FDP: Westerwelles schöne Hoffnung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

FDP Westerwelles schöne Hoffnung

Silvana Koch-Mehrin ist das junge Aushängeschild der FDP im Europawahlkampf. Mit der kosmopolitischen Unternehmensberaterin hoffen die Liberalen, nach fast zehn Jahren Abstinenz wieder ins Europaparlament zu gelangen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Silvana Koch-Mehrin und Cornelia Pieper fegen. Weiße Blätter, die eine EU-Verordnung symbolisieren. Draußen auf der Reinhardtstraße in Berlin, vor der FDP-Bundeszentrale, warten die Kameramänner und Fotografen. "Das ist ja eine echte Herausforderung", sagt die Generalsekretärin Pieper. Nach zwei, drei Minuten ist es endlich geschafft. Die beiden Frauen stellen sich vor ein blaues Plakat, auf dem es heißt: "Wir bringen Frische nach Europa. Kehraus für Bürokratie". Die Europa-Spitzenkandidatin Koch-Mehrin lächelt ihr strahlendes Lächeln. Sie kann das umwerfend. Und dann fegt sie noch einmal, damit ihre Partei in die Medien kommt.

Die Liberalen haben es schwer. Schwerer als ihre Konkurrenten. Seit Monaten schon. Sie tauchen kaum noch auf in den überregionalen Blättern und Fernsehberichten. Zuletzt durfte FDP-Chef Guido Westerwelle einen Part bei der Kür des Bundespräsidenten-Kandidaten Horst Köhler spielen. Nun kommt der Europawahlkampf. Das ist ohnehin eine Herausforderung für jede Partei, weil das Interesse und folglich die Wahlbeteiligung gering sein dürfte.

Für die FDP ist der Wahlgang am 13. Juni daher erst recht eine Probe. Seit über neun Jahren ist die Partei nicht mehr in Brüssel und Straßburg vertreten. Zuletzt, bei der Wahl 1999, kam sie gerade einmal auf bundesweit drei Prozent. 7,4 Prozent wolle man diesmal erreichen, sagt Pieper, so viel wie bei der Bundestagswahl. Wenn 50 Prozent der Wähler zu den Urnen gehen, sind das 2,35 Millionen Stimmen.

Damit es die Liberalen diesmal schaffen, hat sich die Partei eine junge, moderne Frau an die Spitze der Europaliste gewählt. Die 32-jährige Silvana Koch-Mehrin ist Westerwelles Kandidatin gewesen. Mehrmals schon wurde ihr Name für Posten genannt, sogar 2001 als Nachfolgerin Westerwelles im Amt des Generalsekretärs. Das wurde dann Frau Pieper aus Sachsen-Anhalt, und als deren Stuhl vor einem Jahr wackelte, weil die Ostdeutsche in der Berliner Polit-Arena eine unglückliche Figur machte, wurde Koch-Mehrins Name schon wieder genannt. Jetzt stehen sie einträchtig nebeneinander, Koch-Mehrin zweieinhalb Köpfe größer als die Generalsekretärin, und fegen vor Kameras gegen Bürokraten. Irgendwie liberal, das Ganze.

Homestory in der Bunte

In Berlin spricht Koch-Mehrin am Mittwoch über die Schwerpunkte im EU-Wahlkampf, über Bürokratieabbau und Wirtschaftswachstum, über die Forderung nach einer Volksabstimmung zur EU-Verfassung. Sie sagt Sätze wie: "Die letzten Jahre ohne FDP haben Europa nicht gut getan." Dabei bleibt sie ernst, wirkt aufgeschlossen und sympathisch. Bislang ist Koch-Mehrin den meisten Menschen im Lande noch unbekannt. Das soll sich ändern. Fast zeitgleich zum Auftritt in Berlin erscheint das Boulevardmagazin "Bunte" mit einem Interview. "Diese Frau will noch mehr Glück", haben die Münchener Illustriertenmacher ihr Stück überschrieben. Es ist eine Homestory, so wie Vermarktung der Politik heutzutage funktioniert. Bilder, auf denen eine strahlende Koch-Mehrin zu sehen ist, zusammen mit ihrer elf Monate alten Tochter Mila und ihrem 31-jährigen Lebensgefährten James Candon, einem Anwalt aus Irland. Perfekte Bilder eben.

Koch-Mehrin kennt die Gesetze des Medienmarktes. Sie hat selbst für Zeitungen und Zeitschriften geschrieben. Für das Hochglanzmagazin "Max" lieferte sie Einblicke in die Welt der EU unter dem Titel "Silvanas Welt", für das Prominentenblatt "Gala" begleitete sie vor zwei Jahren gar die Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf.

Mancher in der Partei hat ihr ihren Aufstieg zur Europaspitzenfrau verübelt. Im Herbst letzten Jahres hielt Michael Heynen, Vorsitzender der FDP-Auslandsgruppe Europa, dem FDP-Chef Westerwelle vor, mit Koch-Mehrin setze er "auf belanglose Äußerlichkeiten." Die Unternehmensberaterin weiß, dass es Frauen in der Politik schwer haben. Und schöne wie sie haben es noch schwerer. "Wenn mir zum Beispiel ein Politiker sagt, er fände es toll, dass die FDP so eine sexy Kandidatin habe, sage ich, dass er auch ganz hübsch aussehe", hat sie die "Bunte" diese Woche wissen lassen.

Das ist wohl wahr und klingt doch auch kokett. Denn sie spielt das Spiel vom langbeinigen, blondliberalen Aushängeschild professionell mit. In Berlin richtet die Partei gerade eine Art Bürgertreff ein, der Anfang Mai mit einem Straßenfest eröffnet werden soll. Im noch kahlen, halbfertigen Raum halten Koch-Mehrin und Pieper am Mittwoch ihre Pressekonferenz ab. Einen Namen gibt es auch schon. "Willkommen in der Silvana-Lounge", sagt der Pressesprecher und Koch-Mehrin lacht. Die Liberalen wissen, was sie an der jungen Frau haben.

Mehr lesen über