Fastenpredigt: Doppeltes Derblecken - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Fastenpredigt Doppeltes Derblecken

Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg: Die deutsche Politprominenz kassierte heute die traditionelle Watsch'n. Darüber wurde eifrig gelacht. Im Hintergrund aber lief ein zweites, heftiges Derblecken. Hauptakteur: Minister Horst Seehofer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

München - Große Koalition kann so anstrengend harmonisch sein. Da stehen sie beisammen auf der einsamen Insel, SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler und CSU-General Markus Söder: "Ach, wär' das schön, mal wieder so richtig draufhauen zu dürfen ", sagt Söder. Und Stiegler: "Genau, so wie früher." Sie schauen sich um, Söders Chef Edmund Stoiber ist nicht da, Stieglers Vizekanzler Franz Müntefering auch nicht. Na dann. Söder nennt Stiegler einen "roten Halunken", der revanchiert sich mit einem heftigen Fußtritt: "Au fein, das ist schön", ruft Söder mit schmerzverzerrtem Gesicht aus.

Keine fünf Meter entfernt sitzen der echte Söder und der echte Stiegler am Biertisch, laut über ihre Doubles im traditionellen Nockherberg-Singspiel feixend und jeweils eine Mass würzig-süßlichen Starkbiers (7,9 Prozent) vor sich. Heute steht alles im Zeichen der Großen Koalition - und ihres Stars, der Bundeskanzlerin. Die tritt als strahlende "Insel-Queen Angela" vors Politpublikum: "Man kommt ins Schwitzen auf dem Sonnendeck, schon allein das viele Lob auszuhalten."

"Loyal wie's eben geht, und manchmal geht es eben net"

"Insel-Franz" Müntefering derweil dienert durch die Dschungelkulisse: "Wie haben wir das nur früher ohne Frau Merkel geschafft?" Allein "Papageno-Horst" stört die großkoalitionäre Harmonie. In blau-weißem Federkleid flattert des Agrarminister Seehofers Double über die Bühne: "Ich bin loyal, wie's eben geht, und manchmal geht es eben net."

Horst Seehofer muss heute viel erdulden auf dem Nockherberg. Er lacht mit, klar. Andererseits "wollte ich zeitweilig unterm Tisch verschwinden", sagt er. Das war beim Derblecken, jener politischen Spottrede, die dem Singspiel alljährlich vorausgeht. Der Kabarettist Bruno Jonas alias Bruder Barnabas nahm Seehofer da ordentlich aufs Korn: Der Landwirtschaftsminister sei so eine Art "Allwetterreifen der CSU: runderneuert, passt auf jede Felge - und man kann ihn leicht aufziehen". Gerade er aber stehe doch nicht für Beliebigkeit, sagt Seehofer später.

CSU-Chef Stoiber hingegen kommt glimpflich davon, den Spott über seine Schaukelpolitik im vergangenen Herbst steckt er mittlerweile lächelnd weg: "Wer nicht weiß, wozu er berufen ist und deshalb immer die Ohren offen hält, ob er nicht berufen wird, der hört vielleicht einen Ruf nach dem anderen und rennt hin und her, zwischen München und Berlin, und am Ende leidet nicht nur der Ruf, sondern auch die Person und die Partei", derbleckt Jonas den bayerischen Ministerpräsidenten.

Stoiber muss irgendwann "aufstehen und gehen"

Aber inzwischen werde Stoiber wieder von einer "Welle der Sympathie getragen". Er müsse aber wissen, bei Wellen gebe es Höhen und Tiefen, "und jede Welle kommt irgendwann am Strand an und dann muss man aufstehen und gehen", so Jonas. Das Publikum warnte der Kabarettist noch vor dem anwesenden Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD): "Kaufen Sie keine Bundesschatzbriefe, ich muss Ihnen ehrlich sagen, wenn einer so viel Schulden hat wie Steinbrück, tät ich ihm nichts mehr leihen."

Der Brauch des Derbleckens geht zurück auf die Paulanermönche. Die kämpften vor rund 250 Jahren geschäftstüchtig um das Recht, ihr Starkbier auch außerhalb des Klosters ausschenken zu dürfen. Deshalb luden sie den Kurfürsten zur Bierprobe und Braumeister Barnabas las ihm die Leviten. In der Fastenpredigt 2006 ist das noch immer ähnlich, hier der aktuelle Barnabas, dort die versammelte Prominenz aus Bundes- und Landespolitik. Nur derbleckt in diesem Jahr nicht nur Bruno Jonas, auch im Publikum nimmt heute der eine den anderen aufs Korn.

Der eine ist Werner Schnappauf, der andere - wiederum - Horst Seehofer. Schnappauf ist der sehr gewissenhafte bayerische CSU-Verbraucherschutzminister. Der schmächtige Mann rangiert auf Stoibers Skala ziemlich weit oben. Als am Wochenanfang der Verdacht aufkam, im Oberfränkischen könnte der Vogelgrippevirus erstmals in Deutschland auf Nutztiere übergesprungen sein, ließ Schnappauf ruckzuck 400 Enten keulen (Bruno Jonas dazu auf dem Nockherberg: "Enten pflastern seinen Weg") und teilte dies danach der Öffentlichkeit mit. Spätere Proben aber ergaben, dass die gekeulten Tiere nicht vom gefährlichen Grippeerreger befallen waren.

Seehofer: "Ich sag', was ich will"

Horst Seehofer nun griff seinen Münchner Parteifreund scharf an und warf ihm Panikmache vor, Schnappauf wiederum verbat sich die Einmischung in bayerische Angelegenheiten. Auf dem Nockherberg heute müht sich der schmächtige Schnappauf um Deeskalation, er streckt sich und begrüßt den Zwei-Meter-Mann Seehofer mit einem kumpeligen Schulterklopfer. Der Gehätschelte aber legt noch einmal nach: Nein, hier gebe es keine Aussprache, der Schnappauf solle nur froh sein, "dass ich nur einen Satz gesagt habe".

Am Ende übernimmt der Bayerische Rundfunk die Zusammenführung der christsozialen Streithähne, in einem Fernsehinterview schaut Seehofer stur ins Kameralicht, Schnappauf aber an Seehofer hoch und sagt: "Wir beiden Parteifreunde werden uns schon noch zusammenraufen." Dann noch ein kleiner Seitenhieb: "Horst Seehofer ist im Singspiel ausgezeichnet getroffen."

Papageno-Horst sagt nichts. Aber als die Kamera weg ist, reden sie Tacheles. Schnappauf: "Horst, Du solltest Deine Zunge unter Leinenpflicht legen." Seehofer: "Ich sag', was ich will." Er müsse die Panikmache des bayerischen Kollegen im Ausland erklären, "was soll ich denn den Franzosen sagen?" Schnappauf will die Situation beruhigen, aber Seehofer sagt: "Da hätte ich gern den Herrn Stoiber dabei, das müssen wir extra erörtern."

Bruno Jonas hat die Szenerie eine Weile von außen beobachtet, dann tritt er zwischen die beiden Minister: "Braucht's Ihr einen Schlichter?" Aber Bruder Barnabas als Schlichter, das würde die Traditionen des Derbleckens ad absurdum führen. Horst Seehofer muss dann auch bald los, "nach Berlin, zur Kanzlerin".