Rechtsextremismus: Die geheimen Chats der NPD-Jugend - DER SPIEGEL
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Parteinachwuchs bei NPD-Veranstaltung im Mai 2024

Parteinachwuchs bei NPD-Veranstaltung im Mai 2024

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[M] DER SPIEGEL; recherche-nord

Nachwuchs der Rechtsextremisten Die geheimen Chats der NPD-Jugend

Sie zerstören Regenbogenflaggen und wollen Menschen mit Behinderung vernichten: Interne Chats geben Einblick in das Leben des NPD-Nachwuchses, ihre Konflikte mit dem Gesetz und Kontakte zur AfD-Jugend.
• aus DER SPIEGEL 23/2024

Im März 2023 landet plötzlich eine interne Polizeimail im bundesweiten Gruppenchat der »Jungen Nationalisten« (JN), also beim Nachwuchs der neonazistischen NPD.

»Hallo Kollege«, schreibt darin ein LKA-Beamter an einen anderen, bevor er erklärt, warum man beim Knacken von beschlagnahmten iPhones noch nicht erfolgreich gewesen sei. Bei einem Asservat etwa habe man bisher erst 51.161 von 1.000.000 Pin-Versuchen durchführen können. Aufgrund der Sicherheitsmechanismen von Apple könne es noch bis zu 28 Jahre dauern, bis das iPhone entsperrt sei.

DER SPIEGEL 23/2024

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Der Bundesvorsitzende der JN, Sebastian Weigler, der sich im Chat »Wendler/BS« nennt, teilt die Mail mit seinen Mitstreitern. Woher er sie hat – unklar, eine Frage des SPIEGEL dazu beantwortet er nicht. Aber er möchte seinen Leuten eindrillen: »Niemals den Pin rausgeben, auch ›wenn es dann schneller geht‹«. Mit dem Versprechen einer schnellen Rückgabe der Smartphones entlocken Ermittler gern mal die Passwörter von Beschuldigten. »Micha« antwortet: »Und vor allem auch die Geräte vernünftig verschlüsseln!«

Die jungen Neonazis geben sich weitere Tipps, wie man seine Smartphones am besten schützen kann: dass man es nicht mehr benutzen sollte, »wenn es Urlaub beim Inlandsgeheimdienst gemacht hat«, also wenn der Verfassungsschutz es in seinen Händen gehabt haben sollte. Oder dass man einstellen könne, dass es nach der zehnmaligen Falscheingabe des Pins auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt werde.


Die jungen Rechtsextremisten haben offenkundig viel zu verstecken. Tatsächlich geraten sie immer wieder in Konflikt mit dem Gesetz – und feiern sich dafür.

Nachlesen lässt sich das in internen Chatgruppen der rechtsextremen Jugendorganisation. Sie organisiert sich in einer bundesweiten sowie in regionalen Gruppen, im Messengerdienst Threema. Hier können die Neonazis miteinander kommunizieren, ohne dass ihre Handynummern angezeigt werden.

Dem SPIEGEL liegen die Chatverläufe aus mehreren dieser Gruppen vor, insgesamt sind es Tausende Nachrichten. Sie zeigen, wie der Nachwuchs der NPD, die sich heute »Die Heimat« nennt, tickt. Mit welchen Aktionen sich die jungen Neonazis brüsten. Wie sie versuchen, neue Jugendliche für sich zu rekrutieren. Und welche Allianzen sie mit Teilen der »Jungen Alternative« knüpfen, dem Nachwuchs der AfD.

»Junge Nationalisten« bei einer Demo in Celle, Oktober 2023

»Junge Nationalisten« bei einer Demo in Celle, Oktober 2023

Foto: Recherche-Nord

All das ist auch interessant, weil mindestens einer der jungen Männer, die kürzlich den SPD-Europaabgeordneten Matthias Ecke zusammengeschlagen haben sollen, laut Ermittlern Teil einer JN-Gruppe ist: der »Elblandrevolte« aus Dresden. Der Fall hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. Er war ein weiteres Indiz dafür, dass eine neue extrem rechte Jugendkultur heranwächst, die sehr gewaltaffin ist.

Die geheimen Chats, die der SPIEGEL ausgewertet hat, geben nun seltene Einblicke in diese Szene.


Kampfsport und »Leistungsmärsche«

Im Juli vergangenen Jahres teilt etwa der JNler »fuchs« ein Foto von sich und ein paar »Kameraden«: Gemeinsam fackeln sie vermummt im Wald eine Regenbogenflagge ab. »Fuchs« wollte Fotos davon eigentlich auf den Social-Media-Accounts der »Rheinlandbande« veröffentlichen, wie sich ein Ableger der JN in Nordrhein-Westfalen nennt. Doch nun fragt er lieber noch mal nach, ob das okay ist.

Am Ende verlässt »fuchs« der Mut, das Bild taucht nicht auf den Kanälen der »Rheinlandbande« auf.

