Heimreise der "Gorch Fock": Kadetten sollen Klettern am Übungsmast trainieren - DER SPIEGEL
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Heimreise der "Gorch Fock" Kadetten sollen Klettern am Übungsmast trainieren

Die "Gorch Fock" ankert vor Kiel: Nach einer Südamerika-Reise voller Negativschlagzeilen ist das Schulschiff der Marine wieder zu Hause. Die Bundeswehr zieht jetzt erste praktische Konsequenzen aus dem Tod einer 25-jährigen Kadettin - und führt neue Ausbildungsmethoden ein.
"Gorch Fock" am Donnerstag: Das Segelschulschiff erreicht die Kieler Bucht
"Gorch Fock" am Donnerstag: Das Segelschulschiff erreicht die Kieler Bucht

"Gorch Fock" am Donnerstag: Das Segelschulschiff erreicht die Kieler Bucht

Foto: dapd
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Hamburg - Das in die Kritik geratene Marine-Segelschulschiff "Gorch Fock" hat die Kieler Bucht erreicht. Am Donnerstag traf der Dreimaster am Vorort Strande ein. "Das Schiff liegt dort vor Anker", sagte Marinesprecher Achim Winkler. Die Stimmung sei "ausgesprochen gut und gelöst". Grund zur Freude gibt es eigentlich wenig: Die achteinhalbmonatige Südamerika-Fahrt wurde vom Unfalltod einer Kadettin und Schlagzeilen über angebliche Schikane und unwürdige Rituale an Bord überschattet.

Marine-Inspekteur Axel Schimpf stieg am Vortag in der dänischen Hafenstadt Frederikshavn zu und führte Gespräche mit allen 181 Mitgliedern der Stammbesatzung und der Segelcrew. Offiziersanwärter sind nicht mehr Teil der Besatzung, nachdem ihre Ausbildung wegen des Todes der 25 Jahre alten Kadettin abgebrochen worden war.

Die Affäre um die "Gorch Fock" hatte nach dem tödlichen Sturz von Sarah Lena S. aus der Takelage des Segelschulschiffes begonnen. Sie war am 7. November vergangenen Jahres im brasilianischen Hafen von Salvador da Bahia aus 27 Meter Höhe auf Deck gestürzt.

Training in der Takelage

Die Marine zieht nun erste Konsequenzen aus dem tödlichen Unfall: Auf dem Gelände der Marineschule in Flensburg-Mürwik soll möglichst noch in diesem Jahr eine knapp 30 Meter hohe Mastanlage gebaut werden, auf der die Offiziersanwärter das Aufentern in die Takelage von Segelschiffen üben können. "Wir wollen die kritischen Stellen, die an Bord ohne befestigte Sicherungsleine überwunden werden müssen, möglichst getreu nachbilden", sagte Flottillenadmiral Thomas Ernst der "Welt".

Mit so einer Anlage könne man auch viel besser kontrollieren, ob die angehenden Marine-Offiziere möglicherweise unter Höhenangst leiden. Bisher wird das nur durch ärztliche Untersuchungen geprüft.

Nach dem Tod der jungen Frau waren Vorwürfe laut geworden, an Bord würden Kadetten drangsaliert. Daraufhin hatte der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) den Kommandanten Norbert Schatz suspendiertund eine Untersuchungskommission auf das Schiff geschickt. Mehrere Kommissionen beschäftigen sich mittlerweile mit dem Unfall, mit möglichen Gründen für den tödlichen Sturz und mit Konsequenzen für die Ausbildung. Auch die Zukunft der "Gorch Fock" als Segelschulschiff steht infrage.

Alkoholexzesse, umstrittene Äquatortaufe

Verteidigungsminister Thomas de Maizière kündigte an, der Abschlussbericht seines Ministeriums zu den Vorfällen auf dem Segelschulschiff werde bis Juni vorliegen. Das geht aus einem Schreiben des Ministers an den Verteidigungsausschuss des Bundestags hervor. Laut de Maizière soll in den Abschlussbericht die Entscheidung der Kieler Staatsanwaltschaft zum Tod der Offiziersanwärterin einfließen.

