Diepgen in Not? Springer hilft!
Berlin - In Berlin braucht die CDU keine Wahlkampfspenden, denn an ihrer Seite schreibt der Axel Springer Verlag. Dies können Zeitungsleser studieren, wenn sie in Wahlkampfzeiten die Schlagzeilen im hiesigen Blätterwald überfliegen.
Zweifellos trägt die Berliner SPD für den Skandal um die im Baufilz verlorenen Milliarden der Bankgesellschaft nicht weniger Verantwortung als die CDU, nicht zuletzt wegen des Versagens der früheren SPD-Finanzsenatorin und Aufsichtsrätin Annette Fugmann-Heesing. Doch für die Berliner Springer-Presse gilt: Die Union und ihr Führungsmann Diepgen sind schlimmstenfalls Opfer, nie Täter und niemals so schlecht wie ihre sozialdemokratischen Konkurrenten.
Ein Blick zurück in den Oktober 1999 verdeutlicht das. Walter Momper, der damalige Spitzenkandidat der SPD zu den Berliner Abgeordnetenhauswahlen wurde mit purem Meinungsjournalismus niedergeschrieben. "Keiner liebt Walter - Ausgemompert?" titelte beispielsweise das in Berlin einflussreiche Boulevardblatt "B.Z." aus dem Springer-Hochhaus und die "Berliner Morgenpost" stand mit Kopfzeilen wie "Walter Momper ganz unten" solcher Stimmungsmache nicht nach.
Sogar am Wahltag malte die "B.Z." noch ein Horrorbild aufs Titelblatt: "Momper - Aus Verzweiflung doch mit der PDS?", wurden die Leser beunruhigt. Im Blatt selbst wurde Rot-Grün mit PDS als eine "superlinke Schock-Variante" aufgeführt, schließlich habe die PDS "bereits Interesse an einer Regierungsbeteiligung signalisiert" - die Momper aber nie wollte. Natürlich ging die Wahl zugunsten Diepgens aus, "Diepgen 100% glücklich" titelte das Boulevardblatt am 11. Oktober und konnte anderntags mit einer letzten Titelstory über Diepgens gescheiterten Herausforderer triumphieren: "Momper packt ein".
Auf treuem Kurs geblieben
Und heute? Die "B.Z." wird inzwischen von dem konservativen Diepgen-Freund Georg Gafron geleitet, der 1999 sogar mit dem Regierenden Bürgermeister und Edmund Stoiber auf einer Bühne CDU-Wahlkampf moderierte. Diese Parteilichkeit ist nach wie vor nachlesbar: "Mehrheit gegen Neuwahlen. Diepgen: Die Berliner haben ein feines Gespür", vermarktete die "B.Z." vor wenigen Tagen eine hauseigene Ted-Umfrage als Aufmacher und wie eine verlässliche Repräsentativumfrage. "Berlin sagt NEIN zu Neuwahlen", stand über dem zugehörigen Artikel, dabei hatten sich nur 5183 Anrufer aus dem Käuferpotential der "B.Z." in diesem Sinne zu Wort gemeldet, stellvertretend benutzt, um für ganz "Berlin" zu sprechen. Bebildert wurde die Seite mit einem strahlenden Duo Diepgen/Gafron, und der "B.Z."-Chefredakteur konnte dem Regierenden im Interview inhaltsreiche Durchhalteparolen wie diese entlocken: "Im Augenblick ist Stabilität das Wichtigste. Wir brauchen Verlässlichkeit."
"Die Berliner sehen in Neuwahlen keine Lösung"
So verlässlich zeigten sich auch andere Blätter aus dem Axel Springer Verlag. Ab Samstag wollen FDP, Grüne und PDS Unterschriften für Neuwahlen sammeln. Diesem Oppositions-Projekt Wind aus den Segeln zu nehmen bemüht sich offensichtlich die "Berliner Morgenpost". Die Zeitung behauptete am Wochenende dreist in ihrer Überschrift: "Die Berliner sehen in Neuwahlen keine Lösung." Dabei stimmten in der zugrunde liegenden Forsa-Umfrage 49 Prozent der repräsentativ Befragten für Neuwahlen und nur 42 Prozent dagegen. Worauf fußte dann die Titelzeile? Nur die Frage nach der Lösbarkeit der Finanzkrise Berlins durch Neuwahlen hatten die Befragten mehrheitlich verneint.
Die SPD im Zwielicht?
Am gestrigen Mittwoch blies die Frühausgabe des Blatts zu einem auffallenden Entlastungsangriff. "Berliner SPD im Zwielicht" verkündete der Aufmacher auf der Titelseite, allerdings drehte es sich im Inhalt nur vage um einen "Verdacht". Angeprangert wurde auch nur eine Einzelperson, die längst nicht mehr in der Landesregierung vertreten ist. Der Schatzmeister der Sozialdemokraten, Klaus Riebschläger, soll einen Parteiverrat als Rechtsanwalt begangen haben, aber nur anonym wurde als Belastungszeuge "ein renommierter Strafrechtler und Berliner Universitätsprofessor" zitiert, der sich vorstellen konnte, "dass die Staatsanwaltschaft ein Verfahren wegen Parteiverrats einleiten würde, wenn sie diese Dinge erfährt". Stimmung wurde mit dem Artikel aber gegen die ganze SPD gemacht, erst eine spätere Druckausgabe schwächte die Überschrift in "SPD-Kassierer im Zwielicht" ab.
Beruhigungspillen von "Bild"
Aus der Berliner Ausgabe der "Bild"-Zeitung erfährt Eberhard Diepgen derweil Rückendeckung ganz anderer Art. Zwei Ausgaben lang wurde angekündigt, dass "Berlins Dino-Regierender" "Bild"-Lesern am Dienstag Rede und Antwort stehen wollte, am gestrigen Mittwoch las sich das Ergebnis so: "Herr Diepgen, lassen Sie sich nicht treten wie ein Hund" war die Story überschrieben, in der Diepgen viele Streicheleinheiten erhielt: "Bleiben Se uns erhalten und lassen Se sich nicht verrückt machen", durfte Kurt Fleischer, 85, aus Wilmersdorf beruhigen und "eine Tiergartnerin" ohne Namen appellierte: "SPD-Wowereit nimmt Kurs auf rot-rot-grün. Verhindern Sie das, das ist ja furchtbar." Antwort Diepgen: "Ich geb' mir Mühe, kämpfen sie mit". Auch der "Bild"-Kommentator tat das für ihn: "In Berlin darf nicht die PDS regieren!" machte er Panik und sagte pauschal ein "politisches Erdbeben, dessen Wellen bis Rom, London, Paris und Washington reichten", voraus.
Große Probleme klein geredet
Deshalb durfte zum Abschluss "Fritz Hanke aus Wilmersdorf" den Springer-Autoren offensichtlich aus dem Herzen sprechen: "Gehen Sie schärfstens in die Offensive. Ein Hund, der sich treten lässt, wird getreten. Sie haben so viel getan für die Stadt. Andere Banken haben auch große Wertberichtigungen." Die Antwort Eberhard Diepgens: "Wenn ich darauf hinweise, wird das politisch missverstanden als der Versuch, ein Problem klein zu reden."
Also alles Peanuts oder was? "Bild" hilft.