Hessen-Wahl Bökels Krieg
Was für ein Wandel. Als Hessens SPD Anfang Januar in Kassel ihren Wahlkampf startete, erlebte der Ehrengast Gerhard Schröder ein Debakel. Die Stadthalle war nicht gefüllt, Parteinachwuchs kaum zu sehen und die Stimmung mau. Die SPD dümpelte im Stimmungstief - sogar bei ihren eigenen Genossen.
Zwei Wochen später, das krasse Gegenteil. Hessenhalle Gießen, eine nüchterne Messehalle etwas außerhalb der mittelhessischen Stadt. Der riesige Saal ist bis auf den letzten Stehplatz gefüllt, dicht an dicht drängeln sich Vertreter aller Generationen. Schilder mit der Aufschrift "Bökel wählen!" werden geschwungen. Die SPD ist wieder wach.
Wachgerüttelt wurde sie von Donald Rumsfeld und George W. Bush. Tags zuvor hatte der US-Verteidigungsminister die Deutschen "als Problem" bezeichnet und damit auf den friedenssturen deutschen Bundeskanzler gezielt. Nun wird Schröder umjubelt, der die SPD als konsequente Friedenspartei preist: "Wir wollen nicht zulassen, dass Krieg wieder ein Mittel der Politik wird". Die Zustimmung im Saal ist gewaltig - durch die säbelrasselnden Amerikaner hat die Sozialdemokratie ihre pazifistische Identität wieder entdeckt.
Das Kriegsthema bewegt die Menschen wie kein anderes - und Hessens glückloser SPD-Spitzenkandidat Gerhard Bökel greift zu wie zum letzten Strohhalm. "Kein Krieg im Irak!" wirbt seine Partei seit letzter Woche auf Plakaten und in Zeitungsanzeigen. In weißer Schrift auf rotem Grund wird für "Strategien für den Frieden und nicht für den Krieg" Reklame gemacht. Und die Reden des 56-jährigen Rechtsanwalts Bökel münden allzu gerne in seiner Lieblingsparole: "Wir sind nicht die Befehlsempfänger von Donald Rumsfeld und George Dabbelju Bush". Der Beifall ist groß - aber selbst Genossen drängt sich die Frage auf: Ist dies eigentlich das Thema einer Landtagswahl?
Der geübte Hammerwerfer Bökel lässt sich die Zuversicht nicht nehmen. Vor zwölf Jahren hat Kriegsangst schon einmal eine verloren geglaubte Wahl für Hessens SPD entschieden. Als der erste Golfkrieg ausbrach, wurde SPD-Mann Hans Eichel überraschend hessischer Ministerpräsident und löste den CDU-Ministerpräsidenten Walter Wallmann ab. Doch an die Wiederholung eines solchen Wunders zu glauben, dazu gehört der unerschütterlicher Zweckoptimismus, der Bökel prägt. Unverdrossen lautet der Titel seiner Wahl-Homepage "www.wahlsieg2003.de".
Etwas verzweifelt wirkt Bökels Kampfesmut. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) wird ein Vorsprung von bis zu 20 Prozent prognostiziert. Bökel dagegen kennen nur 61 bis 67 Prozent der hessischen Wähler, heißt es in jüngsten Umfragen. Der ehemalige Innenminister Hessens hat sich seit 1999 zwar durch alle Parteiniederungen hindurch Rückendeckung verschafft, aber ist in der breiten Wählerschaft ein Unbekannter geblieben. Überdies haben sich die meisten Medien auf das Fernduell der potenziellen Kanzlerkandidaten Koch (in Hessen) und Gabriel (in Niedersachsen) konzentriert. Da findet ein Gerhard Bökel keine öffentliche Bühne.
Dabei ist der Urhesse eigentlich ein SPD-Kandidat aus dem Bilderbuch. In Nordhessen geboren, in Mittelhessen als Landrat zu Hause, hat er in Südhessen Karriere im Landtag gemacht. Er wirkt unkompliziert, volksnah, herzlich und bodenständig und ist im Sommer auch mal in Sandalen unterwegs. Bökel ist kein Schaumschläger, sondern ein zurückhaltender Mann, dem nicht viel an Selbstinszenierung liegt. Daher muss sein Wahlkampfstab auch gedacht haben, er könne allein mit hessischer Sachpolitik überzeugen. Für 500 neue Ganztagsschulen sollte Bökel stehen, für weniger Jugendarbeitslosigkeit, mehr Mitbestimmung und mehr Moral. Doch das Stimmungstief der Bundes-SPD überdeckte all das.
Nicht einmal die holzschnittartigen Versuche seiner Wahlkampfstrategen, Roland Koch als langnasigen Lügenbaron zu verkaufen, zündeten. Zwar wird immer noch hartnäckig versucht, Kochs Unglaubwürdigkeit in dessen Regierungsbilanz nachzuweisen. So sei dessen versprochene Unterrichtsgarantie ein Schuss in den Ofen, die Kriminalstatistik geschönt, die Wirtschaftsbilanz unehrlich und Kochs Schwarzgeldaffäre immer noch nicht aufgeklärt. Doch Bökels Argumentation, dass die Regierung nur "durch Tarnen und Täuschen" Erfolg habe, verpufft, da im Wahlvolke ähnliches derzeit über die Bundespolitik gedacht wird. Das hat Bökels Munition nass gemacht.
Nüchtern hat er auf die Frage einer mittelhessischen Zeitung reagiert, den Ausgang der Wahl zu tippen. "Ein Drittel der Wähler ist noch unentschlossen. Deshalb tippe ich nicht. Jetzt heißt es Überzeugungsarbeit leisten". Aber wen will er überzeugen, wenn ihn keiner kennt?
Nicht einmal das jubelnde Publikum in Gießen war von einer Wende zu Bökels Gunsten überzeugt. "Der ist mir vorher nie aufgefallen", sagte einer im Publikum. Noch niederschmetternder die Antwort seines Gesprächspartners: "Den hab ich hier zum ersten Mal gesehen."