Gefallenes Regime: Deutsche Ehefrau von Gaddafis Sprecher flieht aus Libyen - DER SPIEGEL
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Gefallenes Regime Deutsche Ehefrau von Gaddafis Sprecher flieht aus Libyen

Ihr Mann Mussa Ibrahim war Gaddafis Propaganda-Chef: Monatelang hat Julia Ramelow aus Hamburg mit dem gemeinsamen Baby an Ibrahims Seite ausgeharrt. Nun ist sie nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen aus Libyen nach Tunesien geflohen - und anschließend zurück nach Deutschland gereist.
Julia Ramelow im Hotel Rixos in Tripolis: "Libyen ist unsere Heimat"
Julia Ramelow im Hotel Rixos in Tripolis: "Libyen ist unsere Heimat"

Julia Ramelow im Hotel Rixos in Tripolis: "Libyen ist unsere Heimat"

Foto: Dario Lopez-Mills/ AP
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Berlin/Tripolis - So dicht dran am Machtapparat Muammar al-Gaddafis waren nur wenige: Julia Ramelow, die deutsche Ehefrau des Regierungssprechers von Gaddafi, ist aus Libyen geflüchtet. Wie SPIEGEL ONLINE erfuhr, ermöglichte die Deutsche Botschaft in Tripolis, dass Ramelow gemeinsam mit ihrem Baby am Donnerstag von der libyschen Hauptstadt nach Tunesien ausreisen konnte.

Ramelow hatte monatelang an der Seite ihres Mannes, Gaddafi-Sprecher Mussa Ibrahim, ausgeharrt. Ibrahim soll am Donnerstag von Rebellen in der Gaddafi-Hochburg Sirt gefasst worden sein, eine offizielle Bestätigung über die Festnahme gibt es aber noch nicht.

Ibrahim gilt als intimer Kenner der Vorgänge innerhalb des taumelnden Regimes von Gaddafi und hatte bis zuletzt gegen die Rebellen und die neue Regierung Libyens gewettert.

Offenbar hatte sich Julia Ramelow, die bis zur Einnahme von Tripolis durch die Rebellen mit ihrem Mann im schwer gesicherten Hotel Rixos in der Hauptstadt wohnte, vor einigen Tagen von ihrem Mann getrennt, um zu fliehen. In den letzten Tagen wandte sie sich an die Deutsche Botschaft in Tripolis. Dort bat sie um Hilfe, das Land verlassen zu können.

Im Rahmen der konsularischen Hilfe kam die Vertretung dieser Bitte nach und bot der Deutschen einen sicheren Transport nach Tunesien an. Von dort aus flog Ramelow am Nachmittag zurück nach Deutschland.

Tripolis in aller Eile verlassen

Gegen die Deutsche liegt trotz ihrer Verbindung zum Machtapparat von Gaddafi nichts vor, obwohl sie selber in einem Blog regelmäßig die Propaganda des Regimes mit verbreitet hatte. Der letzte Eintrag des Blogs stammt vom 21. August, dem Tag des Rebellen-Einmarsches. Der Gastbeitrag, gepostet von Administratorin "Julia", geißelt die "Kriegsverbrechen der Nato-Kräfte". In einem anderen Eintrag wird westlichen Fernsehsendern wie CNN oder BBC das Streuen von Falschmeldungen über Libyen vorgeworfen.

Die Flucht von Ramelow beendet vorerst die rätselhafte Geschichte der Deutschen in Gaddafis Machtzirkel. Seit Wochen war die Familie von Ramelow in Deutschland in ernster Sorge um die junge Mutter, da sie seit dem Sturm auf Tripolis nichts mehr von ihr gehört hatten. Offenbar hatte sie am 21. August mit ihrem Mann in aller Eile Tripolis verlassen.

Das Hotelzimmer, das die beiden bis zum Schluss bewohnten, war voll mit Kleiderständern mit Anzügen und Hemden, aus den Schubladen quollen Dokumente der Propaganda-Abteilung Gaddafis. Im Rixos-Hotel, in dem auch die vom Regime zugelassenen und streng kontrollierten internationalen Berichterstatter aufhielten, hatte sich die Familie auf eine lange Belagerung eingerichtet. Neben Nahrungsmittelvorräten und einer großen Auswahl an Rotweinflaschen stand in der Suite eine kleine Waschmaschine für Babywäsche bereit.

Zum Islam konvertiert, nach Libyen ausgewandert

Ramelows Mann ist wegen seiner Rolle als Sprecher Gaddafis weltbekannt: Beinahe täglich trat Ibrahim von März bis September 2011 vor die Kameras internationaler Journalisten in Tripolis und streute die Propaganda-Botschaften Gaddafis.

Über Julia Ramelow hingegen, eine junge Frau mit langen rotgefärbten Haaren, ist wenig bekannt. Schon als Jugendliche verließ sie ihre deutsche Familie und ging nach Großbritannien. Laut britischen Presseberichten trafen sich Ibrahim und Ramelow im Jahr 2000 bei einem Treffen einer Kirchengruppe in Exeter. "Es hat sofort Klick gemacht", erzählte Ramelow der "Times" im vergangenen Sommer, "weil wir beide Gott lieben, wir lieben Literatur, und wir hassten die Umsetzung von Politik."

Nach der Konversion zum Islam und ihrer Hochzeit zogen Ramelow und Ibrahim 2009 nach Tripolis. Dort versuchte sich Ibrahim als Medienunternehmer.

Trotz seiner teilweise skurrilen Äußerungen seit dem Beginn des Luftkriegs gegen Gaddafis Truppen scheint Ibrahim mehr oder weniger zufällig in die Propaganda-Maschinerie des Regimes geraten zu sein. In Tripolis erzählen Kenner des Regimes, Mussa Ibrahim sei nicht unbedingt ein glühender Anhänger des Despoten gewesen. Vielmehr soll der Libyer eigentlich nur an einem erfolgreichen Leben als Geschäftsmann interessiert gewesen sein.

"Seltsam entrückt"

Erst als er im Frühjahr 2010 bei einem Treffen mit Offiziellen des Regimes anregte, die Regierung müsse für die Darstellung der eigenen Sicht der aktuellen Lage auch internationale Beobachter ins Land lassen, erregte er die Aufmerksamkeit des Regimes. Von einem Tag auf den anderen wurde Ibrahim zum neuen Sprecher der Regierung ernannt und war für die Betreuung der eilig eingeflogenen Reporter aus dem Ausland verantwortlich.

Im Rixos-Hotel, in dem die internationalen Reporter mehr oder minder eingesperrt waren und nur mit Begleitern des Propagandaapparats die Stadt besuchen durften, geriet Ramelow schnell in den Fokus der Öffentlichkeit.

Zunächst wetterten Oppositionelle im Internet gegen die Deutsche an der Seite von Gaddafis Lautsprecher. Mehrere internationale Zeitungen berichteten daraufhin über die Hamburgerin in Gaddafis Gefolge. "Seltsam entrückt" hätte Ramelow gewirkt, schrieb SPIEGEL-Reporter Clemens Höges damals über seine Eindrücke aus dem Hotel.

Ramelow selber gab dem "Stern" ein etwas wirres Interview und sagte, dass sie Angst vor Rache an ihrem Mann und ihr selbst habe, wenn das Regime einmal falle. Trotzdem wollte sie Tripolis nicht verlassen. "Libyen ist unsere Heimat", sagte sie dem deutschen Reporter.

Mitarbeit: Annett Meiritz