Auf Anfrage des SPIEGEL, warum er als Bundesvorsitzender solche mutmaßlich illegalen Aktionen nicht unterbindet, schreibt JN-Chef Weigler, er könne sich »nicht im Detail an einzelne Randbemerkungen« erinnern. Die JN sei gegen Gewalt. »Sofern es zu vermeintlichen Grenzüberschreitungen kommen sollte, werden diese entweder direkt in der Gruppe angesprochen, wie Ihnen aus dem Verlauf an anderer Stelle bekannt sein dürfte, oder das direkte Einzelgespräch gesucht.« Tatsächlich interveniert bei solchen Vorgängen in den dem SPIEGEL vorliegenden Chats niemand.

Die internen Nachrichten zeigen, dass Sport eine große Rolle für die JN spielt. Die Rechtsextremisten gehen zusammen schießen und Paintball spielen, machen Kampfsport und organisieren Fußballturniere, um neue Jugendliche für sich zu begeistern. Beliebt sind die »Leistungsmärsche«, es gibt sie in verschiedenen Schwierigkeitsgraden: Bronze, Silber und Gold.

Im April trafen sich die jungen Rechtsextremisten am Steinhuder Meer, einem See in Niedersachsen. Es ging um Bronze, also 50 Kilometer, die sie mit 15 Kilo Gepäck an zwei Tagen schaffen mussten, »getreu dem Leitspruch Stärke durch Disziplin«, wie die JN die Aktion selbst beschrieb. Aus den Mitgliedern sollen »Kämpfer« werden, in deren »gesunden Körpern« auch ein »gesunder Geist« lebt.

Fotos des Kollektivs »Recherche Nord«, die dem SPIEGEL vorliegen, zeigen den konspirativ vorbereiteten Marsch, gekommen waren zwanzig Männer und zwei Frauen. Die Fotografen hörten unter anderem, wie die Gruppe auf Höhe eines Badestrands an dem See ein nationalsozialistisches Lied aus den Dreißigerjahren sang, das Hans Baumann getextet hat – ein NS-Funktionär, der auch für die Hitlerjugend tätig war.

»Leistungsmarsch« der JN am Steinhuder Meer in Niedersachsen, April 2024

»Leistungsmarsch« der JN am Steinhuder Meer in Niedersachsen, April 2024

Foto: Recherche Nord

Solche Märsche dienen auch der Vernetzung. Unter den Marschierenden am Steinhuder Meer war einer, der bei der bereits erwähnten »Elblandrevolte« mitmischt. Auch dabei: drei junge Männer, die eigentlich beim AfD-Nachwuchs aktiv sind und von denen mindestens einer mit dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner gut bekannt ist. Und das, obwohl die AfD eine Unvereinbarkeitsliste hat, wonach niemand Mitglied werden darf, der sich bei NPD, JN oder Sellners »Identitärer Bewegung« engagiert.


Kontakte zum AfD-Nachwuchs

Es ist nicht die einzige Querverbindung zwischen dem AfD-Nachwuchs und dem der »Heimat«. Es gab weitere Wanderungen. Und weitere Kontakte.

Im Chat der NPD-Jugend fragt vergangenen April einer belustigt: »Wann haut dich Leif denn nun endlich aus der ja«? Gemeint ist Leif Kulina, Vorsitzender der »Jungen Alternative« (JA) in Schleswig-Holstein. Der angesprochene Marwin H. ist zu dem Zeitpunkt nämlich nicht nur bei der JA aktiv, sondern nimmt auch an Demos der NPD teil und macht bei der JN mit.

Einer schreibt, Kulina habe Marwin H. nun aufgefordert, die JA zu verlassen. H. bestätigt das. »Nur«, weil ein Fotograf ein Bild von ihm bei der NPD-Demo gemacht habe, habe »Leif rumgeheult«. Es klingt, als hätte JA-Mann Kulina schon lange von Marwin H.s Doppelaktivismus gewusst, aber erst jetzt, wo das öffentlich wurde, Konsequenzen gezogen.

Auf Anfrage des SPIEGEL schreibt JA-Landeschef Kulina, er lehne »eine Verurteilung auf Grund von Kontaktschuld« grundsätzlich ab. Es sei gerade als junger Mensch »vollkommen in Ordnung, auch mal links oder rechts über den Tellerrand zu schauen«, aber man müsse sich dann »für eine Organisation entscheiden«. Er habe Marwin H. »nach Bekanntwerden der Tatsachen« angesprochen, dieser sei seiner »Aufforderung der Entscheidungsfindung letztlich nachgekommen und aus der JA ausgetreten«.

Eine Distanzierung von den Neonazis der JN klingt anders. Bis heute, ein gutes Jahr später, folgt die »Junge Alternative« Schleswig-Holstein Marwin H. auf Instagram und umgekehrt. Auch ein sächsischer JA-Funktionär folgt ihm. Und das, obwohl H. in seinen öffentlich einsehbaren Stories dort unter anderem »Heil Heimat Neumünster« schrieb.

