Diepgens Scheitern: Kein Versöhner Berlins - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Diepgens Scheitern Kein Versöhner Berlins

Eberhard Diepgen wurde abgewählt, weil ihn sein politischer Instinkt verließ und er sich nicht aus seinen selbstgeschaffenen Machtstrukturen befreien konnte. Sein Dilemma: Er geht nicht als Versöhner der Stadt in ihre Geschichte ein, sondern als ein Spalter.
Von Holger Kulick
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutlicher als am Zeitungskiosk konnte am Samstag morgen die Sicht der Berliner auf ihren scheidenden Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen nicht werden. Die führenden Boulevardblätter der Stadt warben mit höchst gegensätzlichen Titeln. "Berlin sagt: Danke, Ebi", strahlte ein zufriedener Diepgen vom Titelblatt des größten Westberliner Schmuddelblatts "B.Z." und im Innenteil durften Berliner Abschied nehmen: "Janine: Diepgen mach's gut, irgendwie warst Du schon lieb". Denn bis zu seiner Abwahl heute ist der "Regierende Bürgermeister der Herzen", wie ihn der CDU-Fraktionsvorsitzende Steffel diese Woche taufte, eine Symbolfigur des westsozialisierten Berliners geblieben, der von seiner Studienzeit an in den 60-ger Jahren seine politischen Netze im damaligen Westberlin webte.

Im Westen verwurzelt...

Sein Gefolgsmann auf seinem zielgerichteten Weg zur Macht war Klaus-Rüdiger Landowsky, mit dem er Studienbank und politische Karriere teilte: Diepgen, die stets höfliche und seriöse Nummer eins - mit einem ausgeprägten Instinkt für den politischen Kompromiss. Landowsky war dagegen die eher harte und kompromisslose Nummer zwei als Wegbereiter in Diepgens Rücken, umtriebig in den Strukturen der Berliner Medien und des Filzes und zugleich ein unnachgiebiger Klischeeverbreiter gegenüber den "Kommunisten" im Osten. Doch mit Feinbildern lassen sich allenfalls Wahlen, aber keine gesellschaftlichen Mehrheiten gewinnen. Das lernt Berlins CDU erst jetzt.

... im Osten nicht Fuß gefasst

So konnte das Gespann Diepgen/Landowsky im Osten kaum Fuß fassen, denn zu Brückenbauern wurden beide nicht. Die Wahlkämpfer der Berliner CDU diffamierten den PDS-dominierten Ostteil der Stadt stets als unglücksverheißend. Kein Wunder, dass heute als Reaktion auf der im Osten verbreiteten Boulevardpostille "Berliner Kurier" ein missmutiges Diepgenfoto neben der Zeile "Diepgen: Nur noch Jammer" prangt. Und Mitleid findet sich dort im Blatt keines, stattdessen eine vielsagende Kommentarüberschrift: "Berlin ist geeint". Das muss Eberhard Diepgens größter Schmerz sein: Er muss gehen, ohne sich als Versöhner der Stadt profiliert zu haben. Im Gegenteil, besonders in den Wahlkämpfen profilierte er sich eher als emotionaler Spalter, der bemüht war, Wunden offen zu halten. "PDS, Das sind die ewig Gestrigen", schimpfte er. Das beleidigte nicht nur PDS-Anhänger aus dem Osten, denn solche Parolen sprachen vielen Ostberlinern pauschal das Hineinwachsen in das neue System ab. Diese Sensibilität fehlte Diepgen. PDS-Mann Gregor Gysi nutzte das jetzt aus, um sich als möglicher Stadtvereiniger und Gegenkandidat erfolgreich ins Spiel zu bringen. Auch das konnte Diepgens Stab nicht begreifen.

Ein cleverer Taktiker...

Diepgens politische Karriere begann genau vor 20 Jahren, als er sich als Wegbereiter für Richard von Weizsäcker als Regierender Bürgermeister von Berlin profilierte. Die SPD hatte abgewirtschaftet und war durch Skandale erschöpft, nun begann der strategisch geschickte Aufbau eines CDU-geprägten Berlins. Als von Weizsäcker 1984 zum Bundespräsidenten gekürt wurde, griff Diepgens Riege selber zur Macht. Unvergesslich seine Nominierung durch den Landesausschuss der CDU im Berliner Rathaus Schöneberg Anfang 1984. Die Bundes-CDU wollte die an der Berliner Basis durchaus populäre Schulsenatorin Hanna-Renate Laurien durchsetzen, Diepgen mobilisierte die Parteistrukturen dagegen und instrumentalisierte die Junge Union als stimmungsmachende Wahlhelfer für sich. Eisigstes Klima herrschte zwischen den Fronten. Als Hanna-Renate Laurien das Rathaus Schöneberg betrat, musste sie Spalier an den jungen Kämpfern der CDU vorbeilaufen, die mit Buchstabentafeln Eberhard Diepgens Namen hochhielten und buhten.

