Ex-Torwart Jürgen Rollmann Hechtsprung in den Wahlkampf
München Wenn es darum geht, sich selbst zu beschreiben, sagt Jürgen Rollmann, 36, er sei ein "geselliger Einzelgänger". Damals, als er noch aktiver Bundesligakicker war, wurde der gebürtige Hesse in der "Süddeutschen Zeitung" als "arroganter Dickschädel" bezeichnet. Und der große Werder-Trainer Otto Rehhagel beschrieb seinen Ersatzkeeper einmal so: "Wenn ich alle Torhüter der Welt zusammenhole und ihnen sage, wer sich für den besten hält, bitte zwei Meter vortreten, steht Rollmann schon da."
Nun steht er in einem zwölf Quadratmeter großen Bürozimmer des SPD-Landesverbandes in der Münchner Straße Oberanger und hat jede Menge Arbeit vor sich. Seit knapp zweieinhalb Jahren ist "Rolli" Pressesprecher der bayerischen Sozialdemokraten. Eine undankbare Aufgabe in einem Land, in dem von den "Roten" als Gewinner meistens die Rede ist, wenn der FC Bayern mal wieder einen Titel geholt hat. Ansonsten fristet die SPD im bayerischen Landtag im Vergleich zur übermächtigen CSU ein eher bescheidenes Dasein. Diese Tage, da die rot-grüne Bundesregierung den Bürger eher selten mit angenehmen Entscheidungen überrascht, machen den Job für Rollmann nicht leichter.
Vom Tor in die Politik
Aber eigentlich will er mehr. Rollmann will politisch etwas bewirken, und deshalb ist der Posten des Pressesprechers für ihn eher ein Übergangsposten, das gibt er zu: "Von hier aus kannst Du nichts bewegen." Deshalb kandidiert Rollmann im September als SPD-Kandidat im Wahlkreis Dachau. Als Direktkandidat tritt er gegen den natürlich haushoch favorisierten CSU-Mann Blasius Thätter, 66, an. "Es ist so, als ob man zur Halbzeit 0:3 hinten liegt", beschreibt er seine Erfolgsaussichten aus der Sicht des Ex-Torwarts. Nur möglichst viele Zweitstimmen für die SPD können Rollmann in das Maximilianaeum katapultieren.
Für die Zeitungen war schon Rollmanns Entscheidung, Pressesprecher der SPD zu werden, natürlich ein dankbares Zeilenthema. "Vom Tor auf Zick-Zack-Kurs in die Politik", titelte die "Frankfurter Rundschau", die "Märkische Oderzeitung" schrieb, die bayerischen Sozialdemokraten bekämen nun einen "Paradiesvogel". Und natürlich durfte auch die Ersatzbank nicht fehlen, mit der Rollmann schon "genügend Erfahrungen" habe, schrieb die "Süddeutsche Zeitung".
Rollmann, der selbst Journalistik studiert hat, scheinen solche Phrasen zu amüsieren. Immerhin bescheren sie ihm Publicity eigentlich fast mehr als damals in seiner Zeit als aktiver Fußballer. Rollmann war seinerzeit als Torwart nicht unbedingt vom Glück verfolgt, denn bei Werder Bremen konnte er Oliver Reck trotz mancher Patzer von "Pannen-Olli" nicht aus dem Kasten verdrängen, und später, beim MSV Duisburg, war er zwar der Stammkeeper, der in den frühen Neunzigern maßgeblich an einem kurzen Höhenflug des Clubs beteiligt war aber er kam mit dem Trainer Ewald Lienen nicht zurecht. Rollmann musste den Profiverein aus dem Ruhrpott schließlich verlassen.
"Leben zwischen Sein und Schein"
Insgesamt 42 Mal durfte der 1,88 Meter große Rollmann das Tor in der Bundesliga hüten, aber einen ganz großen Tag hatte er eben an jenem 6. Mai 1992, als er mit Werder Bremen durch ein 2:0 über den AS Monaco in Lissabon Europacupsieger wurde. Rollmann kam zum Zuge, weil Reck gesperrt war. Danach sorgte er eher neben dem Spielfeld für Schlagzeilen. Als Präsident der Spielergewerkschaft VdV machte er sich nach dem so genannten Bosman-Urteil, das den Profifußball revolutionierte und den Spielern mehr Rechte verschaffte, einen Namen. Doch das reichte Rollmann nicht. Er schrieb also nicht nur für einige Zeitungen und den "Playboy" als freier Mitarbeiter, sondern auch ein tatsächlich lesenswertes Buch mit dem Titel "Beruf: Fußball-Profi" (Sportverlag Berlin), das sich mit dem "Leben zwischen Sein und Schein" als Kicker beschäftigte.
Der Unterschied zwischen Sein und Schein hatte ihn auch schon in die SPD getrieben. Zu seiner Bremer Zeit zog die rechtsextreme DVU ins Landesparlament ein, auch Asyl- und Atomausstiegs-Diskussionen beschäftigten Rollmann wohl mehr als die meisten seiner hochbezahlten Mitspieler: "Es ging mir auf den Keks, wenn alle immer nur meckern, aber nichts tun."
Nun tut Rollmann also tatsächlich etwas für die SPD in Bayern. Für den verwaisten Job des Pressesprechers bekam er im Jahre 2000 den Zuschlag. Allzu optimistisch ist er ausnahmsweise nicht, wenn es um die Einschätzung der Erfolgsaussichten der Sozialdemokraten im Stoiber-Staat geht. "Die CSU darf man als Partei nicht grundsätzlich verdammen. Das wäre ungerecht, wie bei fast jedem Pauschalurteil. Es ist psychologisch äußerst schwer, bei den Menschen hier für eine positive Wechselstimmung zu sorgen", glaubt Rollmann. "Nach einer Umfrage haben 70 Prozent der Bayern ein positives Lebensgefühl. Und nach 40 Jahren CSU-Alleinregierung verbinden viele Menschen dieses Lebensgefühl politisch auch mit der CSU. Aber: Zu einer funktionierenden Demokratie gehört eine starke Opposition. Dafür kämpfe ich."
"Dampfplauderer" mit dynamischem Auftreten
Rollmann kandidiert auf Wunsch der bayerischen SPD-Spitze im nahen Dachau, obwohl er im Münchner Stadtteil Moosach lebt. "Ich habe viele Bekannte in Dachau und im Landkreis, zudem war ein Onkel von mir jahrelang für die SPD im Dachauer Kreistag, deshalb macht eine Kandidatur Sinn", verteidigt er die eher ungewohnte Konstellation. Im Wahlkreis selbst beurteilt die CSU den Gegenkandidaten siegesgewohnt eher unaufgeregt, obwohl kürzlich ein früherer Stadtrat wegen Wahlfälschung verurteilt wurde. Rollmann sei ein "Dampfplauderer", heißt es dort. "Der gibt sich locker, hat ein dynamisches Auftreten", meint Tobias Stephan von der Jungen Union, "aber die inhaltliche Unterfütterung seiner Auftritte ist eher nicht berauschend."
Rollmann ficht das nicht an. Er hat sich nach dem Wahlfälscher-Skandal bei der CSU für eine Reform des Gemeindewahlgesetzes in Bayern stark gemacht. Doch das sind für den Keeper eigentlich nur Lockerungsübungen vor der Erfüllung seines eigentlichen politischen Traumes: "Irgendwann einmal ein Atomkraftwerk abschalten."