Auch in den JN-Chats läuft das so: Einer grüßt gern mit »Heil«, andere schicken Emojis, die eine rechte Hand nach oben strecken. Sie laden zu »Liederabenden« ein, gehen gemeinsam an Hauswänden Parolen sprayen, zu Fackelmärschen oder Stammtischen. Und sie kleben Sticker, etwa einen transfeindlichen wie diesen: »Aus Anne wird Frank, das ist doch krank!«. Die Worte »Anne«, »Frank« – der Name der bekannten, im Konzentrationslager verstorbenen Jüdin – und »krank« stechen rot hervor.


Neue Jugendliche rekrutieren

In den Chats ist auch nachzulesen, vor welchen Schwierigkeiten die »Jungen Nationalisten« stehen. Sie versuchen, online präsenter zu werden. Im August erklärt der Bundesvorsitzende Weigler, dass es nun »erste Motive ohne direktes JN Logo« gebe, um der »Internetzensur« zu entgehen. Instagram etwa sperrt Beiträge mit dem Logo schon länger, weswegen die JNler häufiger zwei Fotos machen, eins mit ihrer Flagge und eins ohne.

All die Aktivitäten haben vor allem das Ziel, neue Jugendliche zu rekrutieren. So hat die JN extra eine Seite ins Leben gerufen, die konkret Schüler ansprechen soll. Ein Mitglied der Gruppe schreibt, dass er »in toten Regionen« jetzt öfters »Jugendstammtische über Discord« mache, eine Chat-App.

Im April vergangenen Jahres diskutieren sie zudem darüber, nach Burg in Brandenburg zu fahren. Zuvor hatten dort zwei Lehrer einen Brandbrief wegen rechtsextremistischer Vorfälle an einer Schule geschrieben: »Wir sollten da mal Eisessen gehen – kurz vor Schulschluss«, schreibt der Bundesvorsitzende. Ein anderer berichtet, dass der »Dritte Weg«, eine Neonazi-Kleinstpartei, »auch schon dort« gewesen sei.

Immer wieder gibt es banale Probleme, etwa mit der Rechtschreibung. Der Brandenburger »Stützpunktleiter« teilt häufiger Textkacheln mit Fehlern. Dann antworten seine Mitstreiter:

An anderer Stelle platzt einem der Kragen, allerdings ebenfalls nicht fehlerfrei: »Packt euch nen Duden daneben, das ist nicht elitär das ist hochgradig peinlich!«

Auch in anderen Situationen ist der Ton rau: Immer mal wieder machen sich JN-Aktivisten über NPD-Funktionäre mit mehr Gewicht lustig. Von »Untermenschen« ist die Rede, Fotos werden kommentiert mit: »Wo ist der Hals?«.

Selbst JN-Kollegen bekamen schon Sprüche ab. Als im Mai vergangenen Jahres einer ein Foto von sich und anderen bei einer Aktion teilte, erntete er einen »Adipositas«-Kommentar. Plötzlich war Streit im Chat, einer schreibt von »unkameradschaftlichem Verhalten«, mancher habe eben »etwas mehr auf den Rippen«. Da mischt sich schon der Nächste ein, man könne doch wohl »anspornen«, die JN wolle schließlich »sportlich« sein. Ein anderer schreibt, dass es ihm leidtue, dass er gemein sei, aber: »Ich denke trotzdem unser aller größtes Vorbild würde sich im Grab umdrehen…«. Gemeint sein dürfte Adolf Hitler.


Spucken auf Stolpersteine

Die jungen Rechtsextremisten benutzen das »N-Wort«, beschimpfen Menschen mit Migrationshintergrund als »Kanacken« und schreiben »dieser dumme Jude«, wenn es um den Thüringer Verfassungsschutzchef Stephan Kramer geht, der zuvor Generalsekretär beim Zentralrat der Juden war. Und sie tauschen sich darüber aus, was sie mit Stolpersteinen machen, den kleinen Gedenktafeln für NS-Opfer: »Gleich beim vorbeigehen draufgespuckt«. Ein anderer will sie zertrümmern, er schickt zwei Hammer-Emojis.

Einmal teilt »Micha« ein Foto, auf der eine Demonstration in Dortmund zu sehen sein soll. Darauf zwei Männer im Rollstuhl, die sich gegen Nazis engagieren.

Auch um Strategiefragen geht es im Chat. Viel wird darüber diskutiert, was man von dem Namenswechsel von NPD zur »Heimat« hält. Manche sind unschlüssig, andere sagen, die Umbenennung sei erfolgt, »um den asozialen Ruf weg zu bekommen«.

Als nach der Umbenennung in einem Zeitungsartikel immer noch von »NPD-Jugendorganisation« die Rede ist, beschweren sie sich. Sie wollen das Etikett NPD loswerden. Einer ist sich sicher: »Das werden die wenn überhaupt, nicht ewig durchziehen«. Gemeint sind die Medien.

Ein JN-Funktionär schreibt: »Wir nennen uns einfach in Heimat-Jugend um«, dazu ein Lach-Emoji.

Der nächste: »Die neue HJ«. Und wieder ein Lach-Emoji.

Acht anderen gefällt das.

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