Ethik: Bloßer Zellklumpen oder bereits ein Mensch? - DER SPIEGEL
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Ethik Bloßer Zellklumpen oder bereits ein Mensch?

Die Forschung mit embryonalen Stammzellen geht einher mit allerlei diffusen moralischen Bedenken. Welche ethischen Positionen stecken hinter den Forderungen von Wissenschaftlern, Politikern und Theologen?
Von Alexander Schwabe
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wann ist der Mensch ein Mensch? Dies ist die alles entscheidende Frage, wenn es darum geht, die gentechnische Forschung mit menschlichen Embryonen zu bewerten. Je früher der Mensch in seiner Entwicklung von der befruchteten Eizelle bis zur Geburt (und noch darüber hinaus) als Mensch definiert wird, desto kritischer muss ein gentechnischer Eingriff beurteilt werden - vorausgesetzt, die Würde des Menschen, das heißt seine Originalität und Unverfügbarkeit, sei unantastbar. Je später der Mensch in seiner Genese als Mensch definiert wird, desto unbeschwerter können embryonale Stammzellen für die Forschung eingesetzt werden, was den Tod der Embryonen bedeutet.

Das deutsche Embryonenschutzgesetz von 1990 wie auch die beiden großen Kirchen definieren den Beginn des Menschseins mit dem Abschluss der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Von diesem Zeitpunkt an steht das neue Wesen unter einem dem Menschen zukommenden moralischen Schutz. Dieser Position liegt die Vorstellung zu Grunde, die befruchtete Eizelle (Zygote) habe die volle Potenz, ein Mensch zu werden. Es müsse nichts Wesentliches mehr hinzutreten, um volles Menschsein zu ermöglichen. In der Entwicklung zum Menschen sei eine Kontinuität gegeben, die mit der Befruchtung der Eizelle einsetze, was uneingeschränkte Würde begründe.

Ein Säugling ist nicht mehr als eine Schnecke

Die extreme Gegenposition dazu geht davon aus, dass ein moralischer Anspruch nur von einem Menschen ausgehe, der selbständig Interessen artikulieren kann, es bedürfe also des Selbstbewusstseins, um als Mensch zu gelten. Diese Position wurde in der Bioethik vor allem durch den australischen Philosophen Peter Singer vertreten. Erst das Personsein zeichne den Menschen aus. Bloßes Existieren, sein biologisches Dasein, habe er mit Pflanzen und Tieren gemein. Ein Säugling ohne personale Identität sei moralisch im Grunde nicht anders einzuschätzen als eine Schnecke.

Unter dieser Voraussetzung kommt einem Embryo kein besonderer moralischer Status zu. Manipulationen an ihm wären nur dann bedenklich, wenn sie nachteilige Auswirkungen auf ein eventuelles künftiges Leben hätten. Sollte er aber gar nicht erst den Weg in die Gebärmutter finden, könnte er der Medizin als Ersatzteillager dienen. In der Diskussion wird von verbrauchender Embryonenforschung gesprochen.

Die Fit-und-Fun-Gesellschaft befördert Selektion

Die Möglichkeit, das Genmaterial eines Embryos mittels der Präimplantationsdiagnostik zu analysieren führt notwendig zu einer Entscheidung darüber, ob Embryonen, an denen Krankheiten oder Fehlbildungen festgestellt wurden, ausgesondert werden oder nicht. Diese Selektion, so befürchten vor allem Behindertenverbände, könne dazu führen, dass Behinderte insgesamt als lebensunwertes Leben betrachtet werden. Eltern, die sich trotz der biotechnischen Hightech-Medizin für ein behindertes Kind entscheiden, gerieten in einer Fit-und-Fun-Gesellschaft in Rechtfertigungszwang.

Der Streit um die Forschung mit menschlichen Embryonen spielt sich also zwischen einem gradualistischen Konzept und einem Ansatz ab, der von einer ontologischen Identität von befruchteter Eizelle und geborenem Menschen ausgeht.

Das gradualistische Konzept geht davon aus, dass der Beginn des Menschseins nicht ein für allemal festgelegt werden kann. Es setzt sich so dem Vorwurf aus, utilitaristisch zu sein, anfällig gegenüber Nützlichkeitserwägungen wirtschaftlicher oder politischer Art. Wissenschaftlern, die eine ontologische Identität von Zygote und ausgebildetem Menschen vertreten, wird vorgeworfen, sie blendeten die Chancen, die in der neuen Forschung für die Medizin liegen, aus. Doch genau dies ist für die Vertreter der Identitätstheorie ein nicht akzeptables Argument. Es orientiere sich am Nutzen, nicht aber an einer fundamentaleren Letztbegründung eines ganzheitlichen Menschenbildes.