Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,
heute vor hundert Jahren wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht ausgerufen. In Berlin wird es einen Festakt geben mit einer Rede der ersten deutschen Kanzlerin. Sind Frauen die besseren Wähler?
"Frauen wählen im Durchschnitt anders als Männer", heißt es im Wikipedia-Eintrag zum Thema Frauenwahlrecht. "Die Ursachen dafür sind wissenschaftlich nicht abschließend geklärt." In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik wählten Frauen konservativer, heute wählen sie Grüner, etwa zwei Drittel der Grünenwähler sind Frauen, bei der AfD ist es umgekehrt. Die Populisten werden zu zwei Dritteln von Männern gewählt. Die AfD jedenfalls wäre nicht stärkste Oppositionspartei, wenn nicht auch Männer Stimmrecht hätten.
Wir Frauen können uns ja nicht vorstellen, wie hart es gewesen sein muss, als dann auch Frauen wählen konnten. Von meinem Schweizer Schwiegervater ist jedenfalls eine Äußerung überliefert, die das veranschaulicht. Als 1971 sogar in der Schweiz schließlich das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, soll er zu meiner Schwiegermutter gesagt haben: Das mit dem Frauenstimmrecht sei ja ganz wunderbar, dann könne sicher auch bald die Katze abstimmen.
Der Anti-Merkel
Friedrich Merz
Foto: Rolf Vennenbernd/ dpaIn dieser Woche beginnen die "Regionalkonferenzen", auf denen sich die Kandidaten für den CDU-Vorsitz der Basis vorstellen wollen. Ich muss zugeben, ich bin hin und hergerissen, wen ich lieber an der Spitze der CDU und damit ja vermutlich als nächsten deutschen Kanzler sähe, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Friedrich Merz. Als Staatsbürgerin finde ich, dass die CDU die AfD in Schach halten sollte, das könnte sie sicher besser mit einem Vorsitzenden, der sich von Merkel abgrenzt und die Union wieder nach rechts rückt, Merz also. Andererseits ist Merz der Inbegriff der Andenpakt-CDU mit ihren Männerseilschaften, ein Mann von gestern, dazu kränkbar und dünnhäutig. Ist das gut für Deutschland? Da ist mir die nüchterne und uneitle AKK lieber. Inzwischen hat Merz ja auf die Titelgeschichte des SPIEGEL reagiert und gesagt, er sei kein "Anti-Merkel". Er wolle mit Merkel fair, anständig und loyal zusammenarbeiten, noch dazu ist er offenbar ein großer Fan der Grünen. Da fragt sich, warum er nicht schon lange in der Merkel-CDU dabei ist.
Söder im Glück
Markus Söder
Foto: Lino Mirgeler/ dpaMarkus Söder dürfte heute bestens gelaunt sein, er stellt mittags der CSU-Fraktion sein neues Kabinett vor. Und er hat den Machtkampf mit Horst Seehofer endgültig für sich entschieden, Seehofer wird in dieser Woche seinen Rückzug ankündigen, und einen Rücktritt vom Rücktritt wird es dieses Mal nicht geben. Während Söder in München Hof hält, verbringt Seehofer den Vormittag in Bautzen, kein Scherz, er besucht ein Polizeizentrum in Sachsen mit Gang durch die "Blaulichtmeile". Im Januar wird er auf einem Sonderparteitag den Parteivorsitz abgeben und dann wohl auch das Innenministerium. Ein kleiner Triumph bleibt, der ihm wichtig sein dürfte: Er hat dann Merkel als Parteichef überlebt. Um einen Monat.
Gewinnerin des Tages
Angela Merkel
Foto: YOAN VALAT/ AFPIst trotzdem Angela Merkel. Kaum dass ihr Abschied von der Macht begonnen hat, setzt auch schon die Verklärung ein. Und wie! Im aktuellen SPIEGEL bejubelt der Großdichter Martin Walser die deutsche Kanzlerin , er hat eine Eloge auf Angela Merkel verfasst, halb Liebeserklärung, halb Heiligenverehrung. Es erklingt Merkels Lobpreis, singen möchte Walser, jubeln! "Ein Lichtblick" sei sie, "ein Glücksfall", "immer glaubhaft", "unverbrauchbar", eine "epochale Erfolgsfigur", bei ihr finden "Geist und Natur" zusammen, sie ist einfach vollkommen. Das Bild der heiligen Angela ist für ihn ein "Erlösungssignal" - "ich kann immer zu diesem Bild fliehen, pilgern, wandern". Walser ist verführt. "von ihr und der stillen Wucht ihrer Schönheit." Ich glaube nicht, dass je ein Kanzler so leidenschaftlich besungen wurde.
Ich wünsche Ihnen ein wenig "Unverbrauchbarkeit". Und einen schönen Montag,
herzlich, Ihre
Christiane Hoffmann
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