Henning Scherf: Bremens Menschenfischer - DER SPIEGEL
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Henning Scherf Bremens Menschenfischer

Henning Scherf, Chef der dienstältesten großen Koalition in einem Bundesland, hat sich entschieden: Verliert die SPD in Bremen am Sonntag die Mehrheit des Senats, steht er für ein politisches Amt in dem Stadtstaat nicht mehr zur Verfügung. Damit würden die arg gebeutelten Sozialdemokraten eines ihrer beliebtesten Mitglieder verlieren.
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Bremen - Es kann einem schon Angst und Bange werden, wenn er auf einen zustürmt, sein breites Lächeln mit den großen Zähnen aufsetzt und die langen Arme ausbreitet. Wenn der Zwei-Meter-Mann kommt, der alles herzt, was ihm unter die Pranken kommt. "Oma-Kuschler" oder "Henning, der Knutscher" wird Bremens Bürgermeister Henning Scherf halb spöttisch, halb bewundernd von Kritikern wie Parteifreunden genannt.

Der hünenhafte SPD-Mann selbst stellt sich meist mit "Tach auch, ich bin ihr Bürgermeister" seinen Bürgern vor. Und er verkörpert dabei fast perfekt das Klischee des bürgernahen Politikers: Statt Dienstwagen nutzt er sein Fahrrad und verzichtet auf Bodyguards und Chauffeur. Selbst die CDU-Anhänger in Bremen wünschen sich Scherf häufiger zum Bürgermeister als ihren eigenen Kandidaten Hartmut Perschau.

Dabei war der 64-jährige lange Jahre als SPD-Linker bekannt und mit seinem von christlichen Motiven geleitetem Engagement oft sogar für die eigene Partei unbequem. Mit seinem Einsatz als Kaffeepflücker im sandinistischen Nicaragua sorgte er für Aufregung oder mit dem - sofort dementierten - Wunsch, US-Präsident Ronald Reagan möge der Krebstod ereilen. Noch Anfang der neunziger Jahre produzierte er Schlagzeilen mit Vorschlägen zu einem "öko-sozialen Gesamtkonzept", die damals nicht einmal Oskar Lafontaine für finanzierbar hielt.

Als 1995 die Ampel-Koalition in Bremen zerbrach, trauten denn auch die wenigsten dem promovierten Juristen den pragmatischen Kompromisskurs mit der CDU zu. Denn Scherf war als überzeugter Anhänger von Rot-Grün bekannt und gegen die Große Koalition. Im völlig überschuldeten Bundesland entwickelte er sich zum harten Sanierer, der nach praktischen, wirtschaftlichen Lösungen sucht und diese im Konsens durchsetzen will.

Dabei macht Scherf in Bremen vor, was in der Bundespolitik derzeit undenkbar scheint: Statt gegenseitiger Anfeindungen arbeiten CDU und SPD eng zusammen. Selbst jetzt im Wahlkampf wollen die beiden Spitzenkandidaten kein böses Wort übereinander verlieren. Er sehe Scherfs Kompetenzen, man sei ein "gutes Herrendoppel" sagt CDU-Frontmann Perschau über seinen Rivalen. Und Scherf redet von dem "guten Arbeitsklima" und den fehlenden Feindseligkeiten - "trotz schwieriger Arbeit".

So einig sind sich die beiden Kandidaten, dass in dem bisher eher trägen Wahlkampf zwei Themen auch gar nicht erst angesprochen werden: Die Verschuldung des kleinen Bundeslandes, die trotz der harmonischen Zusammenarbeit in den letzten Jahren von 8,7 auf 9,7 Milliarden Euro angewachsen ist, und dem momentan wenig Erfolg versprechenden Einfluss der Bundes-SPD.

Denn es ist nicht der CDU-Spitzenkandidat, der dem Bremer Bürgermeister Sorgen macht. Es ist Gerhard Schröder, der Spitzenmann aus Berlin. Der könnte mit seinen umstrittenen Reformplänen dafür sorgen, dass die SPD die Mehrheit in der Hansestadt verliert. Henning Scherf ist deshalb auf Abstand gegangen zu dem Mann, dem er mit seinem schonungslosen Pragmatismus so ähnlich ist. Schröder kam zu einem kurzen Wahlkampfauftritt, reden durfte er allerdings nicht. "Ich habe mit dem Bundeskanzler fröhlich und offen darüber gesprochen", sagt Scherf dazu. "Wir haben uns verständigt und es ist auch gutgegangen." Ansonsten meidet Scherf alles, was irgendwie nach Agenda 2010 oder Tabaksteuer riecht.

Scherf will eine Mehrheit der SPD, um seine Große Koalition weiterzuführen. Und er macht seine politische Zukunft vom Wahlausgang abhängig: Weder will er als Vize das Bündnis weiterführen, noch mit einer rot-grünen Koalition weiter Bürgermeister bleiben. "Wer mich im Rathaus will, muss SPD wählen", ist deshalb sein Credo. Ob es klappt, ist derzeit ungewiss.

Sollte die CDU am Sonntag mehr Stimmen bekommen als die SPD, will Scherf in den Ruhestand gehen und die Dinge anderen überlassen. Das heißt Rathaus oder Rente, Politik machen oder Segeln gehen. In Berlin würde man seinen Abgang bedauern. Dort werden seine ausgleichenden Talente als Mit-Vorsitzender des Vermittlungsausschusses geschätzt. Allen bundespolitischen Ambitionen gegenüber zeigt sich Scherf bislang wenig zugeneigt: "Das könnt ihr euch abschminken, das Bremer Rathaus wird mein letztes großes politisches Amt sein."