Illegale Einwanderer: Bataars Odyssee durch Deutschland - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Illegale Einwanderer Bataars Odyssee durch Deutschland

Er wollte studieren und ist auf Baustellen gelandet. Für einen Hungerlohn schleppte er Betonsäcke und Steine. Elf Jahre lang lebte und arbeitete Shileg Bataar in Berlin. Jetzt wird er abgeschoben - und ist sogar froh darüber.
Von Antonia Götsch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Shileg Bataar lebt seit einem Monat mit fünf anderen Männern in einer Zelle. In wenigen Tagen wird er in seine Heimat, die Mongolei, abgeschoben. Er sagt: "Es ist gut so."

Der Besuchsraum, den man nur durch einen Metalldetektor betreten darf, ist kahl. Die viereckigen weißen Tische sind durchnummeriert. An Tisch Nummer 2 weint eine Frau, an Tisch 7 hält eine 17-Jährige die Hand ihres eingesperrten Freundes. Kunstdrucke mit Landschaften und ein an die Wand gemaltes Segelboot sollen den Raum etwas gemütlich machen, aber die Bilder verblassen zwischen weißen Deckenplatten, Neonlicht und Linoleum. An Tisch Nummer 5 sitzt Bataar. Dass die Polizei ihn gefasst hat, ist fast eine Erleichterung für ihn: "Seit elf Jahren lebe ich illegal in Deutschland. Ich habe immer gearbeitet und ich habe nichts." Der 30-Jährige wirkt jugendlich, die kurzen Haare hat er mit Gel stachelig aufgestellt. Mit dem geringelten Wollpulli und den blauen Jeans würde er gut auf einen Universitätscampus passen.

Unzählige Jobs, ein Bandscheibenvorfall, mehr als 50 Wohnungen, das ist die Bilanz seines Schattenlebens in Berlin. Das Geld hat immer gerade so zum Leben gereicht. "Wenn ich jetzt zurück in die Mongolei komme, dann mit nichts als meinen Klamotten, meiner Frau und meinem Kind."

Arbeiten zum Überleben

Mit 19 Jahren kam er nach Deutschland. Er wollte erst arbeiten, dann studieren. "Ich hatte einen Koffer, ein 14-tägiges Visum und die Adresse eines ehemaligen Nachbarn aus dem Heimatdorf dabei", erzählt der Mongole. Der erste Job: Zeitungsverkäufer. "B.Z. und Tagesspiegel", berichtet Bataar lachend. Die ersten Monate in der Fremde waren aufregend und voller Hoffnung. Er unterbricht seinen Lebensbericht kurz. Das Kleinkind von Tisch Nummer 3 zieht an seinem Stuhl. "Kein Platz für Kinder", sagt er. Die Spielecke besteht aus alten Turnmatten und dreckigen Kuscheltieren.

Zum Studieren kam der Einwanderer nie. Arbeiten fürs Überleben, immer von der Hand in den Mund. In einer guten Woche konnte Bataar 200 Euro verdienen, dann gab es wieder Tage, an denen er keine Beschäftigung fand. "Schließlich habe ich meine Frau kennen gelernt und ein Kind bekommen, da habe ich natürlich noch mehr Geld gebraucht."

Mauern, spülen, kochen, immer für vier bis fünf Euro die Stunde. Er hat alle Jobs angenommen. "Das nehme ich mit nach Hause", sagt er. "Ich kann ein ganzes Haus bauen und kenne alle Bereiche der Gastronomie." Im Abschiebegefängnis macht er täglich Hantel-Training. Eine Stunde turnt er mit gefüllten Colaflaschen - gegen den kaputten Rücken. "Ihr gebt uns immer nur die schwersten Arbeiten", sagt er, nicht klagend, sondern als wäre dieser Umstand ein Naturgesetz. Nach neun Jahren Schwerstarbeit hat sein Körper rebelliert.

Binnen 24 Stunden wieder raus aus dem Krankenhaus

Bataar ist klein und drahtig, er passt von der Statur her eher ins Büro als auf die Baustelle. "Ein Glück wusste ich damals, als mein Rücken so schmerzte, wo ich Hilfe bekomme. Ich war ja schon lange in Berlin", erklärt Bataar. Er kannte das Büro für medizinische Flüchtlingshilfe in Berlin-Kreuzberg, das Patienten ohne Papiere an Ärzte vermittelt, die sie anonym und gebührenfrei behandeln. Zusätzliche Kosten, zum Beispiel für Röntgenbilder oder eine Brille, werden über Spendengelder finanziert. Bataar holte sich trotzdem erst Hilfe, als er sich kaum noch bewegen konnte.

"Ich bin häufig schockiert von der Leidensfähigkeit der illegalen Einwanderer", sagt Adelheid Franz von der Malteser Migranten Medizin. Aus Angst vor Entdeckung und den Kosten suchten viele erst spät Hilfe. "Ich hatte kürzlich einen Patienten der kam mit einem faustgroßen Abszess am Bauch. Zuerst war das nur ein kleiner Pickel, aber der Patient hat wochenlang nichts unternommen. Als ich den Abszess rausgeschnitten hatte, reichte das Loch bis zur Muskeldecke."

