FDP Guido und die Weißwürste
München - Die gelben Luftballons machen sich gut im Hintergrund. Aber sie hängen so hoch. Guido Westerwelle muss den Kopf weit in den Nacken legen, um sie zu sehen. "Prima, prima", rufen die Fotografen. Der liberale Guido strahlt die hochfliegenden FDP-Ballons an, die Kameras klacken.
Es ist Juli, die Woche der mickrigen Gesundheitsreform der Großen Koalition, und am Münchner Rindermarkt scheint die Sonne auf Oppositionschef Westerwelle. Die Fotografen sind längst abgezogen, doch der Kopf bleibt noch leicht in den Nacken gelegt. Das Kreuz ist durchgedrückt und das Lächeln fest gemeißelt. Wenn jetzt die letzten deutschen WM-Fanbataillone vorbeikämen, sie würden vielleicht einen Kreis um Westerwelle bilden und "So sehen Sieger aus" skandieren.
Der Chefliberale redet dieser Tage mit Vorliebe vom Sozialismus. "Kassensozialismus" veranstalte die Regierung von Angela Merkel, "aber eben keinen freiheitlichen Wettbewerb im Gesundheitssystem". Vizekanzler Franz Müntefering habe einmal gesagt, Schwarz sei auch nur ein dunkles Rot. Na bitte, da habe er jetzt Recht bekommen. Deshalb fordert Westerwelle noch schnell alle "Kräfte der Freiheit" auf, die Union zu verlassen.
Westerwelle in privater Mission
Guido Westerwelle ist nach München gekommen, weil die bayerischen Liberalen heute Einweihungsparty feiern. Sie sind umgezogen, "ins Herz der Stadt", wie deren Vorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagt. Vor allem ist das ein Symbol: Nach rund zehn bayerisch-liberalen Prozent bei der letzten Bundestagswahl spekuliert die FDP nach Jahren der Abstinenz auf eine Rückkehr in den Münchner Landtag - 2008 sind Wahlen.
Es geht Westerwelle aber nicht wirklich um die Einweihung einer Geschäftsstelle in der liberalen Diaspora. Nein, heute ist er in privater Mission unterwegs. "Unser bester Wahlhelfer ist die CSU mit dem Herrn Stoiber", sagt Westerwelle und schaut nach oben: "Die produzieren einen unglaublichen Murks."
Stoiber und Westerwelle wären fast mal Koalitionspartner gewesen, haben gemeinsam den Bundespräsidenten installiert - aber sie können sich nicht leiden. Der Urgrund: Mit 7,4 Sparprozent nach einem Spaßwahlkampf bei der Bundestagswahl 2002 brachte der designierte Koalitionspartner Westerwelle Edmund Stoiber um die Kanzlerschaft.
Leichtmatrose und Schwermatrose
Die Revanche: Das Oppositionsduo Merkel/Westerwelle könne Schröder/Fischer doch "das Wasser nicht reichen", ätzte Stoiber 2004. Von "Leichtmatrosen" war in diesem Zusammenhang die Rede. Seitdem schießt Westerwelle aus allen Rohren zurück. Nach dem schlechten Abschneiden der Union bei der Bundestagswahl revanchierte sich der Liberale: "Dieser Schwermatrose Stoiber hat den Politikwechsel versaubeutelt."
Es ist ein Hahnenkampf. Und jetzt ist Westerwelle der Oppositionschef, er zieht täglich in den Kampf gegen die Große Koalition, er hat vergleichsweise brillante Umfragewerte (13 Prozent) und sagt von sich, er sei angekommen. Es fällt ihm manchmal schwer, gegen die Duz-Freundin Merkel zu polemisieren. Wie wunderbar, dass es da "diesen Mann im Süden" gibt.
Den will Westerwelle jetzt in der CSU-Machtbastion Bayern packen:Kämpe Guido will Kämpe Edi die absolute Mehrheit kaputt machen. In den kommenden zwei Jahren, sagt Westerwelle und kneift die Augen zusammen, werde er "so oft hier sein", dass man noch rufen werde: "Nicht der schon wieder!"
"Ich liebe Weißwürste"
Drinnen im neuen FDP-Haus ist es stickig und heiß. Es sind viele Leute gekommen, erstaunlich viele zu diesem Anlass. Sogar CSU-Vertreter aus Bundestag und Landtag wischen sich den Schweiß von der Stirn. Und ein Staatssekretär aus Stoibers Regierung muss mit einem gequälten Lächeln Westerwelles Attacken verfolgen. Alle sehen ein bisschen zerstört aus, drei Ventilatoren wirbeln die Haare durcheinander. Nur Westerwelle steht da wie sein eigenes Denkmal. Er schwitzt nicht, zwei Knöpfe des braunen Sakkos hält er konsequent geschlossen - und er lächelt die ganze Zeit.
So wohl wie in diesem ersten großkoalitionären Sommer muss er sich lange nicht mehr gefühlt haben. Er ist obenauf, ihn ficht nicht mal die Hitze an. Es sei eine "unverschämte Anmaßung von SPD und Union", witzelt er, "dass sie gegenseitig Neuwahlen fordern". Er verbitte sich eine solche Einmischung in die Aufgaben des Oppositionsführers, sagt Westerwelle und blickt ironisch grinsend in die Gesichter der CSUler.
Natürlich kommt Guido Westerwelle nicht nur in den Freistaat, um gegen Edmund Stoiber in die Schlacht zu ziehen. Nein, sicher nicht. "Wissen Se was", sagt er draußen in der Sonne, "ich liebe Weißwürste."