Integration "Ach ja, ich bin ja eigentlich Türke"
Häufig ist er selbst der erste, der Witze über seine Herkunft macht. Ob er einen überdeutlichen türkischen Akzent imitiert oder ob er eigene Versprecher mit "Ich bin halt der Türke" kommentiert - schon lange bevor Komiker wie Erkan & Stefan oder Kaya Yanar den Multikultiwitz salonfähig machten, erkannte Medizinstudent Gediz Taskaya das unerschöpfliche Pointenpotential kultureller Eigenheiten.
"In meinem Freundeskreis sind fast nur Deutsche, für die bin ich immer der Quotentürke", sagt der 26-Jährige. "Wahrscheinlich bin ich der am besten integrierte Türke in ganz Deutschland." Mit anderen türkischen Jugendlichen hatte er außerhalb der eigenen Familie kaum zu tun, er spricht besser Deutsch als Türkisch, und wenn er Verwandte in der Nähe von Izmir besucht, ist das für ihn kein Heimkommen, sondern Urlaub.
Die Eltern sind da anders, sie haben oft türkische Freunde oder Verwandte zu Besuch. "Nur bei Familienfesten wird mir wieder klar, wo ich eigentlich herkomme", sagt Taskaya, der in seiner Freizeit Schlagzeug in einer Rockband spielt. "Und in der Dönerbude denke ich manchmal 'Ach ja, du bist ja eigentlich Türke, du verstehst ja alles, was hier gesprochen wird.'"
Taskayas Vater kam als 18-Jähriger nach Krefeld, um Elektrotechnik zu studieren. Immer wieder trichterte er dem Sohn ein, als Ausländer müsse man 50 Prozent mehr arbeiten, um das Gleiche zu erreichen wie ein Deutscher. Der selbständige Unternehmer hatte häufig den Verdacht, dass Vertragsabschlüsse an Vorurteilen gegenüber seiner Herkunft scheiterten. Um dem eigenen Nachwuchs diese Probleme zu ersparen, wurde zu Hause fast nur Deutsch gesprochen.
Derzeit absolviert Gediz Taskaya sein Praktisches Jahr in einer Düsseldorfer Kinderklinik - seine Sprachkenntnisse sind dort oft sehr nützlich. Wenn türkische Patienten oder ihre Eltern kaum Deutsch verstehen, hilft Taskaya als Dolmetscher. "Das ist schon verrückt, manche der Eltern haben mehr Vertrauen zu mir als zu den erfahrenen Oberärzten, nur weil ich ihre Sprache spreche", sagt Taskaya.
Als er 19 war, wurde Taskaya in einem Club in Krefeld von ein paar betrunkenen Neonazis mit ausländerfeindlichen Sprüchen beschimpft. Er war damals mit einigen Deutschen und einem anderen Türken unterwegs. "Was sie genau gesagt haben, weiß ich nicht mehr, wir sind dann ziemlich schnell aus dem Club geflohen, bevor es zur Schlägerei kam." Sonst habe er jedoch kaum Probleme gehabt, häufig werde er wegen seines Aussehens für einen Spanier oder Italiener gehalten. Beklagen will er sich darüber nicht. "Die Frauen stehen drauf", sagt er und grinst.
"Deutschländer" auf der Türkei-Reise
Stärkere Vorurteile als in Deutschland erlebte er bei Reisen in die Türkei, wo "Deutschländer" ein Schimpfwort für Migranten ist. Manchmal bekam er auch Neid zu spüren, weil es seine Familie in Deutschland zu Wohlstand gebracht hat. Als er noch Schüler war, fuhr die Familie jedes Jahr im Sommer für sechs Wochen in die Nähe von Izmir zu Verwandten. "Was mir an der türkischen Kultur besser gefällt, ist die überschwängliche Gastfreundschaft, der familiäre Zusammenhalt", sagt Taskaya.
Eine wenig erfreuliche Begegnung mit Landsleuten hatte Taskaya vor ein paar Wochen in einer S-Bahn in der Nähe von Düsseldorf-Bilk. Eine Gruppe von jungen Türken und Arabern ließ ihren pubertären Aggressionen mit Tritten gegen die Tür freien Lauf, bis sie nicht mehr zuging. Als der Schaffner dazukam und fragte, wer dafür verantwortlich sei, habe er als Antwort nur Sätze wie "Ey, deine Mutter hat die Tür eingetreten" bekommen. "Mir war die Szene echt peinlich", sagt Taskaya.
Lustig fand er aber die gestelzte Ausdrucksweise eines anderen Fahrgastes, als der Schaffner kam. "Der war echt sauer und sagte wörtlich: 'Die von uns in diesem Land geduldeten Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben gegen die Tür getreten.'."
Aufgezeichnet von Stephan Orth