Ein afrikanischer Flüchtling kam mit einem entzündeten Fuß in die Praxis - viel zu spät, einer Amputation entging er nur knapp. Auch die Schwangere, die zum ersten Mal im Wartezimmer der Malteser sitzt, ist schon in der 26. Woche. Wahrscheinlich wird sie ambulant entbinden und die Klinik binnen 24 Stunden wieder verlassen. So ist es am billigsten. "Die Beratung bei mir ist kostenfrei, aber wenn wir die Patienten an andere Ärzte und Kliniken überweisen, müssen sie wenigstens einen Teil der Kosten tragen. Jeder, soviel er kann", erklärt Franz.

Bataar ist zwei Tage nach seinem Bandscheibenvorfall wieder auf den Bau gegangen. Er hat freundlich gelächelt und Fleiß demonstriert. Das sei wichtig für Illegale. Immer hart ranklotzen, damit der Chef einen behalten will. "Manchmal habe ich erst nach der Probezeit gesagt, dass ich keine Papiere habe. Viele haben mich dann trotzdem genommen, weil sie zufrieden waren", berichtet er. Die Unternehmer, die ganz gezielt Illegale einstellten, zahlten in der Regel die schlechtesten Löhne.

"Manche haben auch versucht den Lohn am Ende zu drücken oder einfach gar nicht bezahlt." Darum hat sich Bataar wenn es ging Papiere von legalen Landsleuten ausgeliehen, meist von Studenten. Die Arbeitgeber haben ihm geglaubt. Sein Deutsch ist ausgezeichnet. "Fast alle Illegalen sprechen gut deutsch", sagt der 30-Jährige. "Anders kommt man gar nicht an die Jobs und ohne Sprachkenntnisse fällt man auch schneller auf."

Alle drei Monate eine neue Wohnung

Auffallen, dass darf man als Illegaler nie, erklärt Bataar. Alle drei Monate ist er mit seiner Frau und dem zweijährigen Sohn umgezogen. "Wir konnten ja nur zur Untermiete wohnen und irgendwann fällt das auf." Möbel hat die Familie nicht. Nur Bettwäsche, einen Fernseher und Anziehsachen. "Als Illegaler zieht man nur mit dem Koffer um." Ein Umzugswagen ist teuer und lenkt die Blicke auf sich.

In elf Jahren hat sich Bataar nicht an dieses reduzierte Leben aus dem Koffer gewöhnen können, er wünscht sich ein Zuhause. "Für mich war die Illegalität immer ein Provisorium", sagt er. Ein Provisorium, das jeden Tag aufs Neue begann. "Ich habe schon längst daran gedacht in die Mongolei zurückzukehren, aber mir hat das Geld gefehlt". Auch die Angst vor Entdeckung sei mit der Zeit nicht kleiner geworden. Am Wochenende, wenn Bataar Zeit für sich hatte, konnte er sich kaum entspannen, weil ihn die Sorgen plagten.

Als schließlich die Polizei am 11. Februar kam, feierten Bataar und seine Frau gerade mit Freunden das mongolische Neujahrsfest Tsagaan Tsar. Die Polizisten haben einen Gast verfolgt, glaubt Bataar. "Vielleicht hat aber auch einer aus dem Haus was gesagt." Alle mussten ihre Papiere zeigen, er wurde in Abschiebehaft genommen. Bataar zeigt zum Nachbartisch, dort sitzt ein Freund. "Er war auch dabei. Und noch zwei andere Freunde, die sind schon vor einer Woche ausgeflogen worden." Eigentlich soll Tsagaan Tsar Glück bringen. "Wir sagen: die weißen Tage. Aber für uns waren sie schwarz." Seine Frau, die ihren Aufenthaltstitel als Studentin schon vor drei Jahren verloren hat, bekam eine Duldung, bis alle Papiere zusammen sind. Sie muss ja das Kind versorgen.

"Ich bin traurig, dass ich weg muss. Berlin ist auch meine Heimat", sagt Bataar. Aber: "Ich hätte doch nicht noch einmal zehn Jahre so weitermachen können: keine Rente, kein Zuhause, keine Zukunft und kaputte Knochen."

Er will sein Einreiseverbot beachten und nicht wiederkommen. "Ich bin vergleichsweise alt, wenn ich jetzt anfange mir eine Existenz aufzubauen. Aber vielleicht noch nicht zu alt", sagt Bataar. In der Mongolei habe sich in elf Jahren vieles verändert. "Alles ist moderner und offener geworden. Das weiß ich aus mongolischen Tageszeitungen." Ab und zu hat er auch mit seiner Familie gesprochen. Nur kurz, weil die Münzen so schnell durch das öffentliche Telefon rasselten. Der Wärter sieht kurz aus seinem Buch auf und ruft: "Tisch 5 - noch fünf Minuten."

Ob seine sieben Geschwister ihn wieder erkennen? Die Jüngsten waren in der Grundschule, als er sein Bergdorf im Süden der Wüste Gobi verließ. Die Eltern wohnen jetzt in einem Haus aus Stein. Bataar ist in einer Jurte aufgewachsen. Mit einem offenen Herd, ohne Spülklosett und Wasseranschluss. Rundherum nur die Berge, bedeckt mit borstigem Gras und grünen Flechten. "Die Männer bei uns haben alle im Bergbau gearbeitet, auch mein Vater", schildert Bataar. In den Tälern reihte sich Acker an Acker - Landwirtschaft oder ein Leben unter der Erde, mehr Perspektiven gab es nicht. "So könnte ich nicht mehr leben", sagt er. Aber die Hauptstadt, Ulan Bator, sei ein kleines bisschen wie Berlin. Dort möchte er wohnen, in einem Haus mit fester Anschrift. Ganz legal.