der diesjährigen Synode der Deutschen Evangelischen Kirche in Amberg (EKD) stehen. Doch angesichts der Ankündigung von Bundeskanzler Gerhard Schröder über die geplante Bereitstellung deutscher Truppen meldete sich der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Manfred Kock, kurzfristig zu Wort: "Meine Zweifel, ob militärische Mittel für das Erreichen der angestrebten Ziele taugen, sind seit dem 7. Oktober nicht geringer geworden - im Gegenteil", sagte der Vorsitzende und unterstrich damit noch einmal seine Forderung vom gestrigen Montag nach einer Feuerpause während des islamischen Fastenmonats Ramadan.
Bisher hatte sich die evangelische Kirche sehr bedeckt gehalten zu den Angriffen auf Afghanistan. Auch Kock bezeichnete auf seiner Rede die Androhung und Ausübung von Gewalt nach wie vor als "legitimes Mittel", um für Recht und Frieden zu sorgen. Allerdings sei der Einsatz militärischer Mittel nur als "ultima ratio" zu begreifen.
Er fordere vielmehr einen politischen Diskurs sowie die Verstärkung der humanitären Hilfe, sagte Kock. Die Entscheidung der Abgeordneten im Bundestag bezeichnete er als "schwierig". Die Gläubigen sollten jedoch diese Entscheidung respektieren, auch wenn sie in ihrer Urteilsbildung zu einem anderen Ergebnis gelangten.
"Fortschritte nicht bekannt"
Angesichts der gegenwärtigen Angriffe gegen Afghanistan müsse man sich jedoch fragen, ob das terroristische Netzwerk überhaupt wirkungsvoll mit militärischen Mitteln bekämpft werden könne, sagte Kock. Er mahnte, durch den Krieg würden die Lebensgrundlagen in dem ohnehin seit Jahrzehnten geschundenen Land weiter zerstört. "Fortschritte im Blick auf die angegebenen Kriegsziele sind mir dagegen nicht bekannt", sagte der Vorsitzende.
Die Meinung innerhalb der katholische Kirche zum Krieg in Afghanistan ist gespalten. Während die katholische Friedensbewegung Pax Christi auf einer Tagung am gestrigen Montag ein sofortiges Ende der Bombardierungen gefordert hatte, äußerte sich die Deutsche Bischofskonferenz weniger kritisch. Der Krieg gegen Afghanistan werde als "internationale Polizeiaktion" gewertet, sagte der Pressesprecher der Bischofskonferenz, Rudolf Hammerschmidt. Eine solche Aktion, die zur Verhinderung weiterer Verbrechen diene, können nicht "verdammt" werden von Seiten der Katholischen Kirche.
Gewisses Unbehagen
Natürlich müsse darauf geachtet werden, dass das Verhältnis von Zweck und Mitteln angemessen sei. Angesichts der drohenden humanitären Katastrophe in Afghanistan empfinde man durchaus "ein gewisses Unbehagen", sagte Hammerschmidt. "Allerdings sehe ich zurzeit keinen Ansatz für die Bischöfe als Vertreter der katholischen Kirche, zu sagen: Ein Katholik darf da nicht mitmachen."
Die Beteiligung Deutschlands an militärischen Einsätzen hatte die Kirchen bereits während des Kosovo-Konflikts in eine tiefe Krise gestürzt. Auch damals waren beide Großkirchen hin und her gerissen gewesen zwischen dem christlichen Gebot, kein Leben zu vernichten, und der Bemühung, mit militärischen Mitteln Leben zu retten. Anfänglich hatten sowohl Kock als auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, die humanitären Ziele des Einsatzes anerkannt. Im Verlauf der Bombardierungen waren jedoch immer mehr Kirchenmitglieder von dieser Position abgerückt.