...der sich seiner Sache zu sicher wähnte

Damals machte sich Diepgen als ausgesprochen cleverer Taktiker einen Namen. Das verwundert heute, weil Diepgen dieses Gespür am Ende seiner Amtszeit verlor, die nur einmal - während des Mauerfalls - von SPD-Mann Walter Momper unterbrochen werden konnte, weil der CDU die FDP als Koalitionspartner abhanden gekommen war. Doch haushoch als Taktiker überlegen eroberte sich "Ebi" die Macht zurück, und behielt die wichtigsten Berliner Medien an seiner Seite. "Diepgen rennt!", das wurde sein Image, und "ebi"-Turnschuhe wurden im Wahlkampf vermarktet. Doch zu große Selbstsicherheit und Selbstzufriedenheit führten zu Selbsttäuschung. Das eint ihn kurioserweise mit Helmut Kohl am Ende von dessen Amtszeit, obwohl sich beide wenig leiden konnten - so blieb Diepgen auch zur Bundes-CDU auf Distanz.

Von neuen SPD-Taktikern geschlagen

Aus Sicht von Diepgens CDU waren die Sozialdemokraten stets nur Papiertiger geblieben, sie drohten viel, aber handelten wenig und schienen viel zu sehr zerstritten zu sein. Dass aber mit dem Bonner Machtumzug in die Hauptstadt auch die Taktiker Gerhard Schröders zunehmend im Berliner Rathaus Einfluß nahmen, bekam Diepgens Team nicht mit. Schon seit Februar nahm das neue Machtspiel seinen Lauf. "Wir haben uns seitdem über viele unerwartete kleine Schritte und Blockaden der Sozialdemokraten gewundert, die wir nicht einordnen konnten, jetzt erst verstehen wir sie", interpretierte gestern Diepgens letzter Neuling im Senat, Kultursenator Stölzl im kleinen Kreis.

Zuvor war Eberhard Diepgen noch einmal mit seinen Senatoren vor die Presse getreten, ohne jede Selbstkritik und ohne jede Erwähnung seines skandalverstrickten Freundes Klaus-Rüdiger Landowsky. Er, der ihm die Macht aufbaute, hat sie ihm jetzt gekostet: "Diepgen wusste nicht, wie er mit diesem Skandal umgehen sollte", erläuterte Christoph Stölzl. In westlichen Demokratien gebe es dafür aber ein allgemeingültiges ABC. Wer durch Skandale belastet wird, müsse sofort seine Ämter bis zur Klärung ruhen lassen, auch um danach wieder in Amt und Würde gelangen zu können, falls sich eine Anschuldigung als unwahr erweist. Dies habe Diepgen Landowsky nicht zumuten wollen. Das ging auch nicht, denn Landowsky war ein Teil von Eberhard Diepgen selbst. Mit dessen Fall war sein Verschwinden vorprogrammiert.

Das letzte Machtkalkül ging nicht auf

Am Samstag, Punkt 14 Uhr 10 musste er aus seinem Versäumnis die Konsequenzen ziehen und trat zurück, exakt vier Stunden später wurde sein Nachfolger vereidigt. Nochmals hatte ihn eine letzte Hoffnung getrogen, weil er sich auf seine befreundeten Stimmungsmacher in den Berliner Medien des Axel-Springer-Verlags verließ. Die hatten ihm acht bis neun Abweichler in den Oppositionsreihen geweissagt. Aber diese Zahl hatte die "B.Z." erfunden. Damit scheiterte Diepgens letztes, taktisches Spiel. Doch nur kurze Zeit konnte die Bundes-CDU davon träumen, jetzt wieder die Regie in der Berliner Union zu übernehmen. Angela Merkels Wunschkandidat Wolfgang Schäuble musste abblitzen, weil die Berliner CDU noch immer am Leitbild Diepgen/Landowsky klebt. Und Berlins neuer CDU Fraktionsvorsitzender Steffel verkörpert beide in einer Person.

Mehr lesen über