G-8-Gipfel Campen oder Kempinski
Heiligendamm - Seinen ersten Globalisierungskritiker erspähte Axel Hackendahl vor zwei Wochen. "Der stand da mit einer Sense im Gras und hat versucht, die Wiese zu mähen", erzählt der Metzgermeister. Lange konnte er das nicht mit ansehen. "Ich bin zu ihm hin und habe gesagt: So bist du in vier Wochen noch nicht fertig. Räum mal die Steine weg, ich hol meinen Trecker."
Ruckzuck war die Wiese platt und die neuen Nachbarn konnten kommen. Hackendahls schmuckes Einfamilienhaus steht in Reddelich, neun Kilometer vor Heiligendamm, dem Tagungsort des G-8-Gipfels vom 6. bis 8. Juni. Direkt hinter seiner perfekt gestutzten Hecke ragen nun Zeltstangen aus frisch gefälltem Holz empor. Eine Fahne weht, Kochgeschirr klappert, auf einen Bauwagen haben die neuen Nachbarn ihr Motto geschrieben, auch auf Englisch und Französisch: Kapitalismus zerlegen.
Gäbe es eine Uniform des Heiligendamm-Protests, dann müsste sie so aussehen: Cargo-Hose, grobe Stiefel, ein ausgewaschenes T-Shirt, die Haare mit einer Tendenz zur Verfilzung - so jedenfalls stehen die ersten G-8-Kritiker auf der Wiese in Reddelich. Reden wollen sie vor Journalisten nicht viel, auch Fotos sind unerwünscht.
Nur die Hecke und ein Zaun trennen Hackendahls Garten von den Campern. 5000 sollen es werden, und Hackendahl war anfangs keineswegs erfreut. "Wenn 5000 Leute tagelang gegen meine Hecke pinkeln, ist die hin", hatte er einem Reporter der "Ostseezeitung" in den Block diktiert. Bisher ist aber erst eine Vorhut von ein paar Dutzend Leuten da, Zelte und Bauwagen sind zu einer kleinen Wagenburg zusammengestellt. Die Szenerie ist eine Mischung aus Pfadfindertreffen und Open Air.
Sauer ist Hackendahl nach wie vor auf die Behörden, die ihm das Camp vor die Nase gesetzt haben, ohne zu fragen. Aber über die neuen Nachbarn verliert er kein böses Wort mehr, er hat sich mit der Situation arrangiert. Aus seiner Fleischfabrik gleich nebenan laufen Kabel und Schläuche rüber zum Camp, die Firma Hackendahl liefert die Grundversorgung der Bewohner: Strom und Warmwasser zum Duschen, anfangs nur eine Stunde am Abend, inzwischen den ganzen Tag. "Die wollten erst einen Wasserzähler einbauen, aber ich habe gesagt: Das könnt ihr euch sparen", sagt Hackendahl.
Privatzaun gegen Gipfelgegner
Als Dankeschön hat einer der Campbewohner das Baumhaus seiner Tochter repariert. Und neulich war die Familie zum Konzert in die Wagenburg eingeladen. "Geile Dixiemusik haben die gemacht", schwärmt der Metzger. Als die Campbewohner von einem Bauern ein Spanferkel geschenkt bekamen, hat er das gleich in der Fabrik mit gegrillt. "Eins mehr macht keinen Unterschied."
Die Abwechslung, die die neuen Nachbarn bringen, scheint Hackendahl sogar Spaß zu machen. Er selbst wäre vor einigen Wochen wohl der Letzte gewesen, der das für möglich gehalten hätte. Aber gute Beziehungen seien die beste Versicherung gegen Vandalismus, räsoniert er.
Sein Nachbar Michael Joppeck will sich darauf nicht verlassen. Er hat einen zweiten, höheren Zaun um sein Firmengelände gezogen - mit Stacheldraht. Der Inhaber einer Sicherheitsfirma fühlt sich besonders gefährdet, weil er am Zaunbau von Heiligendamm mitgewirkt hat. Doch auch Joppeck klingt nicht sonderlich alarmiert. "Wenn die restlichen 5000 so vernünftig sind wie die ersten, habe ich keine Sorgen", sagt er.
