Gescheiterte Integration Sackgasse Sonnenallee
Berlin - Wenn der Gelenkbus der Linie M41 an der Haltestelle Sonnenallee zum Stehen kommt, quellen die Massen aus den Türen. Der Bus federt ein wenig hin und her, wenn die vornehmlich jüngeren Passagiere ihn mit einem kleinen Satz auf den Bürgersteig verlassen.
Das geht so im Zehnminutentakt. Seit acht Uhr.
Denn um acht Uhr öffnen die Türen des parallel zur Haltestelle liegenden, 150 Meter langen Häuserriegels aus rotem Backstein: Das "Jobcenter Neukölln", Deutschlands größte Filiale der Arbeitsagentur mit fast 80.000 zu betreuenden Menschen.
Es ist jetzt kurz vor Mittag an diesem Werktag im Berliner Süden, der für die Wartenden hier in der Sonnenallee 282 keiner mehr ist: Etwa 250 Arbeitslose stehen in einer verschlungenen Schlange an den Empfangsschaltern. Die verteilen sie dann weiter auf die drei Etagen des Hauses, über endlos lange, abgeschubberte Linoleumflure führen die Wege.
Eine klassische Neuköllner Schülerkarriere beginnt in der Grundschule um die Ecke, führt dann zum Beispiel über die seit vergangener Woche deutschlandweit bekannte Rütli-Hauptschule und endet beim Jobcenter in der Sonnenallee. Klassentreffen mal anders.
"Die Jungs hier auf den Schulen haben eh keine Chance auf einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz", sagt Sabine. "Die nehmen Drogen oder sind kriminell". Allein die Mädchen hätten Chancen, "wenn sie nicht mit 16 schon zwei Kinder haben" - und das hätten viele in ihrer Klasse gehabt, erzählt die 21-Jährige, die in Neukölln aufgewachsen, auf die Grund-, Haupt- und Gesamtschule gegangen ist. Nun hofft sie nach abgebrochener Lehre auf eine Übernahme ihrer Miete durch den Staat: "Ich hab' kein Geld mehr, bin schon zum sechsten Mal hier".
Gewalt sei ganz normal an Neuköllner Schulen, die Sache mit der Rütli-Schule überrasche sie nicht: "Die Lehrer setzen sich ja nicht durch." Den Ton in den Hauptschulen geben die Schüler an. "Da musste Dich einordnen", erzählt Sabine, "entweder biste rechts, links oder Ausländer."
Die Perspektivlosigkeit spiele eine große Rolle für die Schüler, Aggressionen seien das Ergebnis des vorgezeichneten Wegs in die Arbeitslosigkeit. "Härtere Lehrer an den Schulen und bessere Chancen nach dem Abschluss", das wünscht sich Sabine, die im Gegensatz zu vielen ausländischen Mitschülern nach der Schule wenigstens einen Ausbildungsplatz als Werkzeugmacherin bekam.
"Wir können ihnen nicht genug Arbeitsplätze anbieten"
Zufällig zur gleichen Zeit debattiert Berlins politische Klasse im Roten Rathaus über die Arbeitsmarktchancen von Einwandererkindern. Die Fachtagung von Sozialwissenschaftlern und Praktikern der Jugendarbeit im Auftrag des Berliner Senats ist seit langem geplant, erhält nun aber auf Grund der Rütli-Debatte eine ganz neue Aktualität. "Eine bessere Zeit hätten wir uns gar nicht aussuchen können", freut sich Moderatorin Eren Ünsal vom Türkischen Bund Berlin-Brandenburg.
Aus den Redebeiträgen entsteht ein deprimierendes Bild der Berliner Situation. So ist der Einwanderer-Anteil in ausgewählten Berufen in den letzten zehn Jahren von acht auf vier Prozent gefallen. Der Anteil der Einwandererkinder, die einen Ausbildungsplatz haben, sinkt stetig. Deutsche Hauptschulabgänger haben noch doppelt so hohe Chancen auf einen Ausbildungsplatz wie ihre Mitschüler aus ausländischen Familien, deutsche Realschulabgänger sogar dreimal so hohe.
Dies lasse sich nicht nur mit schlechterer Qualifikation der Einwandererkinder oder angeblich mangelnder Integrationsbereitschaft erklären, sagt Susanne Ahlers, Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Frauen und Arbeit. "Wir können ihnen nicht genug Ausbildungs- und Arbeitsplätze anbieten", bemerkt sie selbstkritisch. Auch die Vorurteile der deutschen Arbeitgeber spielten eine Rolle.
"Integrationspolitische Herausforderung Nummer Eins"
Der Mangel an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sei die "integrationspolitische Herausforderung Nummer Eins", betont der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening (SPD). Wenn sich hier nichts ändere, seien alle anderen integrationspolitischen Bemühungen nutzlos. Die beiden Senatsvertreter fordern, auch die öffentliche Verwaltung müsse die besonderen Kenntnisse der Einwanderer nutzen. Die Berliner Polizei gehe bereits mit gutem Beispiel voran, die Schulen müssten folgen. Die Sprach- und Kulturkompetenz werde leider häufig als Makel und nicht als zusätzliche Qualifikation erkannt.
Auch die Politikwissenschaftlerin Maria do Mar Castro Varel, selbst einst als Tochter portugiesischer Gastarbeiter nach Deutschland gekommen, beklagt die anhaltende Diskriminierung in Deutschland. Die Bildungsaspirationen der Einwanderer seien generell hoch, aber die deutsche Mehrheitsgesellschaft traue ihnen nicht genug zu. Auch in Arbeitsämtern würden Einwanderer auf bestimmte, schlecht bezahlte Berufe festgelegt. "Die zweite Generation wurde in aufwendigen EU-Projekten zu Raumpflegerinnen qualifiziert", ätzt die Dozentin. Die deutsche Arbeitsmarktpolitik sei nicht "migrantentauglich", meint auch der Experte Klaus Kohlmeyer.
Inzwischen ist Mittag, in der Sonnenallee verteilen sich die Arbeitsamtsbesucher auf "Kebab-Hütte" und "Snack-Attack" gegenüber. Ivo und Ahmed stehen draußen und drehen sich gerade eine Kippe. Auf der Rütli-Schule seien sie gewesen, erzählen die beiden 17-Jährigen. "Nen Abschluss haben wir aber nicht gekriegt", sagt Ivo. Seine Familie stammt aus Kroatien - und davon träumt er jetzt manchmal: "Hier in Neukölln gibt's nur Drogen und Kriminelle, das ist doch scheiße."
Er wolle nicht, sagt Ivo ein bisschen leiser, damit sein Kumpel das nicht unbedingt mitkriegt, "dass meine Kinder später mal hier zur Schule gehen, im Osten isses besser" - und mit "Osten" meint er die Berliner In-Bezirke Friedrichshain und Prenzlauer-Berg. Der nebenstehende Ahmed bekommt es doch mit: "Wie? Woanders hin? Biste bekloppt! Ich kann doch nicht woanders hin, meine Heimat ist Neukölln!"