Außerdem sollen darin der noch ausstehende Bericht des Havariebeauftragten der Marine sowie der bereits vorliegende Bericht einer Untersuchungskommission der Marine Berücksichtigung finden. Ermittlungen der Kieler Staatsanwaltschaft zum tödlichen Sturz der Kadettin sollen noch diesen Monat abgeschlossen werden. Eine Havarieverhandlung ist für den 24. und 25. Mai angesetzt.

Konkret geht es um Vorwürfe, die Schlagzeilen machten: Von sexueller Nötigung, überzogenem Drill, Alkoholexzessen, Führungsdefiziten, einer Karnevalsfeier kurz nach dem Tod der Kadettin oder auch von einer Wanne voller angeblich verdorbener Lebensmittel bei einer Äquatortaufe war die Rede.

Eine Marine-Kommission hatte bereits in einem 98-seitigen Bericht Angaben über Schikane und Ekel-Rituale an Bord weitgehend entkräftet. Darin wird auch der suspendierte Kommandant Schatz weitgehend entlastet. Allerdings hat sich das Verteidigungsministerium von dem Bericht ausdrücklich distanziert.

Bleibt die "Gorch Fock" im Einsatz?

Unterdessen verstärken sich die Signale, dass die "Gorch Fock" Marine-Ausbildungsschiff bleiben könnte. FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff erklärte am Donnerstag, es gebe in den Fraktionen eine Tendenz zum Erhalt der Institution "Gorch Fock"" innerhalb der Marine. "Voraussetzung ist aber, dass alles dafür getan wird, dass das Schiff aus den Schlagzeilen kommt", sagte Hoff der "Leipziger Volkszeitung". Im Verteidigungsausschuss gibt es eine klare Mehrheit zugunsten des Schiffs.

Zuletzt äußerte sich auch der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus positiv: Er habe sich überzeugen lassen, dass bei der Segelausbildung besondere seemännische Fähigkeiten vermittelt werden und eine Charakterformung stattfindet, die anders gar nicht oder nur schwer zu erreichen wäre. Eine Kommission soll von nächster Woche an die Ausbildung bewerten und Verbesserungen vorschlagen.

Schul-Kommandeur Ernst kündigte in der "Welt" an, dass die Dreimast-Bark nicht vor Januar 2012 wieder zu einer Ausbildungsreise in See stechen werde. Für den kommenden Jahrgang, der am 1.Juli anfange, seien die Lehrpläne bereits umgestellt worden. "Bei der nächsten Ausbildungsfahrt wird auf jeden Fall der Anteil der Offizieranwärter an Bord erhöht", sagte Ernst. Künftig solle nicht wie bisher ein Drittel eines Jahrgangs an Bord gehen, sondern jeweils die Hälfte, was rund 120 Rekruten wären. "Dann hat die Crew eine bessere Gelegenheit, sich auf sich selbst zu konzentrieren und zusammen zu wachsen", sagte der Flottillenadmiral.

Die "Gorch Fock" kommt unter dem Kommando von Michael Brühn zurück. Die Entscheidung Guttenbergs, Brühns Vorgänger Schatz zu entlassen, war in der Marine ebenso auf Kritik gestoßen wie der Abbruch der Ausbildung. Welche Aufgabe der zum Marineamt in Rostock abkommandierte Schatz künftig übernehmen wird, ist offen.

Am Freitag wird der Dreimaster im Heimathafen Kiel festmachen. Es wird ein Riesenandrang erwartet: 1500 Angehörige, Freunde und Kollegen wollen kommen, 80 Journalisten haben sich akkreditiert. Zur Begrüßung wird das Marinemusikkorps "Gruß an Kiel" und "In the Navy" spielen. Die Marine geht davon aus, dass zahlreiche Boote den Segler auf seiner letzten Etappe von Strande nach Kiel begleiten werden. Auch Schleswig-Holsteins FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki will dem Schiff an Bord seines Motorbootes entgegen fahren und es beim Einlaufen in den Hafen begleiten.

amz/dpa/dapd