Vom Klettergerüst im Garten können Hackendahls Kinder die Aufbauarbeiten verfolgen. In der Mitte der Wiese bohren die Campbewohner gerade per Hand ein großes Loch für den Hauptpfahl des Essenszeltes. Einer sägt Wellblech als Sichtschutz für die Duschen zurecht. Am anderen Ende der Wiese steht schon eine Phalanx Dixie-Klos. Heftige Regenschauer haben die Wiese gründlich durchweicht. Es wird nicht lange dauern, bis das Camp eine einzige Matschwüste ist.
Zimmer belegt: Bush kann noch nicht kommen
Neun Kilometer entfernt, in der Weißen Stadt von Heiligendamm, laufen die Vorbereitungen ebenfalls auf Hochtouren. Vor dem Hotel Kempinski wehen bereits die neun Fahnen der G-8 und der EU. Der Rasen ist noch besser getrimmt als bei Hackendahls. Die PR-Direktorin des Hotels, Frauke Müller, klickert auf hohen Absätzen über die sterilen, weißen Flure und führt die Journalisten herum. Seit Wochen geht das schon so. "Hier im Haus Hohenzollern hat Bush letztes Mal gewohnt", sagt sie und zeigt auf ein burgähnliches Gebäude mit Zinnen. Der US-Präsident hatte vergangenen Sommer die Bundeskanzlerin in Stralsund besucht und im Kempinski genächtigt.
Über Pfingsten läuft noch der normale Hotelbetrieb. Zwei der Suiten für die Regierungschefs sind bis Dienstag belegt. "Checkout ist um zwölf", sagt Müller. In den restlichen hat bereits die Grundreinigung begonnen. In welchen Zimmern Bush, Putin und Co. wohnen werden, ist geheim. Die Konferenzsitzungen werden wohl im Ballsaal stattfinden. Der hat neun Meter hohe, mintgrüne Wände und keine Fenster.
Die PR-Frau kann sich über die bisherige Gipfelberichterstattung nicht so recht freuen. "Es heißt immer nur Zaun, Zaun, Zaun", klagt sie. Im ersten Quartal seien deshalb zehn Prozent weniger Gäste gekommen. Dabei könnte man den Zaun glatt übersehen, wenn man nach Heiligendamm hineinfährt. An den Straßen ist er noch nicht geschlossen.
Campen im Kempinski
Die Anwohner im benachbarten Vorder Bollhagen haben sich inzwischen mit dem Bauwerk abgefunden. "Was sein muss, muss sein", sagt der Rentner Arnold Lange, der zweimal täglich an der "technischen Sperre" entlang spaziert und die Fortschritte inspiziert. Auch Marcel Hiller stört der Zaun auf der anderen Straßenseite nicht - nur der zusätzliche Verkehr. An seiner Einfahrt hat er ein Schild aufgestellt: "Es reicht Schritt-Tempo." Das ist an die Zaungäste gerichtet, die ihm jedes Mal den Garten vollstauben, wenn sie auf der Schotterpiste am Haus vorbeifahren. Über fünfzig kommen jeden Tag. Am schlimmsten aber seien die Fahrer der Bundeswehr, sagt Hiller: "Die ballern hier hoch wie die Kaputten."
Die größten Sorgen machen sich die Bewohner über Einschränkungen des Verkehrs - durch die erwarteten 100.000 Demonstranten oder die Polizei. Hiller glaubt auch, dass das Telefonieren schwieriger wird. "Die werden massiv die D1- und D2-Netze stören", sagt er. "Schon als Bush letztens da war, hat es geknackt und gerauscht."
Der Ausnahmezustand macht selbst vor dem Kempinski nicht halt. Jedenfalls richtet sich PR-Direktorin Müller auf die eine oder andere Nacht auf einer Iso-Matte mit Schlafsack in einem Nebengebäude des Grandhotels ein. Die Kempinski-Zimmer sind während des Gipfels für die Staatsgäste und Delegationen vorgesehen - für die 250 Hotelangestellten bleibt nur Campen. Immerhin haben sie ein Dach über dem Kopf.
Mitarbeit: Ingo Arzt