Griechischer Ex-Premier beim Parteitag: Papandreou bringt den Grünen Glamour - DER SPIEGEL
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Griechischer Ex-Premier beim Parteitag Papandreou bringt den Grünen Glamour

Er ist nur noch Ex-Premier - aber beim Grünen-Bundesparteitag war Georgios Papandreou der Star des Freitagabends. Griechenlands ehemaliger Regierungschef schmeichelte seinen Gastgebern und warnte vor einem entdemokratisierten Europa.
Papandreou mit Özdemir und Roth in Kiel: "Multikulturalismus ist kein dreckiges Wort"
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Papandreou mit Özdemir und Roth in Kiel: "Multikulturalismus ist kein dreckiges Wort"

Foto: Marcus Brandt/ dpa
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Die Zeiten, dass jemand mit großem Tross auf einem Grünen-Parteitag erscheint, sind seit dem Abgang von Joschka Fischer eigentlich vorüber. Wenn der Außenminister und Vizekanzler Fischer bei seinen Parteifreunden vorbeikam, war das mitunter eine große Show: Bodyguards, Mitarbeiter, Aktenträger. Seit die Grünen 2005 aus der Bundesregierung flogen und Fischer hinwarf, ist es damit vorbei. Die Parteioberen Trittin, Künast und Co. hängen wenig glamourös in der Opposition fest. Und einen wie Winfried Kretschmann nervt als baden-württembergischer Ministerpräsident nichts so sehr wie das ganze Brimborium um ihn. Am liebsten führe er immer noch mit der Bimmelbahn ins Büro.

Am Freitagabend, es ist kurz nach 21 Uhr, ist endlich wieder Showtime bei den Grünen. Es zieht ein in die Kieler Parteitagshalle: Georgios Papandreou, der ehemalige Premier Griechenlands. Mehrere Sicherheitsleute, nervös schnatternde Gehilfen, zwei Mitarbeiter der Grünen-Geschäftsstelle an seiner Seite.

Die Grünen hatten ihn nach Kiel eingeladen, da war er noch im Amt, niemand rechnete damals mit seinem Erscheinen auf dem Parteitag. Nun ist Papandreou wirklich da, wenn auch als Ex-Premier. Ein Star ist er hier noch immer.

Außerdem: Wer könnte bei den Grünen zum Thema Europa kundiger referieren als der Mann, der sein Amt gerade dem Verbleib Griechenlands in der Währungsunion geopfert hat? Papandreou ist so etwas wie der lebende europäische Beweis dafür, dass man Politik ganz und gar machen muss. So etwas liebt man bei den Grünen.

Dass Papandreou ein Roter ist, sogar Vorsitzender der Sozialistischen Internationalen - geschenkt. Zumal der Mann aus Athen so höflich ist, dass er seinen Gästen mehrfach schmeichelt. Fraktionschef Jürgen Trittin haut Papandreou zur Begrüßung auf die Schulter, die Parteivorsitzende Claudia Roth fällt ihm um den Hals.

Nun allerdings muss Papandreou erst einmal am Vorstandspodium Platz nehmen und zuhören. Es spricht sein Freund Cem Özdemir, der Parteivorsitzende. Die beiden kennen sich seit langem, Özdemir hat den Auftritt Papandreous eingefädelt. Der Parteichef bringt den Europa-Leitantrag der Grünen ein, er fordert eine klare Linie von der Kanzlerin, spricht sich für Euro-Bonds aus, an den Schluss seiner Rede packt Özdemir ein derbes Bild: "Wenn Europa ein Kreuzfahrtschiff wäre, dann würden wir Europäer schon alle längst kotzend an der Reling hängen, weil Frau Merkel jede Woche das Ruder rumreißt und in eine andere Richtung lenkt." Da muss auch Papandreou lachen, dem eine Dolmetscherin zur Seite sitzt.

Dann darf er ans Pult. Papandreou, dunkelblauer Anzug, blütenweißes Hemd, lila Krawatte, redet in tadellosem amerikanisch gefärbten Englisch, er ist in den USA geboren und hat dort studiert.

Sein Auftritt erinnert vielleicht auch deshalb ein klein bisschen an den US-Präsidenten. Er hat nicht die rhetorischen Fähigkeiten Barack Obamas, aber er hat seinen Sound, es sind die gleichen Kernvokabeln. Worte wie "mehr Demokratie" und "Einigkeit" und "Respekt". Erst mal allerdings bedankt er sich bei Deutschland für die Solidarität mit Griechenland. Das müssten die Deutschen nicht bedauern. Die Investition in Griechenland sei "eine Investition in die Zukunftshoffnungen der Griechen", sagt Papandreou.

Griechenland sei kein schwaches Land, aber ein lange Zeit schwach regiertes. Und das, so viel räumt er ein, hätte auch sein Kabinett nicht umdrehen können. Griechenland müsse sich grundsätzlich verändern, fordert Papandreou. Das allerdings könne sein Land nur als Mitglied im Euro-Raum. Die Haushaltseinsparungen leisteten dazu einen wichtigen Beitrag, "aber das wird nicht reichen".

Papandreous Plädoyer: Nicht nur Griechenland, ganz Europa müsse umgebaut werden - "über eine grüne Wachstumsrevolution". Klar, dass ihn die etwa 850 Delegierten dafür bejubeln. Erst recht für seine Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer, eine Bankenabgabe und Euro-Bonds. Da ist er ganz auf Grünen-Linie. Auch seine grundsätzliche Warnung kommt gut an. Europa habe ein "Demokratiedefizit", er spricht von einer "Gefahr für die Demokratie". Entscheidungen würden zunehmend von wenigen mächtigen Akteuren getroffen, sagt Papandreou. Das wird wohl auch deshalb heftig beklatscht, weil viele im Saal dabei an die ungeliebte deutsche Bundeskanzlerin denken.

Und schließlich wärmt er die Grünen-Seele, wie es zwei Claudia Roths nicht vermocht hätten. Nein, ruft Papandreou, "Multikulturalismus ist kein dreckiges Wort." Der Beifall wird richtig laut. Europa könne nur funktionieren, wenn man die Andersartigkeit des Einzelnen akzeptiere, sagt er.

Ein Blumenstrauß zum Abschied, dann muss Papandreou wieder los. Sein Tross stoppt noch für ein paar Handyfotos auf dem Weg zum Ausgang, dann steigt er vor der Halle in eine dunkle Limousine.

Genug Glamour, am Samstag kommt Winfried Kretschmann.