Geheimdienste: al-Qaida startete neue Offensivphase - DER SPIEGEL
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Geheimdienste al-Qaida startete neue Offensivphase

Das Terrornetz al-Qaida hat nach Einschätzung von Geheimdienstlern in den letzten Wochen zumindest medial eine neue Offensivphase begonnen. Das macht auch den deutschen Sicherheitsbehörden große Sorgen. Besonders fürchten die Terror-Experten einen Anschlag auf weiche, schlecht bewachte Ziele nach dem Muster der Bali-Attacke auf eine Discothek.
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Tutzing/Frankfurt am Main - Es kommt nicht gerade oft vor, dass Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) an die Öffentlichkeit gehen. Normalerweise arbeitet die Behörde für Auslandsaufklärung aus dem bayerischen Pullach im Stillen und das ist nach Versicherung aller Mitarbeiter "auch gut so". Was führende BND-Mitarbeiter jedoch allein in den letzten Wochen nach außen gebracht haben, ist gerade deshalb mit größter Aufmerksamkeit registriert worden.

Die öffentlichen Statements zeigen deutlich, dass man sich in Pullach ernste Sorgen macht. BND-Präsident Hanning sprach schon in der letzten Woche von einer ernsten Bedrohungslage auch für Deutschland und begründete seine Einschätzung mit den Ankündigungen des Stellvertreters von Osama Bin Laden, der Deutschland als potentielles Terror-Ziel genannt hatte. Nicht nur Beobachter der Presse erkannten schnell, dass der BND mit den Mitteilungen ganz bewusst von der bisherigen Linie der deutschen Behörden abwich. Bisher hatten die unisono erklärt, es gebe keine konkrete Gefahr für Deutschland.

In der letzten Woche kam für die Terror-Experten aus Pullach eine neue Nachricht aus dem al-Qaida-Umfeld dazu, welche die Einschätzungen bestätigten. Über den arabischen Fernsehsender al-Dschasira lancierte offenbar Osama Bin Laden selber eine Tonbandnachricht, in der er ankündigt, es sei Zeit "abzurechnen" und wieder Deutschland namentlich nannte.

Auf einer Tagung der politischen Akademie in Tutzing erläuterte am Freitag der BND-Abteilungsleiter für den Bereich internationaler Terrorismus die Tonband-Analyse der Geheimdienstler. Demnach sei die vergangene Woche verbreitete Nachricht von Osama Bin Laden, in der er Deutschland als konkretes Ziel für den Terror nennt, "aus unserer Sicht zu 90 Prozent authentisch", sagte Michael Hildebrandt. Die Nachricht sei beim BND innerhalb weniger Stunden übersetzt und analysiert worden, so Hildebrandt weiter. Man nehme die Ankündigung sehr ernst, da schon in der Vergangenheit ähnliche Nachrichten vor Anschlägen verbreitet worden seien.

Verbaler Schlagabtausch mit George W. Bush

Was Hildebrandt in Tutzing nicht sagte, ist zur Zeit von anderen hohen Sicherheitsbeamten verschiedener Behörden zu hören. Die Experten erkennen nämlich in der neuen Nachricht von Bin Laden eine "neue Offensivphase der al-Qaida". "Zumindest medial gehen die Terroristen wieder verstärkt und direkt an die Öffentlichkeit und das macht uns Sorgen", beschrieb ein hoher Sicherheitsbeamter Ende der Woche die neue Lageeinschätzung der Dienste. Ganz offenbar habe man mit der Nachricht, in der US-Präsident George W. Bush als "Pharao" tituliert wurde, auch einen offenen, bisher rein verbalen Schlagabtausch mit Bush provoziert. Zwar habe man keine konkreten Ziele, weder in Deutschland noch anderswo, doch habe man in der Vergangenheit oft registriert, dass den allgemeinen Ankündigungen auch Taten folgen, so der Beamte weiter.

Besonderes Kopfzerbrechen bereitet den Fahndern, dass der Anschlag auf die Diskothek in Bali Schule machen könnte. Es sei eine Tendenz hin zu solchen so genannten "Soft Targets" zu erkennen, sagte der BND-Referatsleiter Michael Hildebrandt in Tutzing. "Man kann nicht zwingend davon ausgehen, dass es auch so weiter geht. Aber es ist wahrscheinlich, dass möglicherweise eher weniger scharf bewachte Ziele in Frage kommen", sagte Hildebrandt. Man dürfe nicht dem Glauben verfallen, dass die Terroristen in der Zukunft wieder nach dem Muster des 11. Septembers vorgehen würden. Trotzdem dürfe die Bewachung der gefährdeten Objekt wie Flughäfen oder anderen Verkehrsmitteln nicht aufgegeben werden.

