Fraktionsvorsitz Friedrich der Große
Berlin - Das Wesentliche sagte er erst zum Schluss: "Die Opposition wird in den nächsten Jahren auf Augenhöhe mit der Regierung kraftvoll ihre Aufgabe wahrnehmen". Damit sprach der designierte Fraktionsvorsitzende der Union, Friedrich Merz, den Abgeordneten von CDU und CSU am Freitag aus der Seele: Endlich wieder Politik machen! Endlich wieder Selbstbewusstsein zeigen! Endlich wieder über etwas anderes reden als schwarze Konten, unbekannte Spender und eidesstattliche Erklärungen. An der Länge und Lautstärke des Beifalls war abzulesen, wie groß die Sehnsucht der Unionsabgeordneten ist, dass nach dieser turbulenten Woche nun endlich der Neuanfang eingeleitet wird.
Für den 44-jährigen Merz war es ein Einstand nach Maß. Am Morgen einigte sich die Fraktion auf seine Wahl am 29. Februar. Und gleich darauf durfte er im Bundestag auf seinem Spezialgebiet der Finanzpolitik schon mal die neue Rolle üben. Die Nervosität des knapp zwei Meter großen Mannes zeigte sich nur in Details. Versprecher in seiner freien Rede überging er nicht, sondern korrigierte sie. Vielen fiel es schwer, der in besonderer Weise mit Theorie und Fachbegriffen gespickten Rede des Vordenkers in Finanzfragen zu folgen. Da Merz schon oft bewiesen hat, dass er das Zeug zur spitzen Formulierung und dem rhetorischen Handkantenschlag beherrscht, erkannten die Unionsabgeordneten in der eher nüchternen Rede kluge Strategie: Da die Union auf emotionaler Ebene im Augenblick selber viel zu leicht auszukontern wäre, bemüht Merz sich vorläufig, die Lufthoheit in Fachfragen zurückzugewinnen.
Die trockene Rede des Sauerländers verspottete Rezzo Schlauch von den Grünen dann auch gleich als "steuerpolitisches Fachseminar". Aber auch das war eine Retourkutsche. Merz hatte Schlauch vor kurzem im Bundestag vorgeführt und ihm anhand von kalten Fakten vorgehalten, "dass sie die Grundrechenarten nicht beherrschen". Auffällig war am Freitag nur, dass Merz an den Punkten seiner Rede, an denen er die Regierung am schärfsten angriff, nicht wie üblich zur Regierungsbank oder den Fraktionen von SPD und Grünen blickte, sondern das eigene Lager anschaute: Als wolle er sich erst noch der Unterstützung aus den eigenen Reihen vergewissern. Aber die schienen zufrieden. Seine Rede begleiteten sie mit viel Beifall.
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Auf den Fluren des Reichstags zeigten sich die Unionsmitglieder dann auch zufrieden mit ihrem neuen Leittier. "Das war Friedrichs Feuertaufe und er hat sie bestanden", sagten Abgeordnete gegenüber SPIEGEL ONLINE. Aber ganz wollte die Verunsicherung noch nicht weichen. Öffentlich kritisieren würden sie ihn im Augenblick nicht. Aber auch die Unionsabgeordneten wissen, dass für die Führung der Fraktion mehr Talent gebraucht wird als Expertenwissen auf einem Gebiet und rhetorisches Geschick. Sie hoffen, dass aus "Friedrich dem Fachmann", für sie auch "Friedrich der Große" wird. Und das nicht nur auf Grund seiner knapp zwei Metern Länge.