Hessen-SPD Ypsilanti schmollt im Mainzer Wohlfühlexil
Mainz - Dann platzt es doch aus ihr raus. Eigentlich hatte Andrea Ypsilanti sich fest vorgenommen, keine Medienschelte zu betreiben. Sie habe schließlich als Politikerin lernen müssen: "Das macht man nicht."
Aber die hessische SPD-Chefin ist hier bei einem Journalisten-Forum, dem "Mainzer Mediendisput", das Thema lautet "Finanz-Macht und Demokratieverfall" - also macht sie eine Ausnahme. Die Berichterstattung über sie sei "sehr verletzend" gewesen, es werde kaum noch recherchiert und "die Grenzüberschreitungen im Umgang mit Politikern sind nicht mehr zu akzeptieren".
Ypsilanti: "Grenzüberschreitungen im Umgang mit Politikern"
Foto: Getty ImagesUmso mehr freue sie sich, bei dieser Veranstaltung dabei zu sein, sagte Ypsilanti strahlend. Sie wolle helfen, den "kritischen Journalismus" zu stärken, sagt sie. Das sei "bitter, bitter nötig".
Spätestens jetzt müsste der Moderator protestieren. Thomas Leif ist Chefreporter des Südwestrundfunks (SWR) und Vorsitzender vom "Netzwerk Recherche" - einer Gruppe, die sich die Sicherung der Qualität im Journalismus auf die Fahnen geschrieben hat. Solche Aussagen einer Interviewpartnerin, einer Politikerin noch dazu, müssten den SWR-Mann eigentlich zu lautstarkem Protest bewegen.
Doch Leif bleibt stumm. Ebenso wie in den vorherigen 30 Minuten, als er versäumte, Ypsilanti von einer beispiellosen Selbstmitleidsarie abzuhalten - frei nach dem Motto: Alle tragen Schuld an der gescheiterten Machtübernahme, nur sie nicht. Bereits zu Beginn des Gesprächs, wurde offensichtlich, warum Ypsilanti die Einladung liebend gerne angenommen hatte.
Ypsilanti antwortet "Herrn Leyendecker"
Von Leif hatte sie keine bohrenden Fragen nach ihrem eigenen Versagen, ihrer politischen Zukunft oder ihrer Schuld am Niedergang der hessischen SPD zu erwarten. Nicht einmal, dass sie den Moderator beharrlich mit "Herr Leyendecker" anredete, schien diesen zu stören. Hans Leyendecker, Journalist von der "Süddeutschen Zeitung" und Vizevorsitzender des "Netzwerks Recherche", ist zwar zugegen, am Gespräch selbst aber nicht beteiligt.
Schade eigentlich. Denn sicherlich wären ihm weit kritischere Fragen eingefallen als Leif. Der zeigte großes Verständnis für Ypsilantis Situation. Sie habe so viel erlitten, ob es ihr nicht irgendwann alles zu viel geworden sei? Im Januar habe sie doch einen "respektvollen Sieg" eingefahren. Aber vielleicht komme sie aus der aktuellen Niederlage ja "gestählt" heraus - und gewinne sogar an Charisma?
Nein, es prasselt nicht gerade ein Feuerwerk kritischer Fragen auf die Hessin ein. Also kann sie die Chance nutzen, noch einmal in Ruhe ihre Version der Geschehnisse von Anfang November zu schildern. Sie habe Dutzende von Vier-Augen-Gesprächen mit allen Abgeordneten geführt - die SPD-Rebellinnen Carmen Everts und Silke Tesch, die zusammen mit Jürgen Walter und Dagmar Metzger die Wahl Ypsilantis zur Chefin einer Minderheitsregierung verhinderten, bestreiten das.
Ypsilanti sagt: Walter, ihr Ex-Vize, habe ihr noch kurz vor seinem Dolchstoß versichert, sie auf jeden Fall zu wählen. Dass er sich, ebenso wie die beiden Frauen, daran nicht halten würde - dafür habe ihre Phantasie nicht ausgereicht.
"Unappetitliche Geschichten" in der Presse
Wie Everts und Walter bei einem Auftritt in Frankfurt am vergangenen Donnerstag ist auch Ypsilanti zu keiner Selbstkritik bereit. Die Dissidenten hätten "sehr, sehr unfair" gehandelt, sagt sie. "Sprach- und fassungslos" sei sie gewesen - vor allem, weil sie anscheinend als letzte von der Entscheidung der Vier erfahren habe.
Die Boulevardmedien hätten "unappetitliche Geschichten" verbreitet. Und ihr Vorgänger Gerhard Bökel? Da solle sich jeder sein "eigenes Urteil bilden", sagt Ypsilanti säuerlich. Bökel hatte die vier Rebellen in ihrem Vorgehen unterstützt und fordert nun den Rücktritt der SPD-Chefin von allen Ämtern.
Beim politischen Gegner sorgte Ypsilantis Auftritt für belustigtes Kopfschütteln. Der Parlamentarische Geschäftsführer der hessischen FDP, Florian Rentsch, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Das ist peinliches Gejammer. Ypsilanti sucht weiter nach der Fata Morgana, die ihr die Niederlage eingebrockt hat." Sie wolle nicht akzeptieren, dass sie "selbst für den Niedergang der hessischen SPD verantwortlich" sei.
Einen möglichen, vorzeitigen Abgang schließt Ypsilanti weiter aus. Sie sagte, sie "gehöre nicht zu denen, die vorzeitig die Flinte ins Korn werfen". Außerdem fühle sie sich weiterhin ihren Wählern verpflichtet. Ebenso gebe es in der Partei "den Wunsch, dass ich weitermache".
"Also wollen sie nicht aufgeben?", hakte Leif plötzlich einmal nach. Davon scheinbar total überrascht, antwortete Ypsilanti: "Das werden wir nach der Wahl sehen."