Geheimdienste registrieren gesteigerte Kommunikation

Für andere Geheimdienstler ist die neue Nachricht von Bin Laden "eine Fortschreibung einer Lage, die sich seit Wochen verstärkt". Abteilungsleiter Hildebrandt deutete in Tutzing auch an, was damit gemeint ist. Demnach hätten die Geheimdienste in den letzten Wochen immer mehr Kommunikation zwischen verdächtigen Personen abgehört. Es gebe teilweise intensive Reisetätigkeiten von Personen, die man beobachte, sagte der Terror-Experte.

Gleichwohl sei die Verfolgung der Terroristen trotz neuer Gesetzgebung und aufgestockter Mittel auch beim BND nicht zwingend einfacher geworden. Die beobachteten Kreise registrierten sehr wohl, dass sie stärker beobachtet würden und haben laut Hildebrandt ein "ausgeprägtes Sicherheitsdenken" entwickelt. Deshalb könne man zur Zeit mit Telefonüberwachungen oder der Analyse von E-Mail-Verkehr weniger erkennen als noch vor einem Jahr. "Es gibt eine Tendenz, wieder mehr mit persönlichen Boten und verschlüsselten Nachrichten zu kommunizieren", sagte Hildebrandt.

Die gesteigerten Aktivitäten der Terror-Verdächtigen sorgen die Dienste enorm, denn sie erkennen Parallelen zu der Zeit vor dem Bali-Anschlag. Auch zu dieser Zeit hatten die Geheimdienste registriert, dass sich in der Region "etwas zusammenbraut", sagte Hildebrandt in Tutzing. Als Beleg nannte er die Aussagen eines im Juni 2002 festgenommenen al-Qaida-Mannes und die daraus resultierende vorübergehende Schließung des amerikanischen Konsulats in der indonesischen Hauptstadt Jakarta nur einige Tage vor dem verheerenden Anschlag, der fast 200 Menschen das Leben kostete. Allerdings habe man den äußerst professionell und von der Planung her auf viele Todesopfer angelegten Bombenanschlag auf Bali in keiner Weise konkret voraussehen können. "Niemand hatte an Bali gedacht", so der Geheimdienstmann.

Qaida-Strukturen wieder voll in Takt

Nach Einschätzung von Hildebrandt und seiner Behörden hat die al-Qaida nach der Zerstörung ihrer Basis in Afghanistan ihre Strukturen wieder aufgebaut. "Diese recht lose Netzwerkstruktur mit Emissären in verschiedenen Ländern und Kämpfern in aller Welt ist eine der Stärken der Qaida", sagte Hildebrandt. Nach der neuen Tonbandaufnahme sehen sich die Experten auch endgültig in ihrer Ansicht bestätigt, dass der Terror-Chef Osama Bin Laden noch lebt. "Wir vermuten, dass die Terroristenführer Osama bin Laden und auch sein Stellvertreter al-Zawahiri sich mit Unterstützung lokaler Paschtunengruppen im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan versteckt halten", sagte Hildebrandt. Die Strukturen der al-Qaida außerhalb von Afghanistan seien weitgehend intakt geblieben.

Hoffnung auf neue Erkenntnisse über die Strukturen könnten die Geheimdienstler auf grund von noch sehr vagen Nachrichten aus Amerika schöpfen. Am Freitagabend hatte ein Mitarbeiter der US-Regierung bekannt gegeben, dass erst kürzlich ein ranghoher al-Qaida-Terrorist festgenommen worden ist, der nun intensiv verhört wird. In der Vergangenheit hatten die Behörden so viel über die neue Ausrichtung und Kommunikationsstruktur der Qaida erfahren. Um wen es sich allerdings bei dem Festgenommenen handelt, wollte der US-Informant nicht sagen. Er schloss aber aus, dass es Bin Laden, sein Stellvertreter al-Zawahiri oder der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom 11. September, Khalid Scheich Mohammed, sei. Auch zu Ort oder Zeitpunkt der Festnahme wollte er sich nicht äußern.

Matthias Gebauer

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